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Wo die Sonne verstaubt

Vor 34 Jahren erschien in Bochum die erste Ausgabe der Studentenzeitschrift UNICUM. Der gleichnamige Verlag hat sich zu einem wandelfähigen Medienunternehmen entwickelt, das Gründer Manfred Baldschus leidenschaftlich antreibt.

Von Roland Karle, Freier Journalist, Neckarbischofsheim

Es fühlte sich seltsam an. Und ihm war ein bisschen mulmig zu Mute vor diesem 14. Januar 2017. Das gibt Manfred Baldschus unumwunden zu. An dem Tag, und genau so hat er es gesagt, „musste ich meinen 60. Geburtstag feiern“. Das tat er dann auch – und es wurde eine fröhliche Feier mit rund 150 Gästen. Vielleicht hat den geschäftsführenden Gesellschafter der UNICUM-Firmengruppe die vorgerückte Alterszahl auch deshalb so erschreckt, weil sie überhaupt nicht zu seinem Befinden passt. „Ich fühle mich auf der Höhe meiner Schaffenskraft. Dieser Job und diese Firma sind für mich ein steter Jungbrunnen.“

Klingt vielleicht etwas kokett, übertrieben. Aber wer Baldschus trifft, ihn erlebt, mit ihm spricht, käme nie auf die Idee, den 1,94-Meter-Hünen als Senior oder gar alten Mann zu bezeichnen. Dazu wirkt er viel zu jugendlich und auf ansteckende Art aufgeweckt. Noch immer kann er sich so richtig für Ideen begeistern, ist neugierig wie ein Erstsemester und umtriebig. „Es macht mir Spaß, dieses Unternehmen weiter zu entwickeln“, sagt Baldschus.

Eigentlich wollte er TV-Reporter werden.  Der junge Manfred machte sich damals auf den Weg, hospitierte drei Monate beim Politikmagazin Monitor, jobbte dann ein Semester lang beim ARD-Studio Kairo, später beim WDR, produzierte  erste kleine Beiträge. Auch als er UNICUM gründete, trieb ihn der Wunsch, später als Journalist zu arbeiten. „Aber ich habe relativ bald erkannt, dass mir das Erzählen und Bebildern guter Geschichten schwerer fällt als anderen“, gesteht Baldschus. Eine Selbsterkenntnis, an der er zunächst ziemlich zu knabbern hatte, die aber bald einem neuen Ziel wich. „Bei UNICUM habe ich gemerkt, dass ich als Unternehmer talentierter bin denn als Journalist. Damit konnte ich mich schnell anfreunden. Und es hat mir bis heute nicht geschadet.“

Manfred Baldschus sitzt entspannt auf seiner schwarzen Ledercouch im 5. Stock eines Bürogebäudes in Nachbarschaft des Bochumer Hauptbahnhofs, mit freiem Blick auf das Stadion des VfL. Draußen macht ein verregneter Sommertag die Stadt noch etwas grauer, als sie ohnehin schon ist. Egal. Hier, tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser als man glaubt. Was Grönemeyer singt, würde Baldschus jederzeit bestätigen. Passt ja auch zu einem, der seine Facebook-Seite ganz locker betitelt mit: „Make Bochum great again.“

UNICUM hat er schon großgemacht. Jedenfalls gemessen an dem, wie alles begann. Kein Geld, keine Ahnung, keine Angst: Daraus bestand das Startkapital des Studenten Manfred Baldschus, als er Anfang der 1980er-Jahre zusammen mit seinem Kommilitonen Joachim Berger die Zeitschrift UNICUM erfand. Damit stieß er in eine Marktlücke: Damals gab es an den Hochschulen zwar reichlich Blattwerk, aber meist politisch gefärbt und ziemlich abgehoben. „Die Anderen schrieben über die Weltrevolution, aber uns interessierte der studentische Alltag“, sagt Baldschus.

