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Sie ist so frei

Katarzyna Mol-­Wolf ist sieben Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter aus Polen nach Deutschland flieht. In eine neue Welt, die sie staunen, stolpern und vor allem lernen lässt: Was Freiheit wirklich bedeutet und was alles möglich ist, wenn Mut den Zweifel besiegt. Darin übt sich die Emotion­-Verlegerin noch heute tagtäglich – und gilt doch längst als Vorzeigefrau der Zeitschriftenbranche.

Von Roland Karle

Es ist im Oktober 2008, Katarzyna Mol fühlt sich bestens. Privat hat sie den Mann fürs Leben gefunden und beruflich geht es für die Verlagsleiterin von Emotion voran: Der Anzeigenumsatz des Gruner+Jahr­-Titels liegt 150 Prozent über dem Vorjahreswert, die schwierigste Phase der vor zwei Jahren gestarteten Zeitschrift scheint überwunden zu sein.

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Katarzyna Mol-Wolf: Vom Flüchtlingskind zur erfolgreichen Verlegerin

Doch als sie an diesem Tag auf den Münchner Medientagen unterwegs ist, macht plötzlich eine beunruhigende Nachricht die Runde. Bei Gruner+Jahr  kursiere eine „Todesliste“ mit von der Einstellung bedrohten Zeitschriften, ganz oben stehen Park Avenue, Healthy Living – und Emotion. Das Magazin verkauft zu dieser Zeit im Schnitt rund 130.000 Hefte pro Erscheinen, etwas mehr als die Hälfte im Einzelverkauf und Abonnement.

Das ist ganz ordentlich für einen Newcomer. Jedoch: Das Auflagenziel von 150.000 Exemplaren ist noch nicht erreicht und das Anzeigengeschäft liegt trotz aktueller Besserung unter den im Business Plan festgeschriebenen Erwartungen. Emotion ist ein Zeitschriftenbaby, das noch gepäppelt werden muss, das Zeit braucht, um sich zu entwickeln.

Aber Zeit und Geld werden knapp, wie aus einem in der Fachpresse öffentlich gewordenen Brief des Vorstandsvorsitzenden Bernd Kundrun an die Belegschaft hervorgeht. Was drin steht, verheißt nichts Gutes: Der Verlagschef schreibt von einer „schweren Finanz­- und Wirtschaftskrise und daraus resultierender Zurückhaltung der Anzeigenkunden“. Es sei „notwendig, dass wir in den nächsten Wochen unser Portfolio um jene Titel bereinigen, die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen“.

Wenig später wird Katarzyna Mol klar: Ihr Weg bei Gruner+Jahr geht bald zu Ende. Sie arbeitet seit knapp zehn Jahren für den Verlag, in dem sie sich wohl gefühlt hat und engagiert zu Werke gegangen ist. Sie hat viel gelernt, was Medienmachen und ­vermarkten angeht, aber eines nicht: „Das politische Geschick, das man in einem Konzern braucht, habe ich mir nie angeeignet“, sagt Mol. „Ich habe damals erkannt, dass ich kein Konzerntyp bin.“

Das ist nun knapp viereinhalb Jahre her und fühlt sich für sie wie eine halbe Ewigkeit an. Die ehemalige Verlagsangestellte ist nun selbst Verlegerin und Eigentümerin von Emotion. Die Zeitschrift hatte bei G+J tatsächlich keine Zukunft, sollte verkauft oder gar eingestellt werden. Mol hatte zuvor schon zu wenig Unterstützung und Überzeugung des Medienhauses gespürt und sah sich nun bestätigt in ihrer Einschätzung, dass „das Herz des Verlegers zu oft von dem des Kaufmanns übertönt wird.“ Nach dramatischem Hin und Her – dazu später mehr – bekam sie im Zuge eines Management­-Buy-­Outs (MBO) Ende 2009 den Zuschlag.

