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Mit selbstbewusster Bescheidenheit

Bastian Obermayer gehört zur Elite der deutschen Journalisten. Der mehrfach preisgekrönte Autor enthüllt mit Leidenschaft und erzählt mit Leichtigkeit. Nicht nur der ADAC weiß, was das heißt. Einblicke in die Arbeit des Investigativredakteurs der Süddeutschen Zeitung

Von Roland Karle

Bastian Obermayer verfolgt die Preisverleihung des „Gelben Engels“ von seinem Büro aus. Die „Lieblingsautos der Deutschen“ werden gekürt, der gesamte Autoadel ist da, der ADAC überträgt live im Internet. Und deren Geschäftsführer Karl Obermair nimmt so richtig Fahrt auf. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) habe Halbwahrheiten und Unterstellungen verbreitet, die Vorwürfe im zwei Tage zuvor veröffentlichten Beitrag „Abgefahren“ seien „kompletter Unsinn“. Aber Zeitungen wie die SZ hätten ja auch ihr Gutes, spottet der Verbandschef: Man könne Fisch darin einpacken.

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Bastian Obermayer wurde damit berühmt, dass er den ADAC-Skandal aufgedeckt hat

Eine öffentliche Attacke, die Bastian Obermayer nicht aus der Fassung bringt. Die ihn auch nicht daran zweifeln lässt, dass er, der Autor besagten Artikels, und sein Kollege Uwe Ritzer richtig liegen. Zusammen haben die beiden zwei Monate lang recherchiert und auf Seite drei, dem Schaufenster ihrer Zeitung, den Automobilclub bloßgestellt. Es geht vordergründig um frisierte Zahlen bei der Wahl zum Autopreis „Gelber Engel“, im Kern um das Innenleben des ADAC, zweifelhafte Geschäfte, Mobbingvorwürfe, Demütigungen. Obermayer geht 450 Zeilen lang auf Konfrontation, erzählt provokant und schlägt einen Ton an, der die selbstherrliche Männerriege des ADAC läppisch dastehen lässt. Das ist keine Verdachtsberichterstattung mit eingebautem Sicherheitsgurt. Das ist ein Frontalangriff.

ADAC-­Boss Obermair weiß wohl um die Schummeleien und Selbstgefälligkeiten in seinem Verband, ahnt aber allenfalls, welche Folgen der SZ­-Artikel haben wird. Er versucht, die heraufziehende Affäre auszutreten wie den glimmenden Stummel einer Zigarette. Polternd, wütend, laut. Die Rede an diesem Abend des 16. Januar 2014, gehalten in der festlich hergerichteten Münchner Hofkirche, wird sein letzter großer Aufritt sein.

Journalist Obermayer hatte sich schon gewundert. Normalerweise, das weiß man in der Branche, schlägt der ADAC nach solchen – und deutlich harmloseren – Veröffentlichungen hart zurück. Anrufe, einstweilige Verfügungen, anwaltliche Korrespondenz. Das übliche Programm halt. Damit wird in den nächsten Tagen zu rechnen sein, denkt sich Obermayer. Er wusste, auf was er sich einließ. Mit dem ADAC forderten er und Ritzer und die ganze Zeitung eine deutsche Institution heraus. Nicht mal Politiker legen sich freiwillig mit dem über 18 Millionen Mitglieder zählenden Verein an. „Mir war bewusst, dass wir uns als Journalisten weit aus dem Fenster lehnen, wenn wir die Geschichte machen“, erzählt Obermayer. „Doch unsere Quellen und das zusammengetragene Material deckten die Berichterstattung.“

Die öffentliche Gegenattacke vor der Führungsriege der deutschen Automobilindustrie kommt für ihn nicht unerwartet. Der Verband, notiert Bastian Obermayer in seinem Buch „Gott ist gelb“, hatte wieder „in den gewohnt brachialen ADAC­-Modus zurückgefunden“.

Wie es ausging, ist bekannt: ADAC­-Kommunikationschef Michael Ramstetter räumte Manipulationen ein und wurde entlassen, Präsident Peter Meyer und Geschäftsführer Obermair traten zurück, der Autoclub ist inzwischen zum Reform­-Haus geworden. Bastian Obermayer wird für seine Berichterstattung gelobt und gekürt. In diesen Tagen erhält er den Titel des „Wirtschaftsjournalisten des Jahres“.

