Neue Wege im Journalismus

Von Frederik Fischer, München

Sie haben keine großen Verlage im Rücken, leisten aber einen wichtigen Beitrag zur Medienvielfalt: Indie-Start-ups, die dritte Säule des Mediensystems.

In der Wahrnehmung der meisten Menschen besteht unser Mediensystem aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einerseits und den etablierten Verlagen andererseits. Weniger bekannt ist die langsam wachsende dritte Säule: Indie-Start-ups. Sie haben keinen großen Verlag im Rücken und verbiegen sich nicht für Werbekunden. Umso wichtiger ist der Beitrag dieser Start-ups zu einer divers informierten Gesellschaft. Im zunehmend harten Kampf um Aufmerksamkeit im Netz, können sie sich mit ihren beschränkten Mitteln allerdings nur schwer durchsetzen.

Die nachfolgende Auflistung soll einerseits einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Sichtbarkeit dieser Online-Indies zu verbessern. Verlagen bieten sich hier andererseits nicht nur Inspirationen, sondern auch Ansätze für mögliche Kooperationen.

Ein Anspruch auf Vollständigkeit ist mit dieser Auswahl nicht verbunden. Falls Sie Ihrerseits interessante Newcomer kennen: bitte bei mir melden! Übrigens: Podcasts sind hier bewusst ausgeklammert.

Die Auswahlkriterien

Grob zusammengefasst gelten für diese Auswahl folgende Kriterien: Finanzierung überwiegend über die Crowd (Crowdfunding), Stiftungen oder Mäzene. Wer sich vornehmlich über Werbung finanziert, bleibt grundsätzlich unberücksichtigt. Ausnahmen werden jeweils begründet. Warum Werbeabhängigkeit problematisch ist? Das wird zum Beispiel hier gut erklärt.

Maxime ist ebenso der journalistische Anspruch. Es muss nicht immer um die große Politik gehen, aber es sollte schon erkennbar sein, dass die Inhalte nicht in erster Linie für die Klicks produziert werden, sondern für den Erkenntnisgewinn von Nutzerinnen und Nutzern.

Last but not least: Die Gründung liegt nicht länger als fünf Jahre zurück.

The Buzzard
The Buzzard hat nichts mit Buzzfeed zu tun, sondern ist Englisch für „Bussard“. Wie ein Vogel gleitet das fünfköpfige Team über das aktuelle Weltgeschehen. Erspäht es ein besonders facettenreiches Thema, setzt The Buzzard an zum „Deep Dive“. Das klingt jetzt vielleicht etwas abstrakt, beschreibt aber das Konzept des Start-ups ganz gut. Die Redaktion sammelt zu kontroversen Themen eine Vielzahl an Meinungsstücken, übersetzt diese gegebenenfalls und fasst die Kernargumente in ihren „Deep Dive“ genannten Newslettern zusammen. Gerade durch den Blick auf ausländische Medien gelingt es der Redaktion tatsächlich, auch weitgehend unbekannte Perspektiven in die Diskussion um große Themen wie den Ukraine-Konflikt, die Finanzkrise oder die Bundestagswahl einzubringen. Das Team wird von der Google Digital News Initiative, dem Vocer Media Lab und dem Social Impact Hub gefördert. In Zukunft soll sich die Plattform aber auch über Berufskunden, die spezielle Themenrecherchen aufbereitet erhalten, und über politikbegeisterte Freizeitleser finanzieren.

