Der Blogger bei Daimler

Seit Dezember arbeitet Sascha Pallenberg, einer der berühmtesten Blogger Deutschlands, in der Kommunikationszentrale bei Daimler. Für ihn ein Traumjob.

Von Helmut van Rinsum, Medienjournalist, München

Irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick, auch wenn das kitschig klingt. Im Jahr 2009 war Sascha Pallenberg zu einer Entwicklerkonferenz auf die Insel Taiwan eingeladen. Er kam gegen Mitternacht an, checkte im Hotel ein und beschloss, noch eine halbe Stunde durch die Stadt zu schlendern. Diese paar Minuten genügten ihm, um einen Beschluss zu fassen, den er heute als „völlig irrational, aber richtig“ bezeichnet. Er beschloss, seinen Wohnort nach Taipeh zu verlegen.

Kurz darauf packte er tatsächlich seine Koffer, was er bis heute nie bereut hat. „Taipeh ist ein Hightech-Standort mit einer faszinierenden Energie und Dynamik, wo infrastrukturelle Angelegenheiten schnell umgesetzt werden“, schwärmt Pallenberg. „Gleichzeitig aber auch eine Metropole, die traditionell asiatisch geprägt ist, trotzdem viele westliche Einflüsse aufweist.“ Eine Stadt zudem, die von dem Gedanken geprägt sei, den Menschen das Leben so angenehm wie möglich zu machen, mit einer weit verbreiteten Servicebereitschaft und viel digitalem Unternehmergeist. Im Grunde also die ideale Umgebung für Leute wie ihn, die bis heute ihr ganzes Berufsleben damit verbringen, digitale Trends aufzuspüren, sie zu analysieren und darüber zu berichten.

Nun muss man einräumen, dass Menschen wie Pallenberg einen Umzug in einen Inselstaat, 180 Kilometer von China entfernt, leichter bewältigen können als beispielsweise ein festangestellter Beamter, der spätestens morgens um 9 Uhr sein Büro betreten sollte. Der gebürtige Dortmunder kann im Grunde überall auf der Welt arbeiten, vorausgesetzt, die digitale Infrastruktur stimmt. Zum Zeitpunkt des Umzugs schrieb er für den Blog eeepcnews.de, den er kurz zuvor in Los Angeles gegründet hatte und der ihm zeigte, dass wirtschaftlicher Erfolg in der digitalen Welt allein von Idee und Umsetzung, aber nicht vom Wohnort abhängig ist. Nach vier Wochen hatte der Blog über 10.000 regelmäßige Leser, vier Wochen später konnte er finanziell davon leben. Nach weiteren vier Wochen kassierte er bereits Werbeeinnahmen im vierstelligen Bereich. „Es war wie ein Tsunami“, erinnert sich Pallenberg. „Da kommt man nicht mehr mit.“ Es sind diese unglaublich vielen Möglichkeiten, der hohe Takt an technischen Innovationen sowie die Unberechenbarkeit der Entwicklung, die Sascha Pallenberg an der Digitalisierung so faszinieren. Innerhalb von wenigen Wochen ein sattes Einkommen zu erzielen – nur mit dem nötigen Know-how sowie einer technischen Infrastruktur bestehend aus Laptop und Smartphone: Vor zwanzig Jahren wäre das schwer möglich gewesen. Andererseits aber hat der Blogger auch mit der Art, wie er kommuniziert, schon immer sehr genau den Nerv seiner Community getroffen.

Wie inspirierend die Atmosphäre von Taiwan auf Pallenberg wirkte, lässt sich an seinen weiteren Ideen festmachen. Er gründete die New Media Publishing and Consulting Ltd. und betrieb den Blog netbooknews, der sich in deutscher und englischer Sprache mit Netbooks, Tablets und Smartphones auseinandersetzte und schon bald als einer der besten IT-Blogs galt. Im August 2012, nach 45 Monaten Techblogging, über 11.000 Postings und rund 120.000 Kommentaren, schlug er dann ein neues Kapitel auf, das Pallenberg endgültig zu einem der international bekanntesten Blogger werden ließ. netbooknews mündete in dem Blog mobilegeeks, mit dem die Berichterstattung weiter professionalisiert wurde. „Im Dezember 2008 habe ich netbooknews noch alleine zusammengehackt, um dann pünktlich in der Silvesternacht online gehen zu können“, schrieb Pallenberg in seinem letzten Blogpost. „netbooknews war wohl der beste Beweis dafür, dass auch deutsche Techblogger international ordentlich was bewegen können und deshalb schalten wir nun mit mobilegeeks am morgigen Dienstag um 8 Uhr einen Gang hoch.“

