Profitable Dreiecksbeziehung

Mittelständische Verlage verleihen der deutschen Verlagslandschaft Singularität und Pluralität gleichermaßen. Hoch spezialisiert sind sie Autoritäten auf ihrem Gebiet mit unerschütterlichen Fans. Es geht um: Special Interest. Ein Beispiel: Delius Klasing. Über die Beziehungsformel zwischen Verlag und Leserschaft, die große Wirkung kleiner Autos und Pfegehinweise für Communitys – Porträt eines Erfolgsmodells.

von Friederike Venus, Freie Redakteurin aus Hamburg

Grenzen sprengen!« von Arved Fuchs, Deutschlands bekanntestem Abenteurer, oder »Du kannst, wenn Du willst« von Antje Wensel, einer beeindruckenden Frau, die sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt – so heißen zwei der rund 100 Novitäten, die im Buchprogramm des Bielefelder Traditionsverlages 2018 erscheinen. Die Titel stehen nicht nur für inspirierende Geschichten, sondern skizzieren auch die Entwicklung eines Verlages, der exemplarisch ist für die Heterogenität und die Werthaltigkeit der gesamten deutschen Verlagslandschaft.

Erfolg mit langer Geschichte

Diese Werte – Freiheit, Vielfalt und Wettbewerb – machen unsere Verlagslandschaft zu einer globalen Rarität. Und sie tragen bis heute, nachdem die Verlage sich über oft Hunderte von Jahren in allem Wandel behauptet haben. Es ist ihnen gelungen, auf Herausforderungen immer mit erstaunlicher Resilienz zu reagieren und sich dem Markt anzupassen.

Es gibt heute so viele Wettbewerber untereinander, allein 500 Verlage sind es im VDZ, wie in keinem anderen Medienzweig. Rund 6.000 Titel sind lesbar – alles von Tätowierungsmagazinen bis zur Bibelpresse. Es gibt 50 Prozent mehr Titel als noch vor 15 Jahren. Freiheit und Wettbewerb sind die Basis für diese Vielfalt. Und so lebt keine andere Medienart so von freiwilligen Kunden und wirtschaftet ohne GEZ-Gebühren-Subventionierung. Und der Leser muss auch nicht mit seinen Daten bezahlen.

Verlage als resiliente Überlebenskünstler

Pressehäuser, die genau diese Werte mit Leben füllen, sind oft mittelständische, ursolide Familienunternehmen, die viel er- und überlebt haben. Sie mussten sich viele Male neu erfinden: Kriege überstehen, sich enormer medialer Disruption anpassen, die digitale Revolution in ihre Geschäftsmodelle integrieren. Verlage sind Überlebenskünstler!

Der Delius Klasing Verlag ist genau so einer. Kein Überlebender, sondern eine vitale Persönlichkeit. Seine Themenpalette ist konzentriert, mit Tiefgang, das Angebot maßgeschneidert für Passionierte: Wassersport, Bikes, Sport und Automobil. Ein Sortiment von über 1.000 Produkten steht parat, ob als Bücher, Kalender, Special-Interest-Zeitschriften. Nahezu alles gibt es auch digital, mehr als 50 Softwares und Apps. Was Delius herausgibt, fasziniert, fesselt die Leser und macht sie mit ihrer Themenstärke zur ersten Adresse für Frischluftaktive. Mit über 220 Mitarbeitern erwirtschaftet das Unternehmen 42,3 Millionen Euro Umsatz. Bereits seit über 100 Jahren behauptet sich Delius Klasing so in einem immer härter werdenden Wettbewerb. Ein klassischer Mittelständler, mitten in einer Welt von Duo- und Monopolen bei Vertrieb oder Anzeigenvermarktungsgeschäft.

»Erfolg hat man nur, wenn man sich täglich neu erfindet«

Sein Erfolg? Multikausal: Delius Klasing spiegelt mit seinem Angebot die gesellschaftliche Transformation mit ihren ausdifferenzierten Interessen wider. So hat sich das Familienunternehmen unter der Leitung von Konrad Delius eine hohe Kompetenz in seinen drei Kernfeldern erarbeitet und ist in der Branche zur starken Marke avanciert. Die wichtigste Aufgabe sieht Delius darin, »uns täglich neu zu erfinden, um weiterhin erfolgreich zu sein. Die Bedürfnisse der Leser, Kunden und Marktpartner sowie der User unseres digitalen Portfolios stehen im Mittelpunkt unseres verlegerischen Handelns.«

Der offenkundige Faktor liegt in der Spezizifik der angebotenen Themen, die eine besondere Psychologie zwischen Leser und Inhalten entfaltet: Alle Felder, die Delius Klasing besetzt, sind emotional aufgeladen, Liebhaberthemen und Ausdruck von gewachsenen Lebensleidenschaften, weniger Zeichen eines affektiven Interesses. Der Verlag liefert Wissen für Lebensinhalte, bis hin zur Sinnstiftung. Die Bücher und Zeitschriften aus Bielefeld stehen meist für immer im Regal, weil sie ihren Käufern Lektüre nicht nur zum Lesen bieten, sondern zum Leben. Das stellt die besonders gute »Zielgruppenanbindung« des Verlages her. Leidenschaft und langfristige Loyalität zeichnen gleichsam das Verhältnis zwischen Verlag und Leserschaft aus!

