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Der Getriebene

Christian Frommert war jahrelang Journalist, heute ist er Mediendirektor des Fußball­Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim – und der bekannteste Magersüchtige Deutschlands.

Von Roland Karle

Plötzlich war das Schnitzel weg. Der grauhaarige Mann hatte es Christian Frommert einfach vom Teller stibitzt. Sein Aufruhr hielt sich in Grenzen, er war allenfalls verblüfft über den spontanen Zugriff und, ja, auch ein bisschen dankbar. Denn ungeplante Mahlzeiten, zumal fett und fleischig, bereiten ihm Stress.

Frommert

Christian Frommert: Kommunikation ist seine Stärke

Wie gut also, dass Dietmar Hopp, Eigentümer des Fußball­-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, bei jenem Sponsorentermin gedankenschnell reagierte und Frommert freundlicherweise beklaute. Dadurch befreite er Frommert aus drohender Erklärungsnot („Schmeckt’s Ihnen nicht? Haben Sie keinen Appetit?“). Und die auf dem Teller übrig gebliebenen Spargel waren ein verkraftbarer Kompromiss. Das Stangengemüse besteht zu mehr als 90 Prozent aus Wasser, ist arm an Kalorien – und daher keine Gefahr für Frommert.

Peinlich genau achtet der 48­-Jährige darauf, was und wie viel er zu sich nimmt. Gegessen wird nur einmal am Tag, bevorzugt gegen 19 Uhr und möglichst zu Hause. Daran immerhin hält sich Frommert, lässt das Essen nicht mehr ausfallen wie früher, als er auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod wandelte.

Christian Frommert ist Deutschlands wohl bekanntester Magersüchtiger. In seinem Büro im Trainingszentrum des Fußballklubs gibt er sich an diesem Spätvormittag aufgeräumt und guter Stimmung. Er sieht sehr schlank aus, aber nicht besorgniserregend dünn. Es könnte trotzdem gefährlich sein, ihm mitzuteilen, dass er gut aussieht. Magersüchtige halten das für eine rohe Botschaft, knapp übersetzt: „Du bist aber fett geworden.“ Es gab Zeiten, da schloss sich Frommert nach solchen Sätzen zu Hause ein und verweigerte tagelang das Essen. Inzwischen is(s)t er weiter. Ein Fortschritt, denn: „Mein Körper ist weiter als der Kopf. Ich halte mich für unglaublich fett, aufgebläht wie ein Fesselballon“, sagt Frommert.

Essen ist kein Genuss, es ist Zwang. Er muss es sich verdienen, deshalb treibt er extensiv Sport. Jeden Morgen, oft schon um 4 Uhr, legt Frommert los. Er läuft, macht Gymnastik und strampelt auf dem Hightech­-Hometrainer. Manchmal stundenlang. Die tägliche Dosis hat er stets hinter sich, wenn er an seinem Arbeitsplatz eintrifft. Seinen Job erledigt er ohne Einschränkung, da geht er in die Vollen.

Es sei viel zu tun, sagt Hoffenheims Direktor für Kommunikation und Medien, obwohl der Fußball noch schlummert. Die Profis haben gerade erst das Training wieder aufgenommen. Der ganz normale Wahnsinn, wie er sich während der Saison abspielt, macht noch ein bisschen Pause. Für Frommert gilt das nicht. Er arbeitet permanent an Konzepten, brütet über Ideen und überhaupt: Die Bundesliga zieht so viel Interesse auf sich, dass nicht mal in der Sommerpause richtig Ruhe eingekehrt. Dann herrscht nämlich Wechselfieber in der Liga. Wo werden die Trainer ausgetauscht, welche Spieler gehen, welche kommen?

Die TSG Hoffenheim hat gerade den Wechsel ihres Brasilianers Roberto Firmino zum FC Liverpool bekannt gegeben. Da machte auch der sonst eher im Schatten stehende Klub große Schlagzeilen: 41 Millionen Euro plus eventuelle Nachschläge bei sportlichen Erfolgen überweisen die Engländer an den Kraichgau­-Club. So viel Ablöse wurde noch nie für einen Spieler aus der Bundesliga bezahlt.