Monatelange Bedenkzeit vor dem Wechsel zur Industrie

Gewissermaßen aus dem Stand heraus wurde mobilegeeks der führende deutsche Tech-Blog. 2016 machte er knapp 500.000 Euro Umsatz und einen Gewinn von fast 300.000 Euro. Obwohl längst ein Team von zehn Leuten für den Content sorgte, war der Blog aufs Engste mit der Marke Sascha Pallenberg verknüpft. Entsprechend sorgte es für ein mittleres Beben in der Blogger-Szene, als er verkündete, Ende Dezember 2016 sein Leben als unabhängiger Blogger aufzugeben und als festangestellter Mitarbeiter, als „Head of Digital Transformation“, zum Daimler-Konzern nach Stuttgart zu wechseln. Der Schritt fiel ihm nicht leicht, fünf Monate habe er überlegt, sagt Pallenberg. Doch die neue Aufgabe habe ihn über alle Maßen gereizt, zumal ihm Daimler alle erdenklichen Freiheiten einräumte. „Ich war 20 Jahre freischaffend, habe eine Firma aufgebaut, die nicht unerfolgreich war. Aber die Entscheidung ist ganz bewusst gefallen. Ich war Zeit meines Lebens Anhänger von Pionieren. Und Daimler ist ein Pionier.“

Jörg Howe, der Leiter der Globalen Kommunikation bei Daimler, reflektierte über den prominenten Neuzugang standesgemäß im Daimler-Blog. Die meisten Theorien gingen davon aus, dass der Konzern Pallenberg einfach eine Menge Geld für den Wechsel bezahle, womit man aber daneben liege. Howe: „Wer Sascha schon erlebt hat, der weiß, dass dieser Typ vor allem von einer Sache getrieben ist: der Ausschüttung von Endorphinen durch den Zugang zu Unterhaltungselektronik.“ Auch Autos würden immer mehr zu Produkten der Unterhaltungselektronik. Das sei der eine Beweggrund. Der andere: Daimler setze künftig verstärkt auf Owned Media, auf die eigenen Medienkanäle. Und für dieses Redaktionsteam brauche man eben auch kompetente Mitarbeiter.

Tatsächlich ist Pallenberg, 47, ein überzeugter Vertreter von Owned Media. Bei seinen eigenen Blogs wusste er immer genau, wie viele User er hatte, welche Beiträge geklickt wurden und welche die meisten Kommentare einbrachten. Alles wertvolle Insights, um treffsicher an der weiteren Optimierung des eigenen Content-Angebots zu arbeiten. Auch bei Daimler möchte er alle Zahlen genau kennen, um in der hoch dynamischen Medienwelt sofort reagieren zu können. Das aber geht nur, wenn man die eigenen Medienkanäle überblicken und steuern kann. Pallenberg spricht in diesem Kontext vom „Digitalen Stockholm-Syndrom“. Viele Marken hätten sich in die „Geiselhaft“ sozialer Netzwerke begeben. Sie hätten viel an Manpower und Geld investiert und hätten dann ohnmächtig mitansehen müssen, wie zum Beispiel Facebook seinen Algorithmus ändert und daraufhin die Reichweite um 50 % einbricht. Zudem könne man nie nachweisen, ob die veröffentlichten Zahlen tatsächlich die richtigen seien. „Bei uns kann ich aber genau messen, was auf unseren Plattformen und Seiten passiert, weil ich die Datenhoheit habe.“

Wer mit Sascha Pallenberg Kontakt aufnehmen möchte, merkt schnell, dass sich so viel nicht geändert hat. Man weiß eigentlich nie, wo er sich gerade befindet. Im Office der Unternehmenszentrale in Stuttgart? In Taipeh, seinem Wohnort, wo er ebenfalls bei Daimler einen Schreibtisch hat? Oder auf einer der zahlreichen internationalen Meetings und Konferenzen, auf denen er über die digitale Transformation und den Wandel bei dem Automobilkonzern referiert? Sascha Pallenberg, so viel steht fest, ist nach wie vor permanent auf der ganzen Welt unterwegs und trotzdem nie richtig weg. Denn der ständige Kontakt mit den digitalen Medien wird nur durch die wenigen Stunden Schlaf unterbrochen. Ansonsten ist er im Grunde immer online.

Nine to five? Das ist nichts für Pallenberg

Im Gegensatz zu vielen anderen Daimler-Angestellten gibt es für ihn den typischen Arbeitstag nicht. Nur der Start in den Tag weist seine Regelmäßigkeiten auf. Da Pallenberg für die tägliche Berichterstattung auf den digitalen Kanälen zuständig ist, muss er wissen, über was so berichtet und gesprochen wird. Nach dem Aufstehen greift er sich also das Smartphone und fährt den Laptop hoch, um zu erfahren, was da draußen in der Welt über Daimler so erzählt wird. Außerdem checkt er die weltpolitische Lage, der Konzern agiert ja nicht im luftleeren Raum, sondern ist überall eng in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Netze eingebunden.

„Wer Kommunikation macht, muss wissen, was die Menschen beschäftigt und was generell kommuniziert wird“, sagt er. Also überfliegt er die zehn reichweitenstärksten Medien des Landes, globale Titel wie New York Times oder Washington Post, dazu eine Fülle an Fachmedien, die sich mit der Mobilität und Digitalen Transformation auseinandersetzen, wofür er sich ein paar Feeds zusammengestellt hat. Schließlich die Postings auf sozialen Kanälen wie Facebook, LinkedIn oder Twitter. Bevor er dann eine knappe halbe Stunde zum Laufen geht, hat er das mediale Grundrauschen inhaliert. Und selbst die Joggingrunden verstreichen nicht ungenutzt. Dann hört er Podcasts mit Mobilitätsbezug.