Nach einer Nullnummer im Frühjahr erschien im November 1983 die Erstausgabe von UNICUM. Aus heutiger Sicht unter ziemlich abenteuerlichen Umständen: Der Verlag residierte in der Querenburger Höhe 97, Zimmer 225 – Baldschus’ Studentenbude in Bochum. Motorisierte Studenten fuhren die Hefte auf den Campus der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, während Baldschus, in Wirtschaftsfragen unbeleckt, Buchführung im Karton betrieb. Es gab keine feste Redaktion, Freunde und Bekannte steuerten die Artikel bei. Sie schickten ihre Manuskripte per Post, die in der Druckerei erfasst und gesetzt werden mussten, Fotos entstanden in der Dunkelkammer.

Knapp 35 Jahre später hat sich aus der studentischen Idee ein mittelständisches Medienunternehmen mit 60 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von geschätzt 7 Mio. Euro entwickelt. Manfred Baldschus ist in dieser langen Zeit zum Jugendversteher geworden. „Wir wissen, wie junge Menschen ticken und wie man mit ihnen kommuniziert. Das ist unsere Kernkompetenz.“ Offensichtlich haben Schüler und angehende Akademiker, die ja gerne des Printverzichts verdächtigt werden, dem Lesen auf Papier nicht abgeschworen. In Ziffern: Allein UNICUM erscheint im Jahr in einer Gesamtauflage von 2,3 Millionen Heften, hinzukommen fast 560.000 Stück von UNICUM Beruf und 800.000 Exemplare von UNICUM Abi, das an fast 3.000 weiterführenden Schulen ausliegt.

UNICUM ist viel mehr als nur eine Zeitschrift

Die Zeitschriften aus dem UNICUM-Verlag sind gratis, UNICUM wird an über 270 Hochschulen verteilt und deckt somit 90 % aller Studenten in Deutschland ab. „Die Kultur des Kostenlosen“ (Baldschus) lohnt sich für den Verlag, denn die entstandene Riesenreichweite lässt sich über den Anzeigenpreis (bis zu 18.900 Euro/Seite) bei anhaltender Nachfrage der Werbetreibenden in Umsatz verwandeln. Zuletzt gingen die Aufträge allerdings zurück, weshalb UNICUM nur noch sieben Mal im Jahr statt wie zu Bestzeiten monatlich kommt. UNICUM Abi erscheint nur noch vier statt zehn Mal, UNICUM Beruf sieben statt acht Mal.

„Wir haben reagiert auf das sinkende Anzeigenaufkommen“, erklärt Baldschus. Nun verdichten sich die Anzeichen für eine wieder zunehmende Nachfrage, unter anderem in der Arbeitgeber- Kommunikation. „Da hat man erkannt, dass Social Media wichtig ist, aber auch nicht alles kann.“ Der UNICUM– Chef ist überzeugt, dass es „auch in den nächsten zehn Jahren noch gedruckte Zeitschriften auf dem Campus geben wird“.

Das Überleben seiner Firma wird davon aber kaum abhängen. Entscheidend sei „die professionelle Ansprache unserer Zielgruppe, über welche Plattform und welches Format auch immer“, sagt der Verleger. Studenten seien Early Adopter, die sich gerne mit der neuesten Technik beschäftigen und die modernen Kommunikationsgeräte auch als Statussymbol betrachten. „Zugleich sind sie aber auch Multi-Channel-Nutzer und nicht auf ein Medium fixiert“, so Baldschus.

Schon heute erwirtschaftet die Firmengruppe UNICUM etwa die Hälfte ihrer Erlöse außerhalb des klassischen Verlagsgeschäfts. Mit UNICUM Merchandising, hervorgegangen aus der Übernahme der Spezialisten Hecker & Hemmrich, der Eventagentur UNICUM Live, der Werbeagentur UNICUM Marketing und dem digitalen Out-of-Home- Medienspezialisten UNICUM TV wurde der Aktionsradius rund um die Kernzielgruppe immer weiter ausgebaut.

Daraus kann dann durchaus ein Kultprodukt entstehen, wie zum Beispiel die in jedem Semester verteilte UNICUM– Wundertüte. In langen Schlangen stehen die Studenten an, um eine der insgesamt 280.000 Tüten – gefüllt unter anderem mit Warenproben, Gutscheinen, Getränken, Snacks, Kondomen, Kosmetik von Werbepartnern – zu erhalten. Was beweist: Jenseits der ausgetretenen Pfade gibt es immer wieder neue Mittel und Wege zum Kunden.