Auch das ist nichts, was den 37-­Jährigen noch aus der Fassung bringt. Er wurde mehrfach mit Großtrophäen des deutschen Journalismus dekoriert, hat den Henri­Nannen­Preis, den Theodor-­Wol-­Preis und den Helmut­Schmidt­Preis gewonnen. Bastian Obermayer ist ein unerschrockener Rechercheur und zählt zu den edelsten Federn.

Er hat das Warten eines jungen Mannes auf ein Spenderherz beschrieben, den Krieg in Afghanistan durch die Veröffentlichung von Briefen deutscher Soldaten näher gebracht, Missbrauchsfälle im Kloster Ettal publiziert. Wirtschaft ist, besser gesagt war, gar nicht so sein Ding. Obermayer studierte Politik, amerikanische Kulturgeschichte und Geschichte in München, danach ging er auf die Deutsche Journalistenschule (DJS). Es folgten sieben Jahre als Redakteur beim SZ Magazin, im Sommer 2012 wechselte der Journalist ins Investigativressort der Süddeutschen Zeitung. Hier und als Mitglied des Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten (ICIJ) kommt er häufig mit Wirtschaftsthemen in Berührung. „Die sind entgegen meiner früheren Ansicht tatsächlich spannend“, sagt Obermayer. Nach dem ADAC-­Skandal deckte er zusammen mit Kollegen im vergangenen Jahr Waffenlieferungen des deutschen Herstellers Sig Sauer in Krisenregionen auf und berichtete später federführend unter dem Stichwort „Luxemburg­ Leaks“ über die Steuerspartricks internationaler Konzerne.

Aber weiterhin will er sich nicht für nackte Zahlen und Quoten begeistern, sein Interesse beginnt erst, „wenn Wirtschaft mit Menschen und gesellschaftlichen Fragen zu tun hat.“ Obermayer liest gerne Texte, die mit Begeisterung geschrieben sind. „Ich versuche auch selbst so zu schreiben. Und dabei verständlich, gerade wenn es um komplizierte Wirtschaftsthemen geht.“ Was Obermayer antreibt, sagt er, ist die Frage nach Gerechtigkeit. „Ich will, auch wenn das naiv klingt, irgendwie dazu beitragen, unfaires Handeln und Missstände aufzudecken.“ So wie vor wenigen Wochen, als Bastian Obermayer zusammen mit SZ­-Kollegen und anderen Medien – darunter Le Monde, The Guardian, WDR und NDR – die sogenannten Swiss-­Leaks enthüllten. Die Schweizer Großbank HSBC hatte jahrelang Schwarzgeld von Diktatoren, Steuerhinterziehern und anderen Kriminellen gebunkert und damit prächtig verdient.

Wenn Obermayer und seine Kollegen, in diesem Fall sein Chef Hans Leyendecker und Frederik Obermaier, solche Skandale ans Licht bringen, beginnt die Geschichte zum Beispiel so: „Der mutmaßlich größte Bankdatenraub der Geschichte ist schon vollbracht, aber noch unentdeckt, als Peter Beckhoff, der Leiter der Wuppertaler Steuerfahndung, Ende 2008 mit einem anonymen Informanten telefoniert. Der Mann – der aus der Schweiz anruft – nennt sich ,Ruben Al Chidiack‘, seine Mails verschickt er als ,John Barack‘. Er behauptet, im Besitz von mehr als 100.000 Kundendaten einer Schweizer Bank zu sein, der Genfer HSBC. Dagegen ist jede gewöhnliche Steuer-­CD ein Witz.“ Danach wird entrollt und ausgepackt, was sich „Rotlichtkönige, Adel und ein Fußballprofi“ so alles erlaubt haben.

„Der Basti ist mir früh aufgefallen: als sehr begabter Schreiber, als sorgfältig­hartnäckiger Rechercheur und als Mensch, der für die Gruppe Verantwortung übernimmt“, sagt Ulrich Brenner, von 2002 bis 2011 Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Dort gehörte Obermayer der 41. Lehrredaktion in der Kompaktklasse des Jahrgangs 2002/03 an. Mitschüler damals waren unter anderem die Capital­Leute Horst von Buttlar (Chefredakteur) und Philipp Schwenke (Textchef) sowie Zeit­Redakteurin Merlind Theile. Er sei ein cooler und doch uneitler Typ gewesen, „den die Schweinereien der Mächtigen nie unberührt gelassen haben“, erinnert sich Brenner.

Sein ehemaliger Schüler hat heute einen Arbeitsplatz mit Perspektive. Im 25. Stock des SZ­-Turms sind nur noch die Geschäftsführung und der Himmel über ihm. Der Blick weit über München hinaus entschädigt für das eher schmucklose, zweckmäßig eingerichtete Büro mit dem Türschild, das sich wie ein Aktenzeichen liest: H.25.110.

