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Und es hat Päng! gemacht

Josephine Götz hat gerade erst ihr Studium abgeschlossen und darf sich schon Verlegerin nennen. Die junge Frau macht Päng!, mit wenig Geld und auf eigenes Risiko. Vier Ausgaben hat sie schon geschafft. Götzens Ideen, ihre Nähe zum Publikum und ihre bedingungslose Leidenschaft für Päng! – davon dürfen sich Medienmenschen gerne anstecken lassen.

Von Roland Karle

Um die Kommandozentrale von Päng! zu finden, schadet es nicht, einen guten Riecher zu haben. Die Redaktionsräume der jungen Zeitschrift liegen gut versteckt in einem Hinterhof im Stuttgarter Süden. Der Ortsunkundige arbeitet sich durch verschlungene Pfade und zweifelt bald, ob er sich die falsche Adresse notiert oder nun doch die Orientierung verloren hat. Immer der Nase nach, wäre kein schlechter Tipp gewesen. Denn die benachbarte Großbrauerei lässt großzügig Maischeduft herüberwehen. Ein Geruch, den man mögen muss, um ihn als würzig, süßlich oder malzig zu loben.

Die kleine Stadtsafari endet an einer Tür ohne Klingelschild. „Bin ich richtig? Frau Götz? Sind Sie das?“

„Hallo, willkommen, hereinspaziert. Das ist unsere Kommandozentrale.“

Päng!-Verlegerin Josephine Götz

Päng!-Verlegerin Josephine Götz

Aha. Mit ein bisschen Fantasie wird das karge Zimmer zum Verlagsgebäude, das Regal zum Merchandisingshop, der Abstellraum zur Logistikzentrale, der strombetriebene Lüfter zur Heizungsanlage, die über Putz liegenden Rohre zu einem architektonischen Statement. Für die Wirklichkeit gibt es keinen Ersatz. So lautet das Motto der Zeitschrift, hier wird es gelebt. Von Josephine Götz und ihren Mitwerkern. Da ist Eva, die gerade ihre Masterarbeit über Päng! schreibt, zuvor als Praktikantin hier gearbeitet hat und längst mehr als eine helfende Hand geworden ist. Und da ist Alex, der Spezialist für den Vertrieb. Er kümmert sich darum, dass die Hefte zum Leser kommen, akquiriert Händler, die bei Päng! Dealer heißen. 

Vielleicht haben Sie von Päng! noch nie etwas gehört. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie sind allein schon durch die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung exkulpiert. Bei erst vier Ausgaben und insgesamt 54.000 gedruckten Exemplaren war es für den Durchschnittsdeutschen mindestens so schwierig, das Magazin kennenzulernen, wie für den Autor, die Verlagsräume zu finden.

Vier Ausgaben! Für Josephine Götz, 26 Jahre jung, ist das etwas ganz Besonderes. Etwas Großartiges. „Ich hatte mir eine Frist von einem Jahr gesetzt, um zu sehen, ob Päng! irgendjemanden interessiert“, sagt sie. Nach Ablauf der Probezeit steht fest: Ja, es gibt Menschen die ihr Magazin nicht nur kennen, sondern auch mögen und – noch wichtiger – sogar kaufen.

Päng! ist eine Zeitschrift, bei der die Betonung auf der ersten Worthälfte liegt: Zeit zum Innehalten, Zeit zum Entdecken, Zeit für ein neues Heft. Diesen Dreiklang hat sich Götz ausgedacht, um einem den Zweck ihrer Erfindung näherzubringen. „Päng! will inspirieren und mit jeder Ausgabe die Frage stellen, was du genau in diesem Moment am liebsten machen möchtest“, erklärt die Jungverlegerin, wie das „Lifestyle-Magazin für junge Erwachsene“ tickt.

Der erstmals im Frühjahr 2012 erschienene Titel besteht aus drei Kapiteln: Das wilde Leben, Selber machen, Alles außer Kunst. Die Geschichten folgen keiner festen Ordnung, weder thematisch noch stilformal. Interview, Reportage, kurze Stücke, lange Texte. Über einen jungen Architekten in Brooklyn, über die Bloggerin Helga Hell, über die Arbeit eines Ghostwriters, über das Hobby Rock’n’Roll Wrestling, über ein pornografisches Experiment, über Menschen in Haiti, über das Basteln eines Papierschiffs, über das Leben in einem Wohnwagen. Ein Ausschnitt aus der aktuellen Nummer 4.