Damit einher ging der Umzug von München, wo heute noch ein Redaktionsbüro um Chefredakteurin Dorothee Röhrig residiert, nach Hamburg. Aus den anfangs neun festen Mitarbeitern sind aktuell 38 geworden. Der Verlag firmiert als Inspiring Network. Ein Name, der für das steht, was sich Katarzyna Mol für ihren Neustart vorgenommen hat: ein inspirierendes Netzwerk von kreativen Machern, in dem Zeitschriftenprojekte wachsen und gedeihen. Was allerdings nicht naturgesetzlich verankert ist, wie die Jungverlegerin gleich feststellen musste. Im ersten Jahr schlitterte Emotion in die Krise, weil Anzeigenbuchungen ausblieben. Die Werbekunden zeigten sich unsicher, wollten erst mal abwarten, wie sich der relaunchte Titel entwickeln würde.

Es ist die erste große Bewährungsprobe für die Unternehmerin Mol. Erst im Herbst 2010 springt das Anzeigengeschäft wieder an, die ärgsten Befürchtungen treten nicht ein. „Wenn ich am Gebäude von Gruner+Jahr vorbeifahre, dann weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war“, sagt die promovierte Juristin, „aber ich bin froh, dass ich damals nicht wusste, wie das erste Jahr verlaufen würde.“

Inzwischen schreibt Emotion schwarze Zahlen, lag 2011 erstmals im Plus. Im Jahresschnitt 2013 kam das Heft auf einen Gesamtverkauf von 64.659 Stück, innerhalb von zwei Jahren entspricht das einem Zuwachs von 13 Prozent. Das ist mehr als ordentlich in einem überwiegend schrumpfenden Wettbewerbsumfeld, aber auch noch ein gutes Stück weg von der anvisierten 100.000er­Marke. Die galt übrigens bei Gruner+Jahr lange Zeit als unterste Grenze, um eine Zeitschrift wirtschaftlich betreiben zu können. Mol will beweisen, dass es auch anders geht. Dass spitz positionierte Titel, die in einer zugewandten Leserschaft Wurzeln schlagen und über Print hinaus ein Markenversprechen einlösen, sehr wohl auch ökonomisch Freude machen können.

Emotion zählt 8012 Abonnenten und verkaufte 2013 im Einzelhandel durchschnittlich 33.581 Exemplare. Zugleich entwickelte sich das Anzeigengeschäft schwungvoll. Der Bruttowerbeumsatz kletterte gegenüber 2012 um 13 Prozent auf erstmals knapp über fünf Millionen Euro. Hinzu kommen Einnahmen aus Sonderheften, Büchern, digitalen Angeboten sowie Vorträgen, Seminaren und Workshops unter der Marke Emotion. Schon als der Titel bei G+J 2006 startete, hatte Mol­-Wolf den Auf-­ und Ausbau solcher flankierender Angebote im Blick – jetzt kann die entscheidungsfreudige Verlegerin sie umsetzen. Rund ein Viertel des Umsatzes, so ihre Prognose, werden sich künftig durch Nebengeschäfte erwirtschaften lassen.

Die Marke Emotion ist die deutlich stärkste Erlösbringerin von Inspiring Network, aber längst nicht mehr das einzige Geschäftsfeld. Als erste Neugründung des Verlags ging im Herbst 2011 das Philosophiemagazin Hohe Luft an den Start. Es soll in diesem Jahr der Investitionsphase entwachsen, die schwarze Null wird angepeilt. Inspiring Network arbeitet zudem als redaktioneller und/oder Vermarktungspartner für Impulse, Madame, Die Deutsche Bühne, Tierwelt live, Trend update des Zukunftsinstituts sowie die Verbandsmagazine Die Unternehmerin und Tempra. „Wir verstehen uns als Manufaktur für Qualitätsmedien“, sagt die Verlegerin. „Mich reizt es, journalistische Produkte kreativ und erfolgreich voranzubringen – ohne ein dickes finanzielles Polster zu haben.“

Es ist früh im Jahr 2014, Mol sitzt bei einem Medienkongress in Frankfurt. Solche Events bieten Gelegenheit zum sich Austauschen, alte Bekanntschaften zu treffen und neue zu schließen. Die 40­Jährige, die seit ihrem Ausstieg bei G+J auch privat mit Hochzeit – sie heißt jetzt Mol­-Wolf – und der Geburt ihres ersten Kindes Prächtiges erlebt hat, wird oft zu solchen Branchentreffs eingeladen. Nicht ins Publikum, sondern aufs Podium. Gerade erst war sie in München und erzählte über „Die Magie von Print. Neue Impulse aus der Printlandschaft und Erfolgskonzepte von Medienmachern“. Mol­-Wolf ist schließlich eine Jungverlegerin zum Vorzeigen, eine Mutmacherin, die im schwierig gewordenen Zeitschriftengeschäft die Hoffnung verbreitet, dass die Zukunft anders, vermutlich sogar anstrengender sein wird, aber dennoch erfolgreich sein kann.