Hoffenheim ist in diesem Fall der Nutznießer. „Der Markt regelt den Preis“, erklärt Frommert. Einerseits. Der Direktor für Kommunikation und Medien kann aber auch verstehen, wenn solch exorbitante Summen auf Unverständnis in der Öffentlichkeit stoßen. „Ich halte die Entwicklung nicht immer für vernünftig. Aber der Fußball kennt derzeit offensichtlich kein Limit.“ Christian Frommert genießt aber auch das Mittendrin­-Sein und die enorme Beachtung, die der Lieblingssport der Deutschen auf sich zieht. „Ich bin mit Leib und Seele Kommunikator“, sagt er.

Im Ballgewerbe ist der Medienchef dabei besonders herausgefordert. Denn dort drehen sich Stimmungen von einem Spieltag zum anderen. Ein gewonnenes oder verlorenes Spiel kann vieles ändern. Sympathie oder Abneigung hängen manchmal nur an einem Tor. „Der Sport steckt voller Emotionen“, sagt Frommert. Durch Internet und digitale Medien hat sich der Informationsstrom beschleunigt. Nie ist Sendepause, immer geht was. Wer will, kann sich jederzeit und überall informieren – und online selbst mitkommentieren.

Dem Rausch der Geschwindigkeit können die Medien kaum widerstehen. „Da werden mitunter Themen hochgezogen und Kampagnen gefahren, nur um Klicks und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, sagt Frommert. Damit einher gehen erhöhte Empörungsbereitschaft und Verrohung der Sprachsitten, findet er. „Nicht nur, aber vor allem im Sport werden die Akteure schnell zum Trottel, Versager oder Deppen abgestempelt, und vielleicht eine Woche später schon wieder zum Helden erklärt“, beklagt Frommert. „Durch die permanente Lust am Skandalisieren fehlt es an Gelassenheit und notwendiger Differenziertheit.“

Das immer höhere Tempo geht zu Lasten von Qualität und Tiefe. Ein Befund, den Christian Frommert nicht exklusiv erhebt. Und zugleich eine Tatsache, der er sich stellen muss. „Mir ist das direkte Gespräch mit Journalisten wichtig, um die Sicht der Dinge auszutauschen und sich mit offenem Visier zu begegnen“, sagt er. Etliche Journalisten hat Frommert in den Kraichgau eingeladen, damit sie dem Klub und seinen Machern begegnen, sich ein echtes Bild machen – in Nahaufnahme, nicht nur vom Hörensagen.

Seit knapp zwei Jahren kümmert sich Frommert auf Direktionsebene, also direkt unterhalb der Geschäftsführung, um Kommunikation und Medien. Eine Stelle, die es vorher nicht gab – und ein Hinweis, dass hier Nachholbedarf herrschte. Mit Frommerts Verpflichtung erhoffte sich der Klub, dass sich das Ansehen der bundesweit eher mäßig beliebten TSG 1899 Hoffenheim verbessern würde. Zuvor hatte er dort einige Monate als Berater zugebracht und erkannt, dass der anfangs durchaus anerkannte Dorfklub zum geschmähten Emporkömmling geworden sei. Der schnelle Erfolg, der in der Herbstmeisterschaft 2008 gipfelte, habe dem Verein nicht gutgetan. „Hoffenheim war nicht mehr authentisch. Es kam zu einer Kommunikationskrise, aber es gab keine Krisenkommunikation“, sagt Frommert.

Unter seiner Ägide hat sich die Zahl der Facebook-­Freunde innerhalb von 15 Monaten auf rund 185.000 fast vervierfacht, auch die Zugriffe auf die gerade komplett renovierte Homepage und die Videos dort sowie auf Youtube sind nennenswert gestiegen. Das bisherige Stadionheft wird durch das monatliche Magazin Spielfeld ersetzt. „Wir haben noch viele Ideen“, kündigt Frommert an.