 

Wertvoll und sensibel –die Communitys

Das Communityphänomen. Wer Delius-Klasing-Medien liest, gehört damit zu einer Familie, wird Mitglied einer Community. Der Verlag bzw. seine Titel scharen verschworene Gemeinschaften von aktiven und passiven Wasser- und Radsportlern, von Autofans und allgemein Sportbegeisterten um sich. Und er ist tief im Gespräch mit seinen Familienmitgliedern. Delius Klasing hatte stets einen Kompass für dieses Phänomen, hat Trends gesetzt und befördert und dafür immer wieder neue Ausdrucksformen aus dem Hut gezaubert – wie das Eventgeschäft, mit dem Delius Klasing z. B. die German Superyacht Conference ausrichtet oder das Bike Festival Garda Trentino – in diesem Jahr bereits zum 25. Mal!

Communitys bedürfen einer besonderen Hege und Pflege, da sie dynamisch sind, nicht stillstehen, wie sich am Beispiel der Modellautos zeigt. Eine Domäne, wo der Verlag mit seinem Titel MODELL FAHRZEUG das passende Magazin im Portfolio hat und auch hier Marktführer ist.

»Modellautos sind sympathische Markenbotschafter«

Früher haben sich die Jungs die Nase an den Schaufenstern platt gedrückt und automobile Miniaturen bewundert. Da waren Autos von Anfang an in der Lebenswelt fest verankert, und Träume begleiteten fortan die kleinen und dann immer größeren Jungs. Was aber, wenn es diese Spielzeuggeschäfte nicht mehr gibt? Wie kann man den »Bestand« der Zielgruppe sichern, wenn die Vertrautheit nicht mehr so selbstverständlich ist?

MODELL FAHRZEUG ist eine Antwort darauf. Delius Klasing ist mit dem Magazin neue Wege gegangen und bietet innovative Ansätze für die »große Welt der kleinen Autos«. Statt Schaufenster
wirkt heute die jährliche Wahl des »Modellfahrzeugs des Jahres«, des »Oscars« für die Modellautobranche. Diese Kür schafft eine große Öffentlichkeit für das Thema, die »sogar zur regelmäßigen Berichterstattung in renommierten Medien führt«, so Christian Ludewig, Kommunikationschef von Delius Klasing und Objektleiter MODELL FAHRZEUG.

Das Haus weiß darum, dass die Kleinen eine große Marketingwirkung auf die echten Autos haben. Christian Ludewig erklärt: »Modellautos stehen für Emotionen, für positive Kindheitserinnerungen. Sie sind daher für die Automobilindustrie sympathische Markenbotschafter für die aktuelle Modellpalette, aber auch für die eigene automobile Historie.«

So finden sich Automodelle im Accessoires-Angebot von Audi, BMW, Mercedes und Co., die auch die Begeisterung für Young- und Oldtimer bedienen und damit immer auch auf die jeweilige Marke einzahlen. Und Delius Klasing ist publizistisch mit von der Partie. Man könnte noch mehr berichten von all den liebevoll gemachten Publikationen zu emotional hoch aufgeladenen Hobbys – etwa vom Buch zum Jubiläum der Modellbau-Firma Faller oder einem Themenspecial für Miniaturen aus dem Hause Mercedes-Benz. Es ist diese Dreiecksbeziehung, die für Special-Interest-Titel typisch ist, zwischen Fans, den Unternehmen, die die Produkte liefern, und einer Redaktion aus Experten.

 

Mit den Märkten wachsen

Delius Klasing ist ein Magnet für Communitys. Und weil die Märkte offen sind und Wettbewerb leben, agiert der Verlag vorausschauend. Als Reaktion auf das Erscheinen neuer Fahrradtitel hat Delius Klasing seine zwei Magazine TREKKINGBIKE und E-BIKE zusammen gelegt und unter dem neuen Titel MYBIKE auf den Markt gebracht. Damit bietet Delius Klasing das Thema Radmobilität zukünftig noch fokussierter an. Der Verleger blickt optimistisch in die Zukunft und wird weiter Grenzen sprengen und erfolgreich sein, weil die Verlagsmannschaft es kann und will! »Durch unsere hohe journalistische Kompetenz, die Vielfalt unserer medialen Angebote und die Nähe zu unserer Leserschaft und unseren Usern werden wir im zunehmenden Wettbewerb auch weiterhin erfolgreiche verlegerische Akzente setzen«, so Konrad Delius, dessen Sohn Ludwig als Vertreter der fünften Verlegergeneration ins Unternehmen eingestiegen ist.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in print&more 1/2018

2018-03-23T08:15:14+00:00 23. März 2018|

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