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Raphaels Geschenk

Hans Weber hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert einen kleinen Fachverlag im pfälzischen Leimersheim gegründet. Dort erscheinen drei Zeitschriften, das Geschäft ist auskömmlich, ohne Auffälligkeiten. Und doch steht eine ganz besondere Geschichte dahinter.

Von Roland Karle

Der 1. April 1985 ist ein Montag, der sich von seiner freundlichen Seite zeigt. Die Sonne lächelt schon ein bisschen über den Horizont, der Frühling kündigt sich an. Für Hans Weber und seine junge Familie, die im pfälzischen Leimersheim gerade ein Haus gebaut hat, beginnt scheinbar eine Woche wie viele andere zuvor. Nichts deutet darauf hin, dass sich ihr lieb gewonnener Alltag, der unbeschwerte Blick in die Zukunft, ja, ihr ganzes Leben schlagartig ändern werden.

Am helllichten Tag kommt es zur Katastrophe.

Raphael, ihr dreieinhalbjähriger Sohn, tollt gerade noch fröhlich auf dem Spielplatz. Kurz darauf ein Knall: Er wird von einem Auto erfasst und lebensgefährlich verletzt. Der Junge erleidet schwere Hirnverletzungen, muss maschinell beatmet werden. Die Hoffnung, dass sich sein Zustand verbessert, schwindet mit jeder Minute. Raphael steht dem Tod näher als dem Leben.

WeberHeute ist Raphael 34 Jahre alt. Im HW-­Studio, dem familieneigenen Verlag, hat er seinen Platz gefunden. Direkt neben den Geschäftsräumen in einem ebenerdigen Gebäude, das 2000 errichtet und 2011 erweitert wurde. Hier ist sein Zuhause, in Nachbarschaft zum Vater. Der kann ihn durch die Fensterscheiben seines Büros sehen. Im Gegensatz zu früher, als Raphael jeweils für mehrere Jahre in speziellen Einrichtungen in Kandel, Mannheim und Speyer untergebracht war, lässt sich nun jederzeit Nähe herstellen. Der junge Mann ist präsent, nur wenige Meter von der Familie entfernt. Ihn besuchen und mit ihm Kontakt aufnehmen zu können, das hat inzwischen etwas Selbstverständliches.

Wenn er seinen Sohn anspricht, mit Worten und Gesten, wenn er ihn anschaut, ihn berührt, dann fühlt sich Hans Weber eng mit ihm verbunden. Manchmal lächelt sein Sohn zurück. „Das“, sagt Hans Weber, „empfinde ich als Geschenk.“

Raphaels Zustand ist unverändert. Von dem schweren Unfall hat er sich nie erholt. Direkt danach verbrachte das Kind vier Jahre auf der Intensivstation, ohne wirklich Fortschritte zu machen. Seit mehr als 30 Jahren liegt Raphael fortwährend im Wachkoma und wird beatmet. Rund um die Uhr muss er betreut werden, ist komplett auf fremde Hilfe angewiesen.

Es ist ein beschwerliches Dasein, für alle. „Wir wollen ihn so gut versorgen, wie es nur geht. Ich glaube trotz allem, dass sich Raphael glücklich fühlt in seinem Leben“, sagt Hans Weber. Er ist ein Mann, der nicht aufgibt. Einer, der viel aushält. Und sich seinen Optimismus nicht nehmen lässt.

Dass aus dem gelernten Verlagskaufmann ein zufriedener Unternehmer geworden ist, hat ganz unmittelbar mit Raphael zu tun. Treffender gesagt: Ohne Raphael wäre sein Vater heute vermutlich nicht Verleger von drei Fachzeitschriften. Zwei davon – Not und Beatmet leben – behandeln Inhalte, mit denen sich Hans Weber und seine Frau Martina aus leidvoller Erfahrung bestens auskennen. „Wir sind vom Fach“, bemerkt er nüchtern. „Durch den Schicksalsschlag und seine Folgen haben wir einen direkten, persönlichen Zugang zu den Themen unserer Zeitschriften.“

Die 1992 gegründete, zweimonatlich erscheinende Not befasst sich mit „Hirnverletzung, Schlaganfall und sonstigen erworbenen Hirnschäden“, wie es auf dem Cover heißt. Für Außenstehende sind die Heftthemen mitunter schwer verdauliche Kost, zum Beispiel: Wachkoma – eine Form des Daseins. Basale Stimulation. Behandlung mit extrakorporalen Stoßwellen. Der Laufroboter in der neurologischen Rehabilitation. „Wir wollen Hirnverletzten und Schlaganfallpatienten helfen und Ratgeber für deren Angehörige sein, um ihr Leben lebenswerter und qualitativer zu machen“, betont Weber.