Correctiv
Correctiv wurde als „erstes gemeinnütziges Recherchebüro Deutschlands“ 2014 gegründet. Der Ansatz: Aufwändige investigative Recherchen ermöglichen und diese dann mit einer möglichst großen Anzahl an Medienpartnern teilen. Neben dieser Kerntätigkeit veröffentlicht Correctiv Bücher, bildet (Bürger-)Journalisten fort und organisiert Veranstaltungen wie das Campfire Festival. Besonders hervorheben möchte ich noch den wöchentlichen Newsletter Spotlight, in dem sogenannter Watchdog-Journalismus gefeiert wird: Die Art von Journalismus, die den Mächtigen auf die Finger schaut – Journalismus als vierte Gewalt. Der Newsletter schockiert mich jede Woche aufs Neue denn er erinnert daran, wie viel wirklich wichtiger und gesellschaftlich relevanter Journalismus quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. In die Facebook- und Twitter-Streams mit ihren emotionalen Inhalten schaffen es die häufig sperrigen Texte jedenfalls nur selten. Möglich wurde das gemeinnützige Projekt durch eine Initialförderung in Höhe von 3 Mio. Euro durch die Brost Stiftung. Diverse Stiftungen sind seit dem Start hinzugekommen.

Deine Korrespondentin
Deine Korrespondentin erzählt „die besten Geschichten von Frauen aus der ganzen Welt”. Der Fokus liegt dabei auf Themen, die es sonst nicht in die Nachrichten schaffen. Auch die Art der Berichterstattung und die Beziehung zu den Leserinnen und Lesern hebt sich ab von der Erzählweise klassischer Medien. Zusätzlich zu Texten gibt es Videos, Podcasts, Videokonferenzen mit den Unterstützerinnen und Netzwerkabende. Für Deine Korrespondentin schreiben zehn multimedial aktive Journalistinnen aus sechs Ländern und drei Kontinenten.

Dekoder
Russland verbindet man nicht erst seit der Trump-Wahl in erster Linie mit Fake News, Trollen und Parteienpresse. Was häufig übersehen wird: Es gibt auch ausgezeichnet recherchierten und unabhängigen Journalismus in und aus Russland. Diesen zu übersetzen hat sich Dekoder zur Aufgabe gemacht. Neben journalistischen Texten macht das Team auch Beiträge aus der Wissenschaft zugänglich. Dekoder ist gemeinnützig und stiftungsfinanziert.

Featvre
Featvre ist laut Website „die Anlaufstelle für die weltweit besten Dokumentationen, Reportagen und Non-Fiction-Videos aus den Bereichen Politik, Wissen und Kultur. Alle Videos werden durch die Featvre-Redaktion nach qualitativen Maßstäben ausgesucht, mit Schlagworten verlinkt und täglich mehrfach aktualisiert.“ Im Newsletter werden die besten Fundstücke der Woche zusammengefasst.

Hostwriter
Hostwriter ist eine Art „Couchsurfing für Journalisten“. Wer in ein fremdes Land reist und vor Ort Kontakte sucht, wer Geschichten gemeinsam mit Journalisten in verschiedenen Ländern umsetzen möchte, der/die wird auf Hostwriter fündig. Zusätzlich verleiht das Hostwriter-Team einen Preis für länderübergreifenden Journalismus, organisiert Veranstaltungen zu Schwerpunktthemen und bietet Mentoren-Programme für Journalisten im Exil an. Hostwriter ist ein gemeinnütziges Unternehmen und stiftungsfinanziert.

Der Kontext
Viele Themen sind zu komplex, um sie in einem einzelnen Text, Video oder Podcast zu behandeln. Das Team von Der Kontext hat daher eine eigene Software entwickelt, die verschiedene Aspekte eines Themas verknüpft und als Netzwerk darstellt. Nutzerinnen und Nutzer können so innerhalb eines Themas auf Entdeckungsreise gehen und sich Wissenshäppchen für Wissenshäppchen vorarbeiten. Der Kontext wurde möglich durch das Exist Gründerstipendium, das Media Lab Bayern und das MIZ Babelsberg. Inzwischen verdient das Unternehmen Geld mit der Lizenzierung der Software an Unternehmen.