Päng! wolle sich dem wilden Leben da draußen zuwenden, Lese- und Abenteuerheft zugleich sein, Printliebhaber vom Sofa abholen, sagt Götz. Die sollten Lust auf Wundertüten haben, sich gerne überraschen lassen und das Unberechenbare mögen. Und doch hat Päng! einen Wiedererkennungswert. Nicht nur die drei genannten Kapitel kehren in jeder Ausgabe wieder, auch der Umfang ist festgelegt (100 Seiten). Der Erscheinungstakt richtet sich nach den vier Jahreszeiten und jedes Heft hat ein Schwerpunktthema, angekündigt in kleinen Lettern unten rechts auf dem Cover. Was bisher geschah: „Endlich wieder draußen spielen“ (Nummer 1), „Auf zu neuen Abenteuern“ (2), „Coming home“ (3), „Bühne frei“ (4).

Wie hat Josephine Götz Päng! bezeichnet – als Abenteuerheft? Kein Leser wird da kräftig widersprechen, das passt schon. Vor allem aber ist das Heft ein Abenteuer für die Gründerin. Sie lag am Ufer der Ardeche, urlaubend, als ihr dieser Gedanke durch und dann nicht mehr aus dem Kopf ging. Eine eigene Zeitschrift zu machen. Natürlich nicht irgend eine. Dazu hatte sie plötzlich einen viel zu klaren Plan. „Ein Heft zum Lesen und Verweilen, mit ansprechenden Bildern und Inhalten, die mich interessieren – und zwar jetzt. Damals saß ich am Fluss und hätte gerne ein Floß gebaut, wenn ich nur gewusst hätte, wie es geht.“ Ihr Magazin sollte auf solche Fragen Antworten geben. Den Moment einfangen und ihn wieder loslassen – auf gedruckten Seiten.

Josephine Götz studierte bis vor knapp zwei Jahren Mediapublishing an der Hochschule für Medien (HdM) in Stuttgart. Zu Zeitschriften pflegt sie schon immer eine enge Beziehung. „Seit ich acht bin, bin ich Abonnentin“, sagt sie. Mit dem Heranwachsen veränderten sich die Titel. Auf Stafette folgten Bravo und Bravo Girl, heute liegen Brand eins und Dummy im Postfach. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Götz ist nicht die letzte Übriggebliebene ihrer Generation, die am Papier klebt und den digitalen Medienzug verpasst hat. Im Gegenteil: Sie und die anderen Pängster beherrschen die modernen Kanäle der Kommunikation und bespielen sie. Päng! nutzt Facebook intensiv für den Dialog mit Fans und Lesern, bringt seine Botschaften durch Päng!TV in Bewegung, verkauft über das Internet eine stattliche Zahl an Heften.

Jeder Dritte, der über den Päng!-Shop ein einzelnes Heft bestellt, wird dann auch Abonnent. Die Zahl der Festbezieher ist auf knapp 900 gewachsen. Ein Mini-Verlag kann nicht mal eben eine teure Kampagne lostreten oder die Auflage um zigtausend erhöhen. Entsprechend akribisch wird der Vertrieb organisiert. Messen zum Beispiel haben sich als guter Ort erwiesen. So haben die Pängster auf der Dresdner Literaturmesse fast 200 Hefte verkauft. Der Umsatz deckt bei einem Copypreis von sechs Euro nicht nur Reisekosten und Standgebühr, sondern bringt Bekanntheit, Reichweite, neue Abonnenten. Der Großteil der Päng!-Auflage wird über den Bahnhofsbuchhandel, an gut sortierten Verkaufsstellen in größeren Städten und an Flughäfen sowie bei mehr als 100 ausgewählten „Dealern“ (zum Beispiel urbane Trendstores, Cafés, Galerien) vertrieben. Die Absatzquote kann sich sehen lassen: Bislang wurden von jeder Nummer rund 80 Prozent der gedruckten Menge verkauft.

Die Erstausgabe hat Josephine Götz ganz unkonventionell finanziert. Die Arbeitsagentur zahlte ihr einen Gründungszuschuss, auf der CrowdfundingPlattform Vision Bakery kamen 3300 Euro zusammen, der Rest durch Anzeigen. Wobei Päng! als Werbeträger nie der große Knaller werden kann, wenn Götz an ihrem Konzept festhält. Ihren Auftraggebern will sie „eine höhere Aufmerksamkeit garantieren“ und gibt deshalb maximal zehn Seiten im Heft für Anzeigen frei. Und das bei einem offiziellen Seitenpreis von 2400 Euro.

Mit Verve drückt und dreht und schraubt die Jungverlegerin an der Auflage. Die Erstausgabe hat sie 12.000 Mal drucken lassen, die Nummer 3 ging 15.000-fach von der Rolle, beim nächsten Heft, dem fünften, ist ein ordentlicher Sprung geplant – auf 25.000. „Wenn wir 60 Prozent verkaufen, können wir damit die Druckkosten bezahlen“, rechnet Götz vor. Ihr Antrieb sind nicht schneller Gewinn und ein dickes Bankkonto. Sie kommt mit schmalem Budget aus, lebt wirtschaftlich auch jetzt noch das Leben einer Studentin. Die Zeitschrift kommt ohne externen Investor aus, mehr als einen kleinen Privatkredit hat auch Herausgeberin Götz nicht riskiert. Das führt dazu, dass manchmal erst kurz vor dem angepeilten Erscheinungstermin klar ist: Die Mittel reichen, die Druckerei kann loslegen.