Wenn es am Tag zuvor hektisch war, sieht man das hier am Morgen danach. Jetzt gerade, der Computer ist hochgefahren und der erste Kaffee steht auf dem Tisch, sieht es in der Redaktionsstube aus, als wäre die Putzkolonne versehentlich mit dem Laubbläser statt mit dem Staubsauger zu Werke gegangen. Rechercheunterlagen stapeln sich, Zeitungsausschnitte liegen unsortiert herum, Magazine markieren kleine Häufchen.

Aber nicht, dass es ungemütlich wäre. Obermayer hat schon auch Sinn für Ordnung. So ist die halbe Wand von Regalen verdeckt, in einer Reihe stehen allein neun mit „ADAC“ beschriebene Ordner. Dabei hat Obermayer die Sammlung aufs Nötigste gestutzt. „Wir haben hunderte von Mails und Zuschriften bekommen, viel mehr als erwartet. Und ich war mir anfangs nicht mal sicher, ob die ADAC­-Betrügereien für ein großes Seite­3­-Stück tragen.“ Wieder was vom Chef gelernt: Hans Leyendecker, Leiter Investigative Recherche bei der Süddeutschen, habe sofort gesehen, „dass Sprengkraft in der Geschichte steckt.“

Die andere Wandhälfte des Büros ziert ein vergrößertes, eingerahmtes SZ Magazin­-Cover. Tägliche Erinnerung an seine Zeit dort. Ein Praktikum hatte er dort gemacht, danach als Pauschalist für das wöchentliche Supplement der Süddeutschen geschrieben. So gut, dass er einen einflussreichen Förderer fand: Dominik Wichmann, damals Chefredakteur, „hat in mir wohl mehr Talent gesehen als ich selbst damals. Auf der Journalistenschule hatte ich nicht gerade das Gefühl, ein begnadeter Schreiber zu sein.“

Sagt ein mehrfach preisgekrönter Autor. Einer der Besten seines Fachs. Einer, der verkörpert, was sich DJS-­Leiter Brenner von Journalisten wünscht: selbstbewusste Bescheidenheit. „Ich wüsste keinen, auf den das besser zutrifft.“ Obermayer ist frei von Attitüden, sympathische Ausstrahlung, freundlich im Auftreten, zugleich ein leidenschaftlicher Mensch. Nicht nur im Beruf. Wenn zum Beispiel der von ihm bewunderte Bob Dylan ein Album mit Sinatra-­Songs ankündigt, dann teilt der Vater zweier Vorschulkinder auf Twitter prompt mit: „Das ist das wahre Leben.“

Zum wahren Leben gehört auch seine Lust auf Fußball. Früher wollte er Profi werden, wie so viele. Obermayer hat Talent erkennen lassen: Als Neunjähriger schoss er 72 Tore in einer Saison, verschweigt aber nicht, dass er schon damals hochgewachsen und dadurch gegenüber seinen Gegenspielern im Vorteil war. Am Ball ist er immer noch, trainiert montagabends mit seinen Kumpels vom 1. FC Fußball-Klub und kickt mit ihnen in der Hobbyspielrunde. 2008 wurden sie noch Stadtmeister, letzte Saison sind sie erstmals aus der 1. Royal Bavarian Liga abgestiegen. Könnte auch damit zu tun haben, dass ihr Torjäger nicht mehr so trifft wie früher: 2004 und 2005 schoss Obermayer bravouröse 53 Tore in 28 Spielen, zuletzt waren es nur noch sieben in 25 Partien.

Nicht mal beim Zuschauen findet er fußballerischen Trost, dafür hat sich der gebürtige Rosenheimer den falschen Lieblingsverein ausgesucht: Als Knirps hat er schon dem TSV 1860 München die Daumen gedrückt, bis heute meist vergebens. Er wird sich damit abfinden müssen, dass im Fußball seine besten Zeiten wohl vorbei sind.

Für den Beruf gilt das zum Glück nicht. DJS­-Ausbilder Brenner bescheinigt seinem einstigen Schüler „ein hohes Grundtalent, zudem ist Basti stets aufgeschlossen und wissbegierig geblieben“. Was der für selbstverständlich hält. Es kam schon vor, dass Obermayer nachts aufwachte mit dem Gedanken, dass er später im vorletzten Absatz den vierten mit dem dritten Satz tauschen wird. „Ich wollte immer jeden Text noch besser machen. Und das will ich immer noch, aber mit weniger Zeit wird es schwieriger“, sagt er angesichts der höheren Taktung bei der Zeitung.