Knapp sechs Jahre ist es her, da schaute er nicht in die Zukunft, sondern in den Abgrund. An Weihnachten 2009 hatte sich der 1,84 Meter große Mann auf 39 Kilo heruntergehungert und brach im Hauseingang zusammen. 28 Stufen trennten ihn von seiner Wohnungstür, in diesem Moment eine unüberwindbare Distanz. Er schaffte es gerade noch, die Nummer von DFB-­Marketing-­Direktor Denni Strich in sein Mobiltelefon zu tippen. Der ist ein guter Freund, einer, der da ist, wenn es brennt. Strich machte sich auf den Weg und traf auf einen hilflosen, protestierenden Notfall, den er die Treppe hinauftrug. „Mir war die Sache unendlich peinlich“, erinnert sich Frommert. Der Scham folgte ein Schwur. „Es muss aufhören. Ich fange wieder an zu essen.“

Doch Frommert schaffte es erneut, abstinent zu bleiben und seiner Vertrauten Anna, wie er die Magersucht in Anlehnung an den Fachbegriff Anorexie nennt, zu gehorchen. „Das ist das Wesen meiner Krankheit: Sie lässt nie locker, sie gewinnt immer.“ Es gibt Bilder von ihm, für jedermann im Internet zugänglich, auf denen er mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Knochig, ausgemergelt, krank. Als Jugendlicher war Frommert eher pummelig, wog als junger Erwachsener mal 140 Kilo, fand sich unattraktiv. Als seine damalige Freundin für ein Jahr nach Australien ging, speckte er ab – 60 Kilo. Er merkte, dass er mit wenig Essen auskommen kann und fand Gefallen am Dünnsein.

Doch Magersucht war erstmal für viele Jahre kein Thema. Frommert arbeitete als Sportjournalist und Wirtschaftsredakteur bei der Frankfurter Rundschau (FR), wurde dann Pressesprecher von T-­Mobile und machte sich später als Kommunikationsberater selbstständig. Den Weg in den Journalismus fand Frommert über den Sport. Er verfasste Spielberichte über seinen Heimatverein VfR Bürstadt und landete bei der FR, wo er volontierte, als Wirtschaftsredakteur und Chef vom Dienst arbeitete, später Geschäftsführer der Verlagstochter Main Sign wurde. An seine 15 Jahre bei der FR erinnert sich Frommert, trotz finanziell immer schwieriger werdender Umstände im Verlag, bis heute gerne. „Wir waren ein verschworener Haufen und die Rundschau für mich stets eine Herzensangelegenheit“, sagt er.

Als Wirtschaftsjournalist schrieb Frommert damals auch über die Telekom. Die T­-Aktie hatte den freien Fall angetreten, das Unternehmen stand nicht im besten Ruf, die Medien prügelten gerne mal drauf ein. Frommert findet, dass er seinerzeit „hart, aber fair berichtet“ hat. Eine Einschätzung, die Philipp Schindera offenbar teilte. Der heutige Leiter Corporate Communications der Deutschen Telekom fragte Frommert, ob er einen geeigneten Kandidaten für die Leitung der Sponsoring­-Kommunikation des Konzerns wüsste. Er nannte einen Namen und hörte Schindera darauf sagen: „Falsche Antwort.“ Die Telekom wollte Frommert – und der sagte zu.

Nun war er unter anderem zuständig für die Medienarbeit des T-­Mobile Teams um Radstar Jan Ullrich. Eine Position im Rampenlicht. Als Ullrich 2006 einen Tag vor Beginn der Tour de France wegen Dopingverdachts suspendiert wurde, war Christian Frommert auf sämtlichen TV-­Bildschirmen präsent und erklärte, warum. Auch wenn der Anlass eher freudlos war, so empfand der Sprecher einen enormen Bedeutungszuwachs. „Die Welt umschmeichelte mich“, beschrieb Frommert später die Zeit bei der Telekom. Als die aus dem Radsport ausstieg, schmiss auch Frommert hin und machte sich als Kommunikationsberater selbstständig. Was er bald darauf feststellte: „Die Glotze lief weiter, aber der Frommert war nicht mehr drin.“

Eine Situation, die ihm zusetzte. „Ich denke, dass man mich nur mag, wenn ich etwas dafür tue“, sagt er. Es sei sein Anspruch zu funktionieren. Nach seiner Kündigung im Sommer 2008 nahm er sich eine Auszeit und reiste für einige Wochen nach Südafrika. Es begann „die Fahrt in den Winter meines Lebens“, wie er in seinem Buch „Dann iss halt was!“ schreibt. Aus einem gesunden Menschen wurde bald eine Gestalt aus Haut und Knochen. Als äußerst hilfreich erwies sich dabei der von ihm erfundene Frommert­-Triathlon: Radfahren, Laufen, Hungern. Als sein Gewicht immer weniger und seine Krankheit immer schlimmer wurde, litt Frommert, aber er hörte nicht auf zu arbeiten. „Ich bin getrieben und definiere mich über die Arbeit.“ Diese Unruhe habe ihm geholfen, sich nicht ganz zu verlieren. Wie viel er heute wiegt, weiß er nicht. Das letzte Mal, dass er auf einer Waage stand, ist fünf Jahre her. Damals machte er eine Therapie am Chiemsee, ein halbes Jahr nach seinem Zusammenbruch. 40,7 Kilo standen auf der Anzeige.