Ein Anliegen, dem sich auch die Fachzeitschrift Beatmet leben verschreibt. Sie berichtet für und über Menschen, die dauerhaft auf maschinelle Beatmung angewiesen sind. Nachdem Not über außerklinische Beatmung öfter berichtete und später einige Specials veröffentlicht hatte, wurde daraus 2009 ein eigenständiges Magazin, das ebenfalls zweimonatlich herauskommt. „Die Medizintechnik hat sich in diesem Feld stark weiterentwickelt. Die Zeit war reif für eine kontinuierliche Berichterstattung“, sagt Weber.

Um die Redaktion kümmert sich verantwortlich seine Frau Martina. Sie und ihr späterer Ehemann haben sich bei der Arbeit kennengelernt. Beide absolvierten eine kaufmännische Lehre im G. Braun Verlag in Karlsruhe, der damals neben den bekannten Telefonbüchern auch Fachzeitschriften herausgab. Magazine zu produzieren, zu vermarkten und zu vertreiben, das wurde für Hans Weber schnell mehr als eine gewöhnliche Erwerbstätigkeit. Er entdeckte darin seine Leidenschaft und war entsprechend frustriert, als er nach seinem Wehrdienst in den Verlag zurückkehrte und seine frühe Stelle anderweitig besetzt war. Nun musste er im Adressbuch­Verlag Karteikarten aktualisieren und sortieren. „Das war eine echte Strafarbeit für mich“, erinnert sich Weber.

Weil sich eine Alternative im Betrieb nicht rasch ergab, wechselte er zu einer kleinen Druckerei („Da habe ich viel über Technik und Produktion gelernt, wovon ich später profitiert habe“) und danach zum Dähne Verlag in Ettlingen, unter anderem bekannt für DIY, das Fachmagazin für die Do­it­yourself­-Branche. Dort arbeitete er mehr als zehn Jahre lang, stieg zum Anzeigen­ und Verlagsleiter auf. Während dieser Zeit passierte das Unglück mit Sohn Raphael. Ein Grund, weshalb Weber einen Job im Außendienst begann, aber schnell merkte, dass er der falsche Mann am falschen Ort war.

Aus der Hinterlassenschaft des elterlichen Spiel-­ und Papierwarengeschäfts hatte seine Frau derweil ein nebenberufliches Standbein geschaffen, das sie von zu Hause aus betrieb. Weber klinkte sich mit ein, fand Gefallen an der Selbstständigkeit, suchte aber nach einer verlegerischen Aufgabe. „Mein Herz schlägt halt für die Medien.“ Aus einem früheren Kontakt zum Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe ergab sich der Auftrag, deren Zeitschrift zu produzieren, zu vermarkten und zu vertreiben. Der monatlich erscheinende Zoologische Zentral Anzeiger ist somit die Wurzel des Kleinverlags und gehört mit über 8000 verbreiteten Heften heute noch zum Portfolio.

Die beiden selbst gegründeten Hefte kommen halb so häufig heraus, sind aber etwas auflagenstärker. Sowohl von Not als auch von Beatmet leben werden rund 10.000 Exemplare pro Ausgabe verbreitet, rund die Hälfte davon sind verkaufte Abonnements. Die Überschneidung der Leser beider Titel liegt bei geringen etwa 20 Prozent. Gut für den Verlag, weil das zusätzliche Abonnenten bringt und auch die Zahl der Anzeigenkunden erweitert. Die Einnahmen aus dem Werbemarkt sind der wichtigste Teil des Geschäftsmodells, sie machen zwischen 70 und 80 Prozent der gesamten Zeitschriftenerlöse aus. Der Firmenumsatz bewegt sich bei knapp einer Million Euro im Jahr, den deutlich überwiegenden Anteil steuern die drei Magazine bei. Der Rest resultiert aus der Auftragsproduktion von Hauszeitungen, Verbands­ und Vereinsschriften, Büchern und Broschüren, Messekatalogen und ­zeitungen.

So hat sich das HW-­Studio Weber zu einem Kleinverlag mit integrierter Medienagentur entwickelt – und ist ein echter Familienbetrieb. Neben Hans Weber, der die Firma 1989 gründete und bis heute als ihr Denker und Lenker fungiert, arbeiten seine Frau Martina und zwei der vier Kinder mit. Fabrice, 24, gelernter Medienkaufmann, kümmert sich um die Anzeigenvermarktung, während Tochter Saskia, 38, ausgebildete Verlagskauffrau, den Vertrieb steuert und sich um Aufgaben in der Geschäftsleitung kümmert. Ob die jüngste Tochter Joana, 15, auch mal im Verlag landen wird – wer weiß. Neben den vier Familienmitgliedern beschäftigt der Verlag noch fünf weitere festangestellte Mitarbeiter.

Fest steht aber, dass Hans Weber sich in den nächsten Jahren allmählich zurückziehen will. Er ist jetzt 61, vital und engagiert wie eh und je, keine Spur von nachlassender Leidenschaft. Das gilt auch für seinen sozialen Einsatz. Die Webers haben nach dem Unfall ihres Sohnes alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass Menschen mit Hirnverletzungen besser und auch zu Hause betreut werden können. Sie haben auf die Probleme aufmerksam gemacht, sich in der Selbsthilfe eingebracht. Schon 1996 wurde ihnen dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, noch heute gibt es Kontakte und Veranstaltungen mit öffentlichen Personen aus Sport, Film und Politik. Besonders eng ist die Verbindung zur ZNS – Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems.