Krautreporter
Krautreporter möchte die Beziehung zwischen Leserinnen und Lesern neu definieren. Auf die größte Crowdfunding-Kampagne im deutschsprachigen Journalismus folgte 2014 eine turbulente Findungsphase. Inzwischen ist die Redaktion mit einer Mischung aus ausführlichen Erklärstücken, Hintergrundberichten und Community-Formaten kaum noch wegzudenken aus der deutschen Medienlandschaft. Neben den kostenpflichtigen Inhalten auf der Website, bietet Krautreporter auch eine Reihe von kostenlosen Angeboten wie Facebook-Gruppen oder den täglichen Newsletter Morgenpost, in dem Christian Fahrenbach die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfasst. 2016 hat Krautreporter die Unternehmensform gewechselt und ist seitdem eine Genossenschaft.

Mediasteak
Das Team von Mediasteak durchsucht seit 2013 die Mediatheken nach den besten Inhalten und empfiehlt diese auf ihrer Website und im Newsletter.

MedWatch
Fake News sind auch in der Medizin keine Seltenheit. Dahinter stecken aber selten Trolle, Bots oder „die Russen“. In vielen Fällen stecken Geschäftemacher hinter falschen oder irreführenden Beiträgen in den Sozialen Medien. Teils schaffen derartige Meldungen es aber auch in eigentlich seriöse Medien, wenn Journalisten die Zeit und das Fachwissen fehlen, um Entwicklungen im medizinischen Bereich kritisch prüfen zu können. Die MacherInnen von MedWatch wollen einen Gegenpol schaffen: Das Gründerteam besteht aus zwei ausgezeichneten Wissenschaftsjournalisten, die auf dem neuen Portal Falschmeldungen aufdecken und das Netz nach „unseriösen Heilsversprechen scannen“. In Kürze startet die Crowdfunding-Kampagne.

piqd
Piqd ist der Programmführer für guten Journalismus im Netz. 200 Expertinnen und Experten empfehlen die besten Inhalte und fassen sie für euch zusammen. Die Kurzkritiken werden via Website und Newsletter geteilt. Zusätzliche Angebote umfassen eine Facebook-Gruppe zum Thema „soziale Gerechtigkeit“, zwei Podcasts (thema mit Katrin Rönicke und hintergrund mit Florian Schairer) mit den Geschichten hinter den Geschichten und einen eigenen Newsletter, der wöchentlich alle Video- und Podcast-Empfehlungen zusammenfasst. piqd ist werbefrei und finanziert sich hauptsächlich über den Mäzen Konrad Schwingenstein. Freiwillige Mitgliederbeiträge und Sponsoren tragen aber einen immer größeren Teil der Finanzierung. (Der Autor ist Teil des Gründungsteams und arbeitet dort als Chefredakteur)

Perspective Daily
Perspective Daily ist eine Plattform für konstruktiven Journalismus. Im Vordergrund stehen nicht Probleme und Skandale, sondern Lösungsansätze. Das Konzept überzeugte während der Crowdfunding-Kampagne vor zwei Jahren mehr als 13.000 Unterstützer. Momentan umfasst die Redaktion laut Website acht feste Autorinnen und Autoren.

Reportagen.FM
Eine kleine Gruppe von Journalisten empfiehlt jeden Freitag via Newsletter die drei besten Reportagen der Woche. Freiwillige Beiträge machen den Service möglich.

Resi
Als „Conversational Journalism“ beschreibt das Resi-Team ihr eigenes Produkt. Was das heißt? Resi reicht über eine eigene App Nachrichten so dar wie in einem Gespräch unter Freunden. Jeden Tag können Nutzerinnen und Nutzer sich ausgewählte Nachrichten näher erklären lassen. Wie tief sie dabei einsteigen wollen, bleibt ihnen überlassen und lässt sich über Eingaben wie bei einem Messenger kontrollieren. Die Aufbereitung ist maximal unterhaltsam. Der lockere Ton und die vielen Videos, GIFs und Emojis richten sich vornehmlich an ein junges Publikum und wollen dieses wieder stärker für Nachrichten interessieren, aber auch vielen Ü-30ern dürfte die Mischung gefallen.