Gleichwohl ist Päng! keine Liebhaberei, die dauerhaft auf der Nulllinie balanciert oder gar Geld kosten darf, sondern Leidenschaft mit Gewinnerzielungsabsicht. „Ich stehe jeden Morgen auf und habe große Lust, diese Zeitschrift zu machen“, sagt Götz. Viel Zeit für anderes bleibt nicht, die Tage sind prall gefüllt mit Päng!-Programm. Zu Lasten sonstiger Lieblingsbeschäftigungen wie Geige spielen oder Tischtennis spielen. Für die Zigarette zwischendurch und ein Glas Rotwein findet sich dagegen immer mal ein Päuschen. Fast schon zum Ritual geworden: Nach jeder fertiggestellten Ausgabe zieht die Mittzwanzigerin, im sächsischen Pirna aufgewachsen, auf und davon. Verreisen, Urlaub machen, Kraft tanken.

Früh wusste Götz, dass sie beruflich mal etwas mit Zeitschriften zu tun haben möchte. Sie wusste aber nicht, dass dieses Vorhaben als Verlegerin enden würde. Während des Studiums und diverser Praktika, unter anderem beim Panini Verlag, den Stadtmagazinen Sax in Dresden und Tip in Berlin verfestigte sich ihr Wunsch, selbstständig arbeiten zu wollen.

Dann hat es Päng! gemacht. Innerhalb von drei Tagen hatte Josephine Götz das redaktionelle Konzept entworfen. Und das Thema ihrer Bachelor-Arbeit stand fest: „Eine neue Zeitschrift für junge Erwachsene“. Sie stieß bei ihren Recherchen auf Adolf Theobald, längst im Ruhestand und immer noch rege am Mediengeschehen interessiert, den sie kontaktierte und der sehr aufgeschlossen reagierte. Der Erfinder von Twen und Capital sowie ehemalige Vorstand von Gruner + Jahr und Spiegel-Geschäftsführer übernahm die Rolle als externer Betreuer ihrer Thesis. Götzens Projekt würdigte er wohlwollend, aber auch kritisch. Ob Päng! publizistisch und wirtschaftlich erfolgreich werden würde? Da wollte sich Theobald lieber nicht festlegen.

Josephine Götz geht unbeirrt ihren Weg. Selbstbewusst, aber bereit, jeden Tag dazuzulernen. „Ich kann nicht alles machen, muss auch delegieren. Die Anzeigenvermarktung habe ich deshalb extern vergeben.“. Dass sie nun schon vier Hefte im Selbstverlag herausgebracht hat und das fünfte in Vorbereitung ist, dass mit den Komplimenten auch die Auflage steigt, dass sie das Arbeiten in kleinen Teams als „großartig“ empfindet, dass sie mit ihrem Motto „Done is better than perfect“ gut fährt und dass sie „zu hundert Prozent hinter dem steht, was ich tue“ – das sind schon richtig viele Argumente zum Weitermachen. Und für eine Verlagsgründerin eineinhalb Jahre nach dem Start mehr als nur Hoffnungswerte.

Dennoch ungewiss, ob ihre Art des Zeitschriftenmachens auf Dauer auskömmlich sein wird. Was dafür spricht: Josephine Götz betreibt ihren Verlag wie eine Manufaktur, in der jede Ausgabe und jedes Stück mit viel Herzblut entsteht. Das wird auch so bleiben, wenn Josephine Götz demnächst umzieht, von ihrem Studienort Stuttgart nach Berlin. Dort fühlt sie sich noch ein bisschen wohler als hier neben der großen Brauerei. Die Release-Partys mit bisher jeweils mehreren hundert Lesern, die als zahlende Gäste zusammen mit dem Päng!-Team das Erscheinen einer jeden Ausgabe feiern, wird es natürlich weiterhin geben. Denn Josephine Götz weiß, dass „in dieser abartig schnelllebigen Zeit und digitaler Reizüberflutung vor allem die realen Erlebnisse zählen. Weil sie Identifikation schaffen und aus Lesern Fans machen.“ Für die Wirklichkeit, wir erinnern uns, gibt es keinen Ersatz.

Solche Sätze hat Josephine Götz sogar in ihre Mediadaten geschrieben. Und das ist nicht das einzige, was sich manch herkömmlicher Verlag von der jungen Frau abschauen kann.

Erschienen in impresso 4/2014

2017-08-21T14:14:26+00:00 25. Juni 2013|0 Comments