Erfolg ist auch das große Thema heute Abend in Frankfurt, wo in der Alten Oper die Fachzeitung Horizont die „Männer und Frauen des Jahres“ kürt. In der Kategorie „Marketing“ wird Markus Mosa ausgezeichnet, der Vorstandsvorsitzende von Edeka.

Edeka. Da werden Erinnerungen wach. „Blaue Buchstaben auf gelbem Grund verrieten den Namen Edeka. Ich beobachtete, wie Menschen hineingingen und nach längerer Zeit mit bunten Tüten wieder herauskamen. … Ich weiß nicht mehr, ob wir etwas gekauft haben. Ich weiß nur noch, dass ich aus dem Staunen nicht herauskam. So ein Angebot hatte ich noch nie gesehen. Wie konnte es sein, dass es bei uns keinen Edeka gab?“ So schreibt Mol-­Wolf in ihrem Buch „Mit dem Herz in der Hand“, das 2012 erschienen ist. Sie schildert darin ihr Leben, das am 19. Juni 1981 eine krasse Wendung nahm.

Ihre Mutter erhielt einen Anruf, reagierte seltsam verstört darauf und kündigte ihrer siebenjährigen Tochter an, dass sie von einem Freund aus München abgeholt und für ein paar Wochen in Deutschland bleiben würden. Wie die kleine Katarzyna erst später erfuhr, sollte die Mutter in ihrer polnischen Heimat verhaftet werden. Die Ingenieurin war Mitglied der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc, kämpfte für mehr Freiheit und soziale Gerechtigkeit und geriet nun in die Fänge des Staatsapparats.

Von einem Tag auf den anderen wird aus einem behütet aufwachsenden Mädchen ein Flüchtlingskind und aus einer Akademikerin in angesehener Stellung eine Spülhilfe. Sie können kein Deutsch, fangen in München ein komplett neues Leben an. Die Flucht prägt das Verhältnis Mol-­Wolfs zur Mutter bis heute: „Sie wurde meine Heldin.“ Auch dass sie sich, trotz vieler Versuche des Versöhnens und wieder Probierens, von ihrem alkoholabhängigen und zur Gewalt neigenden Mann nach drei Jahren Ehe trennte, wertet die Tochter als große Leistung. „Je älter ich wurde und je mehr ich von damals erfuhr, desto mehr verstand ich sie“, heißt es im Buch, das die treffende Unterzeile „Eine Geschichte über die Freiheit, das Glück, meine Mutter und mich“ trägt.

Die Mama steigt auf zum großen Vorbild für die Tochter: „Ich wollte so werden wie sie.“ Was dazu führt, dass Katarzyna sie auf keinen Fall enttäuschen will. Eine Bürde, unter der sie leidet. So stellt die junge Frau nach anfänglicher Begeisterung fest, dass Jura für sie nicht das richtige Studium ist – zieht es aber bis zum Examen durch („Ich wollte keine Versagerin sein“). Als sie gegen ihr Gefühl schon nach sieben Semestern zur Prüfung antritt, fehlen ihr 0,04 Punkte zum Bestehen. „Ich habe versagt. Wie soll ich das nur meiner Mutter beibringen?“, ist ihr erster Gedanke.

Die Mutter reagiert nicht enttäuscht, sondern tröstet sie und leidet einfach mit. Die Tochter ist „erleichtert, als ich spüre, dass sie mich wegen meines Scheiterns nicht verachtet“. Sie wertet diese Situation als eine der vielleicht entscheidenden Wendungen in ihrer Beziehung. Und sie versteht dabei so deutlich wie kaum zuvor, dass „uns Tiefpunkte helfen und auch stärker machen“. Eine Erkenntnis, die ihr später im Kampf um Emotion genutzt hat.