Baldschus hat daran nicht gezweifelt, sein unternehmerisches Urvertrauen ist aber gewachsen. „Es ist etwa 20 Jahre her, dass ich am ,Stanford Professional Publishing Course‘ teilgenommen habe, einem zweiwöchigen Intensivprogramm für Verleger an der Stanford University. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich!“ Der damals hierzulande noch recht unbekannte Amazon-Gründer Jeff Bezos hielt einen inspirierenden Vortrag und Baldschus lernte damals viele spannende Gründer und Manager aus aller Welt kennen. „Wir haben in Arbeitsgruppen konkrete Konzepte erarbeitet, da ging es um 360-Grad-Kommunikation, wie wir sie heute praktizieren. Damals wurde mir erstmals richtig bewusst, was man aus Medienmarken machen und wie man sie entwickeln kann. Das alles war extrem motivierend.“

Im vergangenen Jahr war Baldschus mit seiner Familie mal wieder in den USA. Für ihn selbstverständlich, den Campus der großen Hochschulen zu besuchen. An der Harvard University ist ihm aufgefallen, dass im riesigen Merchandising-Shop „ein Drittel der Fläche mit Sportartikeln belegt ist“. Eine Beobachtung, die den Unternehmer Baldschus anstachelt. „Ich sehe da auch in Deutschland viel Potenzial, deshalb wollen wir uns stärker im Hochschulsport engagieren.“

Erste Aktivitäten laufen, zum Beispiel die Gillette Uni-Liga Deutschland, ein Gemeinschaftsprojekt von UNICUM und dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (ADH). Mehr als 10.000 Fußballer in über 5.000 Teams treffen an rund 20 Standorten aufeinander, ehe sie in Play-off-Partien und schließlich im Finale den deutschen Hochschulfußballmeister ermitteln. Baldschus hat aber nicht nur den Fußball im Blick. Er hat längst weitergedacht. In den Fitnessstudios der Hochschulen könnten bald Monitore hängen, auf denen Aktuelles, studentische Nachrichten und Werbespots gesendet werden. Ein Projekt, das verdeutlicht, wie vielseitig UNICUM geworden ist. Der Verlag liefert den Inhalt, UNICUM Marketing kümmert sich um die Werbung, UNICUM TV organisiert die Screens.

Im Internet war UNICUM früh präsent. Seit 1995 ist UNICUM.de online, aktuell liegt die monatliche Besucherzahl laut IVW bei rund 650.000. Dass sich der Stellenmarkt ins Web verlagert hat, bejammert Baldschus nicht. Er hat längst darauf reagiert. Das „UNICUM Karrierezentrum“, auch über jedes Smartphone bequem abrufbar, glänzt mit derzeit rund 5.000 angebotenen Stellen. Ohnehin hat sich Personalrekrutierung zu einer wichtigen Säule des Geschäfts entwickelt. Von den derzeit etwa 500 aktiven (Werbe)Kunden treten rund 60% als Arbeitgeber in Erscheinung, der Rest verteilt sich etwa hälftig auf Markenartikler und Institutionen. „Die Arbeitgeber- Kommunikation macht heute rund zwei Drittel unseres Umsatzes aus“, sagt Baldschus.

Auch die Hochschulen selbst werden für UNICUM zu einer immer wichtigeren Kundengruppe. „Sie haben die Bedeutung von Marketing entdeckt und dass sie mit angehenden Abiturienten und Bachelor-Studenten kommunizieren müssen, vor allem die privaten Hochschulen“, so Baldschus. Vom expandierenden Bildungsmarkt profitiert sein Haus. „Es gibt deutlich mehr Studierende, Studiengänge und Hochschulen als früher. Parallel dazu wächst der Bedarf an Information und Austausch – genau das ist unsere Kompetenz.“