RiffReporter
Auf RiffReporter gibt es nicht nur Inhalte von renommierten Journalistinnen und Journalisten, RiffReporter ist gleichzeitig eine Infrastruktur, um eben jene Autoren in ihrer Unabhängigkeit zu unterstützen. Freie Journalisten leiden besonders unter den schwierigen Branchenbedingungen. Auf RiffReporter können sie zukünftig für ihre Arbeit um Unterstützer werben. „RiffSupporter“ haben dabei die Wahl zwischen Einmalzahlungen oder monatlich kündbaren Abos. RiffReporter ist eine Genossenschaft und hat 2017 den ersten Vocer Netzwende-Award für nachhaltige Innovation im Journalismus erhalten.

Science Media Center Germany
Immer wieder sorgen wissenschaftliche Studien für haarsträubende Schlagzeilen. Nur wenige Journalisten haben das Fachwissen und die Zeit, Studienergebnisse kritisch zu prüfen und einzuordnen. Hier hilft das Science Media Center. Rund 400 Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsgebieten stehen Journalistinnen und Journalisten zur Verfügung und stellen ihre Expertise kostenfrei in Form von Beiträgen, Interviews und Fact Sheets zur Verfügung. Das Science Media Center ist überwiegend stiftungsfinanziert.

Shelfd
Shelfd ist vor allem bekannt für die wöchentlichen Newsletter mit Empfehlungen aus den Mediatheken. In Zukunft will das dreiköpfige Team aber auch die Website stärker ausbauen und dort ein personalisiertes Angebot zur Verfügung stellen. Schon jetzt sieht der Web-Auftritt vielversprechend aus. Die Anschubfinanzierung kam vom MIZ Babelsberg und Vocer. Zukünftig sollen die Nutzer den Service finanzieren.

Social Media Watchblog
Soziale Medien bestimmen zunehmend den öffentlichen Diskurs. Gemessen an ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung war die Berichterstattung viele Jahre dürftig. Vor fünf Jahren Jahren hat der Journalist Martin Giesler daher zusammen mit einem wechselnden Team aus Kolleginnen und Kollegen den Social Media Watchblog gegründet. Mehrmals pro Woche erscheint ein Newsletter mit den wichtigsten Entwicklungen rund um das Thema Social Media und digitale Öffentlichkeit. Das Projekt finanziert sich über freiwillige Beiträge und Sponsoren.

Steady
Auf Steady können „Publisher“ (laut Website: „Personen oder Teams, die regelmäßig publizieren, seien es Blogs, Videos, Bilder oder Podcasts“) um Unterstützung bitten. Die Seite hat etwas mehr als ein Jahr nach dem Start schon einer Vielzahl von Einzelpersonen und Projekten dabei geholfen, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Die Anschubfinanzierung erfolgte durch die Google Digital News Initiative und eine Gruppe von Privatinvestoren. Geld verdient Steady durch eine zehnprozentige Provision auf alle Transaktionen.

Übermedien
Wer an unabhängiger Medienkritik interessiert ist, findet kein besseres Angebot als Übermedien. Mit großer Leidenschaft und noch mehr Fachwissen (oder umgekehrt?) berichten die Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz über die Irrungen und Wirrungen der Branche. Anders als andere Branchendienste, richtet sich Übermedien an eine breite Öffentlichkeit und lässt sich auch von dieser finanzieren.

Wunderding
Die Berichterstattung über Start-ups ist dürftig. Welcher Journalist kann schon überprüfen, ob der Algorithmus wirklich hält was die Macher versprechen oder wie ungefährlich das neue Hype-Getränkepulver tatsächlich ist? Wunderding stellt hohe Ansprüche an die eigene Berichterstattung und versucht gründlicher als der Rest zu durchdringen, was sich hinter den Innovationen im Bereich künstlicher Intelligenz oder Genmanipulation verbirgt. Wunderding finanziert sich über die Robert Bosch Stiftung und Native Advertising.

 


Dieser Text erschien in leicht unterschiedlicher Form auch bei medium und carta.info.
Beim SZV ist der Text Mitte September 2018 in Papierform in der impresso 3_2018  veröffentlicht worden.



Foto: by carta on unsplash

2018-11-08T14:45:52+00:00 08. November 2018|

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