Denn Gruner + Jahr meinte es ernst. Der Verlag sollte wetterfest für das heraufziehende Marktgewitter gemacht werden. Was nicht tief verankert und wirtschaftlich stabil genug war, stand zur Disposition. Das änderte sich auch nicht, als Bernd Buchholz als Kundrun­-Nachfolger anheuerte. Der neue Kapitän verschärfte eher noch die Sturmwarnung. Während Mol­-Wolf fest davon überzeugt war, dass in der Medienmarke Emotion viel Potenzial steckt, aber sie mehr Zeit braucht, um es zu entfalten, blieb ein klares Bekenntnis von G+J zur Fortführung des Titels aus. Neu gewonnene Anzeigenkunden sprangen wieder ab, das ermutigende Ergebnis von 2008 konnte im Jahr darauf nicht gehalten werden.

Zu dieser Zeit hat sich Mol längst dazu entschlossen, Emotion zu kaufen und bittet um ein Gespräch mit dem Vorstandschef. Nachdem sie ihr Konzept vorgestellt und dabei auch eine G+J-­Beteiligung als Option angeboten hat, sagt Buchholz: „Ich finde deinen Vorschlag wirklich sportlich. Beteiligt bleiben möchten wir auf keinen Fall. Entweder du kaufst den Titel ganz oder gar nicht.“ Dann legt der Vorstandschef die Spielregeln fest: In den kommenden acht Wochen muss die Finanzierung stehen. Zugleich werde G+J weiterhin nach einem Investor suchen. Und am Ende sei es dann ganz einfach, teilt Buchholz mit: „Das bessere Angebot gewinnt.“

In Zahlen heißt das: Mol muss über eine Million Euro auftreiben, um eine Chance zu haben. Es sind nicht wenige im beruflichen und familiären Umfeld, die sie vor dem Kauf der Zeitschrift und dem Sprung ins Unternehmertum warnen. Doch allen Zweifeln und Zweiflern zum Trotz – sie ist überzeugt, das Richtige zu tun. Auf dem Weg zur Geldbeschaffung muss die angehende Unternehmerin hohe Hürden überspringen und so manche ernüchternde Erfahrungen mit Banken und Finanzinvestoren verdauen. Schließlich sagen die Beteiligungsgesellschaft und Bürgergemeinschaft Hamburg (BTG/BG) und die Hamburger Sparkasse zu, einige private Investoren beteiligen sich – das erforderliche Kapital für den Emotion-­Kauf ist beisammen.

Kurz vorm Ziel wird es turbulent. Erst zieht Gruner+Jahr seine Zusage zurück, weil ein Verlag ein Angebot für Emotion und Healthy Living abgibt. Als der Deal doch nicht zustande kommt, ist Mol wieder im Spiel. Dann tauchen anonyme Verleumdungen gegen sie auf, die den G+J­-Vorstand beunruhigen und die ausgeräumt werden müssen. Die Zeit wird knapp. Am 18. November 2009 wird der Täter überführt, am 19. November unterschreibt Mol den Kaufvertrag. Die Pressemitteilung, dass Emotion eingestellt werden soll, ist zu diesem Zeitpunkt bereits formuliert.

Es ist gut gegangen. Und Katarzyna Mol­Wolf erlebte wieder einmal: „Man kann alles erreichen, wenn man nur an sich selbst glaubt.“

 

14 Fragen an die Emotion­-Verlegerin Katarzyna Mol­Wolf

Welches Buch lesen Sie gerade?
Jonathan Franzen „Freiheit“

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag?
SZ Print, Handelsblatt­ und Spiegel­-Online­-App

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind?
Der MBO

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte?
Der MBO ;­)

Die wichtigste Fähigkeit einer Verlegerin?
Neugier, Mut und Leidenschaft

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner?
Ein großes Glück ist es, dass ich immer wieder neue inspirierende Gesprächspartner treffe

Was treibt Sie an?
Meine verlegerische Vision und mein Freiheitsdrang

Ihr Lieblingsberuf nach Verlegerin?
Galeristin

Ihr Lebensmotto?
Glück ist eine Entscheidung

Ihr größtes Laster?
Emotionale Filme und Serien. Aktuell: Downton Abbey.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Zeit mit meiner Familie verbringen.

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten?
New York

Welchen Wunsch wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen?
Einen sportlichen Youngtimer

2017-08-21T14:14:26+00:00 15. März 2014|0 Comments