Im Grunde besteht der Arbeitstag also zu 60 % darin, Medien zu konsumieren. „Für manche mag sich das nach Information-Overflow anhören“, so Pallenberg. „Aber letztendlich ist es genau das, was ich seit 20 Jahren mache. Mich kontinuierlich informieren, um zu entscheiden, wo und wie man darüber berichten soll.“ Ein Nachrichtenfluss, der nie abebbt. Ein Monitor auf seinem Schreibtisch ist für Newsstream und die Twitter-Feeds geblockt.

Nach dem Frühstück, die Fahrt ins Office. Ganz normaler Schreibtisch, Großraumbüro. Stempeln muss Sascha Pallenberg nicht, er genießt Vertrauensarbeitszeit. Anders würde es auch nicht gehen, denn das Thema beschäftigt ihn rund um die Uhr. Für ihn es kein Job, der um 9 Uhr beginnt und um 17 Uhr endet, sondern eine Aufgabe. Das war noch nie anders. „Ich hatte schon früher das Glück. Jeden Tag das zu tun, was ich liebe“; sagt er. „Und auch jetzt mache ich das, was ich immer machen wollte. „Ich kommuniziere über eine Branche im Wandel. Eine Branche, die für die Gesellschaft so viel verändert hat und weiter viel verändern wird. Das nimmt mich voll und ganz ein.“

Pallenberg trennt also nicht zwischen Beruf und Privatleben, alles geht fließend ineinander über. Dezember vor einem Jahr nahm er das erste Mal seit sieben Jahren Urlaub, zwei Tage lang musste er sich erst zurechtfinden. Doch dann sah er tatsächlich aus wie ein richtiger Tourist, mit Bermudashorts und Drink in der Hand. Auch in diesem Dezember geht es wieder nach Bali, um die Batterie für das kommende Jahr aufzuladen. Was dabei hilft: Bei Daimler gibt es eine Firmen-Policy, die besagt, dass man alle Mails, die man während seines Urlaubs erhält, ungelesen löschen darf.

Natürlich ist Sascha Pallenberg mit seiner Aufgabe innerhalb des Konzerns ein wenig der Exot. Auch äußerlich, denn er trägt nach wie vor Hoodie und Cap, auch wenn er als Referent in der Daimler-Welt international unterwegs ist. Und dann ist da noch die Sache mit dem RFID-Chip, den er sich zwischen Daumen und Zeigefinger in die Hand implantieren ließ. Damit kann er in Taiwan seine Wohnungstür öffnen und seine Visitenkarte an andere Handys übertragen. Pallenberg interessiert, inwiefern solche digitalen Innovationen den Menschen verändern. Deshalb hat er auch mal ein Jahr lang eine Google-Glass getragen. Er wollte wissen, was passiert, wenn man kontinuierlich einen Informationslayer vor den Augen hat. Und vor allem, wie die Mitmenschen reagieren, wenn sie das Gefühl haben, dass sie einem nicht in die Augen schauen, sondern eher in eine Kamera, die im Hintergrund Informationen sammelt.

Mit dem Kopf in der Zukunft, mit dem Bauch im Ruhrpott

Aber wie ist das, wenn sich jemand beruflich dauernd mit der Zukunft befasst? Hat er dann noch Pläne oder sind diese nicht mehr so relevant, weil es ohnehin jeden Tag um die nächsten Jahre geht? Pallenberg muss ein wenig überlegen, dann spricht er weniger von Visionen als von ganz konkreten Wünschen. Gerne würde er einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau fahren. Oder mit einem Luxuszug durch Indien.

Und da ist dann noch der Fußballfan. Er war 1997 in Mailand als Schalke den UEFA-Cup gewann – als erste deutsche Mannschaft seit 20 Jahren. Jetzt würde er gerne noch eine Meisterschaft des FC Schalke 04 erleben. Sein Großvater hat ihm davon erzählt, wie das ist, wenn eine Ruhrpott-Mannschaft den Henkelpott holt. Er war 1958 dabei, als Schalke nach einem 3:0 über den HSV das letzte Mal Meister wurde. Sowas prägt, vor allem weil sein Großvater zu seinen Vorbildern zählt. Er fing als Steiger im Bergbau an und arbeitete sich bis zum Bergwerksdirektor nach oben. „Da schwing natürlich subtile Ruhrpott-Romantik mit, aber genau daran erinnere ich mich sehr gerne“, erzählt Pallenberg. „Besonders in einer Zeit, in der die Digitalisierung so wahnsinnig viele Chancen und Möglichkeiten bietet.“ Pallenberg, so viel steht fest, zählt zu den Menschen, die diese Chancen nutzen.


Dieser Artikel ist Mitte Dezember 2018 in Papierform in der impresso 4_2018 erschienen.

2019-01-14T13:56:27+00:00 14. Januar 2019|

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