Innovationsschmieden in Deutschland

Die Start-up-Szene in Deutschland ist vielfältig, doch noch vor ungefähr vier Jahren entstanden innovative Gründungsideen in Bezug auf die Medienbranche quasi zufällig. Verlage und Medienunternehmen waren oft auf eigene Faust unterwegs, um gute Ideen zu untersuchen und in diese zu investieren. Seit 2015 ist damit Schluss. Landesmedienanstalten haben für sich das neue Betätigungsfeld entdeckt: neue Ideen aus und für die Medienbranche stärker zu fördern – vor allem auch im Lokalen.

Von Franziska Bluhm, Journalistin, Digitalberaterin und Bloggerin, Düsseldorf

Prominentester Vertreter der Start-up-Förderer ist derzeit die Landesmedienanstalt in Bayern, die gemeinsam mit dem bayrischen Wirtschaftsministerium das Media Lab gründete. Die Idee: Innovationen in der Medienbranche vorantreiben. „Wir sind in einer sehr frühen Phase unterwegs: Wir helfen den Teams, ihre Idee so voranzutreiben, so dass in unserem Programm das Start-up gegründet werden kann“, erklärt Lina Timm, die das Media Lab als Programmmanagerin entwickelte und seit 2018 in die Geschäftsleitung gewechselt ist. „Uns war schnell klar, dass wir auch einen physischen Ort schaffen mussten, an dem man zusammenkommt und arbeitet.“

Lina Timm vom Münchner Media Lab sieht in gut funktionierenden Teams einen Schlüssel zum Erfolg (Foto:  Media Lab Bayern)

Das funktioniert derzeit so: In einem für alle offenen Coworking-Space ziehen ungefähr alle sechs Monate Teams ein, die mit einem umfangreichen Coaching- und Mentoring-Programm und einem Budget von 15.000 Euro gefördert werden. Das Ziel: Am Ende der sechs Monate ist das Team geformt, ein Prototyp entwickelt, so dass im Idealfall das Start-up gegründet werden kann.  Das Förderprogramm ist dabei nicht in Stein gemeißelt. „Derzeit arbeiten wir sechs Monate mit sechs Teams zusammen, zwischenzeitlich waren es auch einmal nur vier Teams und auch der Zeitraum hat variiert“, sagt Lina Timm. „Wir haben in den vergangenen Jahren mit den Start-ups gelernt, was wirklich gebraucht wird“, so Timm weiter. „Das Wichtigste, was wir bieten, ist das Netzwerk in die Medienbranche und das Coaching zur Produktentwicklung.“

Verlage tun sich zusammen und gründen Accelerator

Bei begleitenden Veranstaltungen wie Barcamps oder Future Labs bringt sie die angehenden Gründer mit Vertretern aus der Medienbranche zusammen. So können Gründer ihre Ideen bereits bei Redakteuren testen, in Gesprächen herausfinden, welche Bedürfnisse die Journalisten in Newsrooms haben oder welche Schwierigkeiten bei der Produktentwicklung auftreten.

Fast zur gleichen Zeit ging die deutsche Nachrichtenagentur (dpa) einen anderen Weg: Gemeinsam mit zehn Medienunternehmen aus verschiedenen Bereichen der Branche gründeten sie in Hamburg den Next Media Accelerator (NMA). Anfangsinvestment für jeden Teilnehmer: 200.000 Euro. Axel Springer, Gruner&Jahr, die Zeit, aber auch der Buchhändler Libri oder der Werber Weischer. Media gehörten zu den Gründungsinvestoren. Gemeinsam wollten sie einen attraktiven Ort für Start-ups schaffen und durch Beteiligungen mitverdienen. Angesiedelt im Hamburger Coworking-Space Betahaus setzt das Team aus Dirk Zeiler, Nico Lumma und Meinolf Ellers, der neben seiner Tätigkeit für den Accelerator auch Digitalchef der dpa ist, darauf, innerhalb kürzester Zeit gute Ideen zur Markt­reife zu bringen. Sechs Monate dauert das Programm, Start-ups werden mit 50.000 Euro unterstützt und der NMA erhält im Gegenzug eine Beteiligung von 10 %. Wer ins Programm möchte, muss Fragebögen ausfüllen, eine Präsentation zu Idee und Team vorlegen und einen Finanzplan entwickeln. „Wir sind Investoren, ein Businessplan muss vorliegen“, erklärt Managing Partner Nico Lumma.

Das Hamburger NMA-Team um Nico Lumma (2. v. li.) geht bewusst internationale Wege (Foto: Christian Charisius/dpa)

Nach der ersten Auswahlrunde geht es dann in das persönliche Gespräch. „Wir müssen ein Gefühl entwickeln, wie sehr die Teams hinter ihrer Idee stehen“, erklärt er.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Media-Lab-Chefin Lina Timm gemacht: „Ob die Teams in sich funktionieren, ist viel wichtiger als die Idee“, sagt sie. Um diese besser kennenzulernen, laden die Münchener im Vorfeld jeder Förderungsrunde mittlerweile zum Bootcamp ein. Zehn bis zwölf Teams kommen dann nach München und arbeiten drei Tage lang an ihrer Vision. „Wir finden so am besten heraus, wie gut das Team seine Idee durchdacht hat und wirklich gründen will“, so Timm.