Beruflich ist Frommert voll auf der Höhe. Die TSG Hoffenheim bewegt sich inzwischen in sportlich ruhigerem Fahrwasser, auch in der Image-­Tabelle hat sie gepunktet. Über die beschleunigte Medienwelt denkt er viel nach, er erlebt sie ja jeden Tag. „Printmedien brauchen den Mut, ihre Stärken zu stärken und einen Kontrapunkt zu setzen gegen die Hektik des Digitalen.“ Im Wettbewerb um Aktualität ist Online nicht zu schlagen, also sollten Zeitungen sich nicht damit aufhalten, Nachrichten zu transportieren, sondern sie einzuordnen.

Ob Frommert, der 15 Jahre lang leidenschaftlich Zeitung machte und sich auch mit verlegerischen Fragen beschäftigte, irgendwann dorthin zurückkehrt? „Printmedien und vor allem Zeitungen zu verändern, ihnen einen neuen Kick zu geben, das wäre eine spannende Herausforderung“, sagt er. Als Jobbewerbung ist das jedoch nicht zu verstehen. Im dauerbeschleunigten Fußball fühlt sich Frommert wohl, dort kann er seine Kommunikationsfreude ausleben. Und hat einen so fürsorglichen Chef, der ihm sogar das Schnitzel vom Teller nimmt.

 

15 Fragen an den Mediendirektor Christian Frommert

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag? Am Vorabend schon die Süddeutsche und die Bild des nächsten Tages als E-­Paper, morgens Radio. Im Bürofolgt dann die Lektüre des Pressespiegels.

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten? Facebook, Spiegel Online

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind? Ich empfinde weder Triumph noch Stolz oder Frustration ob einer Entscheidung. Eine klare Entscheidung nach intensiver Abwägung zu treffen, erachte ich als eine Notwendigkeit.

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte? Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich, mit denen es umzugehen gilt. Die intensivste Auswirkung – auch persönlich ­ hatte sicherlich die Suspendierung von Jan Ullrich vor dem Start der Tour de France 2006

Die wichtigste Fähigkeit eines Mediendirektors? Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit, Authentizität, konzeptionelles Denken und Handeln.

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner? Ich hatte und habe das große Glück, mich privat wie beruflich mit sehr vielen ernsthaften, humorvollen, tiefgründigen, erfahrenen, neugierigen, reflektierten und facettenreichen Menschen austauschen zu dürfen. Jede Form der Kommunikation ist wertvoll und interessant, wenn sie die Oberfläche verlässt und getragen wird von Ehrlichkeit, Offenheit, Authentizität und Empathie.

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt? Ich habe immer Augen und Ohren offen gehalten, um bei meinen verschiedenen Stationen im Journalismus, der Unternehmenskommunikation sowie der Öffentlichkeitsarbeit möglichst viel aufzusaugen, positiv wie negativ. In der Konsequenz muss man seinen eigenen Weg finden und ihn gerade gehen.

Was treibt Sie an? Die Leidenschaft für Kommunikation. In all ihren Ausprägungen.

Ihr Lieblingsberuf nach Medienmanager? So absurd es klingt: Koch

Ihr Lebensmotto? Ich halte wenig davon, (s)ein Leben unter ein Motto zu stellen.

Ihr größtes Laster? Unzufriedenheit

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Noch immer fällt es mir schwer, mir selbst mehr Freizeit einzuräumen. Wenn ich es mal schaffe, dann werkle ich am Haus, im Garten, lese ein Buch oder dilettiere auf der Gitarre.

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten? Vancouver

Welchen Wunsch wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen? Endlich wieder genießen zu können. Die Zwänge und Rituale, die mich derzeit noch gefangen halten, abzuschütteln.

2017-08-21T14:14:23+00:00 15. September 2015|0 Comments