Stillstand ist nicht seine Sache

Nicht alles, was Baldschus und seine Mannschaft ausprobieren, ist von Dauer. Zum Beispiel die Zeitschriften UNIQUEEN und UNIKING, die sich als studentische Frauen- und Männerzeitschrift nicht durchsetzen konnten. Auch Unikuscheln.de, eine Partnerbörse, bei der inzwischen knapp 15.000 Absolventen, Student/inn/en und Abiturient/inn/en registriert sind, ist nicht gerade raketenartig gestartet. „Da hat uns wichtiges Expertenwissen gefehlt und wir haben kein Geschäftsmodell gefunden“, gesteht Baldschus. Nachweislich sind aber einige Paare zusammengekommen, sogar ein Unikuscheln-Baby wurde geboren. Immerhin. Jetzt steht ein Relaunch des Onlineportals an. Gut voran geht es mit unicheck.de, das alle Studiengänge an deutschen Hochschulen auflistet. Es soll zu einem Beratungs- und Bewertungsportal, „einem Trip Advisor für Studenten“ (Baldschus) ausgebaut werden.

„Wir werden von unseren Lesern und Kunden bewegt, die erlauben uns gar keinen Stillstand“, sagt der UNICUM-Chef. „Innovation und permanente Veränderung sind ein Teil unserer Kultur.“ Und in Zeiten des digitalen Wandels auch lebensnotwendig. Seine Erkenntnis: „Man darf nicht nur von Diversifikation reden, sondern muss sie auch anpacken und durchsetzen.“ Derzeit entwickeln zwei studentische Start-up-Unternehmer für UNICUM eine Studenten-App, „davon versprechen wir uns richtig viel“, so Baldschus. Vom Mensa-Speiseplan über aktuelle Jobangebote bis zum Kennenlern-Portal werde nichts fehlen, was zum Studentenleben dazugehört. „Unsere App soll so gut und wichtig werden, dass sie jeder Studierende herunterlädt“, hofft der Firmenchef.

Privat hat er sich spät gebunden. Mit 48 Jahren hat Baldschus geheiratet, als er 50 war, kam seine erste Tochter Elena auf die Welt, zwei Jahre später Sohn Erik. „Das Gefühl, eine Familie gründen zu wollen, wurde immer stärker. Und mir ist heute viel mehr bewusst, dass man selbst nur auf Zeit hier auf Erden ist.“ Nachdenkliche Worte, die seine Lebensfreude nicht trüben, im Gegenteil. „Gerade durch das intensive Familienleben sind neue, andere Kontakte entstanden, zu Nachbarn, anderen Eltern, zum lokalen Umfeld. Und da bringe ich mich heute mehr ein als früher.“

Zum Beispiel in der Lokalpolitik. Baldschus ist ehemaliger Stipendiat der Naumann- Stiftung, trat als Student in die FDP ein und ist nun schon seit 40 Jahren Mitglied. Für die Partei sitzt er in der Bezirksvertretung Bochum, das ist einem Gemeinderat vergleichbar. Etwa alle sechs Wochen treffen sich die Abgeordneten zur Sitzung. „Ich wollte erleben, wie Politik an der Basis funktioniert. Das ist lehrreich und interessant, manchmal auch ernüchternd, wenn man sieht, wie mühsam manche Dinge vorangehen.“ Das bremst Baldschus nicht, sich auch als Mitglied im FDP-Bundesfachausschuss Medien, Internet, Digitale Agenda einzubringen. In dem Gremium aus bundesweit rund 50 Personen „kann ich meine Erfahrungen aus der Praxis direkt einbringen und in gewisser Weise Politikberatung für die eigene Partei betreiben“.

Eine politische Karriere steuert der 60-Jährige nicht an, dafür ist er vielleicht doch etwas zu alt und außerdem ein viel zu leidenschaftlicher Unternehmer, den „eine Mischung aus Mut und Leichtsinn antreibt“, wie er lächelnd erklärt. Was aus UNICUM mal werden soll, in 10, 15 Jahren, wenn Baldschus vielleicht nicht mehr den Elan von heute aufbringt? „Klar beschäftige ich mich damit, meine Nachfolge zu regeln“, sagt er, um das Thema dann doch zackig wieder ad acta zu legen. „Es ist ja nicht so akut, dass es eine dringende Lösung bräuchte.

2017-10-23T14:14:19+00:00 13. Oktober 2017|0 Comments