Beruflich hat Hans Weber eine recht klare Vorstellung von der Zukunft – und er weiß, dass sich vor allem durch die digitale Entwicklung neue Fragen stellen. „Zur Onlinewelt hat die junge Generation eindeutig den besseren Draht“, sagt er. Bislang kommen seine Zeitschriften ganz gut mit einem flankierenden Digitalangebot aus, das gedruckte Heft ist für Leser und Werbekunden nach wie vor erste Wahl. Sich darauf zu verlassen, dass das so bleibt, wäre fahrlässig. Abzuwarten, was passiert und dann erst zu reagieren – auch das ist riskant. Ein Grund mehr, den eigenen Nachwuchs bald in die Verantwortung zu bringen. Weber: „Ich sehe meine Aufgabe darin, meinen Kindern das unternehmerische Rüstzeug mitzugeben, damit sie den Verlag erfolgreich weiterführen können.“

Den will er in den kommenden Jahren gerne noch ausbauen. Ob durch die Übernahme von Zeitschriften anderer Verlage, durch Aufträge von Verbänden oder die Gründung eines weiteren Magazins – da legt er sich nicht fest. „Es gibt Möglichkeiten zu wachsen und den Verlag auf ein noch breiteres Fundament zu stellen“, sagt Hans Weber.

Er selbst sieht sich dabei als Antreiber, der seine Kontakte und Kompetenzen einbringt. Und als tatkräftiger Ratgeber, der den Übergang managt. Aber er übt auch schon mal, wie es sein wird, wenn er den Rückzug antritt. Beispiel: Dieses Jahr waren die Eheleute Weber mit dem Reisemobil in Skandinavien unterwegs. Sie haben dreieinhalb Wochen Urlaub gemacht – fast einen Monat lang, das ist Rekord. „In der Regel nehmen wir maximal eine Woche frei, und die passen wir dem Erscheinungsrhythmus unserer Zeitschriften an“, gesteht Weber.

Einmal, es ist schon etliche Jahre her, sind die Webers zusammen mit Raphael in die Ferien nach Österreich gefahren. Kaum dort angekommen, erreichte den Verleger der Anruf eines Interessenten, den er schon lange als Anzeigenkunden gewinnen wollte. Ein Treffen mit der Mediaagentur sei anberaumt, und das sei eine gute Gelegenheit, um ins Geschäft zu kommen. Weber setzte sich ins Auto, fuhr von den Alpen stundenlang ins Weserland – nach Bremen. „Die Besprechung hat dann nicht lange gedauert“, erzählt Weber. Aber sie lohnte sich, denn daraus erwuchs ein Anzeigenauftrag in gut fünfstelliger Höhe.

Natürlich würde Weber das wieder tun. Aber er kann auch loslassen, zumindest schon ein bisschen. Es gibt inzwischen Wochenenden, die gestaltet er komplett arbeitsfrei und fährt nicht mal eben von zu Hause ins nahe gelegene Büro. Sorgen muss man sich aber nicht machen um den Fleißigen. Beim 19-­maligen deutschen Motoball­-Meister MSC Taifun Mörsch lebt er seine Begeisterung für den Motorsport aus. Weber ist seit Jahren Vorsitzender des Clubs in seinem Heimatort. „Und in einem Verein“, sagt der Verleger mit Ruhestandsperspektive, „da gibt es immer viel zu tun“.

 

15 Fragen an den Verleger Hans Weber

Welches Buch lesen Sie gerade?
Keines, ich konzentriere mich auf das Lesen von Fachzeitschriften.

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag?
Mit unserer regionalen Tageszeitung.

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten?
Auf allen Seiten, die mit Motorsport zu tun haben.

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind?
Neue Fachzeitschriften in Nischenbereichen initiiert zu haben.

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte?
Die Zusammenarbeit mit einem Selbsthilfeverband.

Die wichtigste Fähigkeit eines Verlegers?
Vorausschauend Entwicklungen am Markt zu erkennen.

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner?
Dr. Hannelore Kohl.

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt?
Von einem ehemaligen Redaktionskollegen vor meiner Selbstständigkeit.

Was treibt Sie an?
Mein Ehrgeiz, neue Ideen in hochwertiger Qualität umzusetzen.

Ihr Lieblingsberuf nach Verleger?
Inneneinrichtungsarchitekt.

Ihr Lebensmotto?
Nichts ist so gut, dass es nicht noch verbessert werden kann.

Ihr größtes Laster?
Gutes Essen, guter Wein und das Feierabend­Bier.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Gartenpflege, gemütlich auf der Terrasse sitzen und gerne motorsportliche Events verfolgen.

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten?
Früher München und Hamburg, heute eher auf Borkum.

2017-08-21T14:14:22+00:00 15. Dezember 2015|0 Comments