Obermayer erzählt geradlinig, mit einfachen Worten, und komponiert daraus Texte. Das ist seine Stärke. Susanne Schneider, die ehemalige Textchefin des SZ Magazins und Tochter von Sprachpapst Wolf Schneider, war dafür eine gute Lehrmeisterin. Sie predigte das einfache Schreiben. Das geht so, als würde man der Freundin etwas Spannendes berichten. Ihren Lieblingssatz gegen alles Überflüssige hat Obermayer heute noch im Ohr: „Des braucht‘s net.“

Bei ihm kommt eine weitere Qualität hinzu: Ausdauer. Obermayers Geschichten verlieren durch Länge nicht an Spannung. Wie ein Architekt sein Haus, so plant der Reporter seinen Artikel. Auf ein DIN­A3-Blatt notiert er die zentralen Inhalte, leitet Erkenntnisse ab, verknüpft sie miteinander, schafft somit Zusammenhang und Struktur. Diesen hingepinselten Plan braucht er, er dient ihm als Geländer. „Ich muss wissen, wie und wohin die Geschichte läuft.“

Seine Begabung fürs Schreiben, gepaart mit dem Talent zur Recherche, haben ihn zu Leyendeckers Wunschkandidaten werden lassen, als im Investigativressort der SZ eine Stelle neu zu besetzen war. „Unser Anspruch ist“, sagt Obermayer, „dass Recherchejournalismus nicht nur aufklärt und informiert, sondern den Leser auch unterhält“. Dafür lohnt es sich auch, ab und zu nachts aufzuwachen. Und aus einem guten Text einen noch besseren zu machen.

 

16 Fragen an Bastian Obermayer

Welches Buch lesen Sie gerade? „Pulphead“ von John Jeremiah Sullivan

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag? Mit der SZ und mit Twitter, und dann, je nach Tag Spiegel, Zeit, Stern und so weiter.

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten? Gerade auf verschlüsselten Foren des ICIJ.

Die originellste Schlagzeile zuletzt in der SZ? Ist jetzt fast zwei Jahre her: „Fuck You, Mister.“ Großartige Geschichte von Holger Gertz über Lance Armstrong.

Die (künftig) schönste Schlagzeile über die Münchner Löwen? „Aufstieg – und jetzt?“

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner? Schwere Frage. Zu schwere Frage.

Welche Ihrer Geschichten hat Sie am stärksten gefordert? LuxLeaks war schon sehr fordernd, weil die Steuerregelungen extrem kompliziert waren. Und jedes anders.

Wann ist Schreiben für Sie Lust? Sobald ich weiß, wie die Geschichte läuft – und dass sie läuft.

Und wann ist es Qual? Wenn ich merke, dass die These oder die Geschichte eigentlich nicht trägt. Es dauert, bis ich die Erkenntnis zulasse und die Geschichte beende. Bis dahin ist es Qual.

Wie wird aus einem guten ein noch besserer Text? Feilen, lesen, nachdenken, feilen, lesen, nachdenken, feilen, lesen, nachdenken. Feilen.

Welche drei Fähigkeiten braucht ein investigativer Journalist unbedingt? Spaß an der Recherche, Hartnäckigkeit und die Skrupel, um das sein zu lassen, was zwar Lärm machen würde, aber unanständig ist.

Wie sehen Sie sich – mehr Handwerker oder mehr Künstler? Die Tendenz geht zum Handwerker.

Vom Wochenmagazin zur Tageszeitung – welche Umstellung fiel Ihnen dabei am schwersten? Dass man ein Thema nicht erledigt hat, wenn der Text erschienen ist. Sondern dass es weiter geht.

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt? Von Dominik Wichmann, dass der Wille entscheidend ist, von Susanne Schneider, wie man so schreibt, dass andere das gerne lesen, und von Hans Leyendecker, was Recherche bedeutet – und was nicht.

Welche Karriereziele streben Sie an? Ich habe keine konkreten Karrierepläne, die sich an einer bestimmten Position oder einem bestimmten Arbeitgeber festmachen. Bei der SZ habe ich ohnehin einen Job bei meiner Lieblingszeitung.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Meistens bin ich bei meiner Familie.

Erschienen in impresso 1/2015

2017-08-21T14:14:26+00:00 15. März 2015|0 Comments