„Das Idealteam besteht für mich aus jemanden aus der Medienbranche, einem Entwickler, einem Designer und einem, der sich mit den Zahlen auskennt“, erklärt die 30-Jährige.

Die NMA-Highlights Spectrm, Atriba und Contentflow

Nach knapp drei Jahren ist es zu früh, über Erfolg oder Misserfolg zu urteilen. „Normalerweise kann man das erst nach fünf bis sieben Jahren sagen, ob sich das ganze wirklich auszahlt. Von den insgesamt 27 Teams sind bisher zwei Pleite gegangen – das ist ein ganz guter Schnitt“, findet Lumma vom Next Media Accelerator. Ein bis zwei Teams seien bei jeder Runde richtig gut.

Das prominenteste Beispiel der Hamburger stammt aus der ersten Runde: Spectrm. In den Räumlichkeiten des NMA entwickelte das dreiköpfige Gründungsteam eine technische Lösung, mit der Nachrichten per Facebook-Messenger abonniert werden können. Wenig später wurde das Start-up exklusiver Partner von Facebook, woraufhin prominente Venture-Kapitalgeber wie North Base Media, Lerer Hippea Ventures sowie Axel Springer und Bertelsmann 1,5 Mio. US-Doller in das Unternehmen investierten. Inzwischen zählt Spectrm mehr als 50 Medien-
unternehmen zu seinen Kunden, darunter nationale Player wie Business Insider, CNN oder das Wall Street Journal.

Ebenfalls erfolgreich und aus der NMA-Schmiede: Atriba, ein Start-up, das Unternehmen bei der optimalen Ausspielung von digitaler Werbekampagnen unterstützt. Und Contentflow, das Livestreaming auf allen möglichen Plattformen gleichzeitig möglich macht. Zuletzt konnte das Start-up Aufträge der tagesschau und von politischen Parteien akquirieren.

Fokus Europa

Bei ihrer Arbeit richten die Hamburger den Blick vor allem auf die Zusammenarbeit in Europa. Im Mai 2017 wurde ein zweiter Fonds aufgelegt mit dem Ziel „erster Ansprechpartner für die besten jungen Mediengründer aus Europa und Israel zu sein“. Deshalb kooperiert das Team um Dirk Zeiler, Nico Lumma und Meinolf Ellers mit europäischen Initiativen wie Media Matters, StartupforNews und vielen anderen. „Wir versuchen, Diversität wirklich umzusetzen“, sagt Lumma. „Die Ergebnisse sind deutlich besser, wenn möglichst viele unterschiedliche Menschen an einer Idee arbeiten.“

Media-Lab-Highlights wie Der Kontext

Zufrieden ist auch Lina Timm. „Von 13 geförderten Teams gibt es neun noch“, sagt sie. Der Kontext, eine Plattform zum Darstellen komplexer Zusammenhänge, arbeitete bereits mit den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der WirtschaftsWoche zusammen. Mit Wafana entstand in München die erste Fact-Checking-Agentur. The Buzzard, das Meinungen außerhalb der Filterblase besser auffindbar machen möchte, ist derzeit im Förderprogramm der Digital News Initiative von Google.

Kooperation statt Konkurrenz bei den Förderern

„Wir sehen uns als Teil eines wachsenden Ökosystems“, erklärt Nico Lumma das Verhältnis zu den Münchnern. Wenn es dem einen gut gehe, profitiere auch der andere. NMA und Media Lab arbeiten partnerschaftlich zusammen.

Das MIZ in Babelsberg wird zukünftig ein Hotspot für Start-ups der Medienszene werden (Foto: MIZ Babelsberg)

Ähnlich sieht das auch das MIZ in Babelsberg, eine Initiative der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg.  Dieses Medieninformationszentrum hat sich vor allem auf die Förderung von Medienkompetenz und das Entwickeln von innovativen Ideen im Journalismus spezialisiert.  „Wir fokussieren darauf, dass die hier entwickelten Ideen einen gesellschaftlichen Mehrwert liefern und einen technologischen Innovationswert haben“, sagt Marion Franke, Leiterin der Förderung des MIZ Babelsberg. So wurde ein Teil der Software von Der Kontext in Babelsberg entwickelt.

„Wir wollen Neues auf den Weg bringen und die Medienlandschaft bereichern“, beschreibt sie ihren Ansatz. „Wenn wir eine gute Idee haben, diese aber nicht zu uns passt, dann empfehlen wir die gerne weiter.“ Media Lab und NMA seien dabei Ansprechpartner, genauso wie das Vocer Innovation Lab oder beispielsweise das Vor-Ort-Programm der Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen. Denn auch in Düsseldorf soll es ab Sommer ein erstes Förderprogramm für journalistische Start-ups geben.

Doch gerade der Standort Potsdam/Babelsberg könnte in Zukunft noch spannender für Start-ups aus der Medien­szene werden, da er vom Bundeswirtschaftsministerium 2017 zum ­Digitalen Hub mit dem Schwerpunkt Medien ernannt wurde. ●


Fünf Tipps für (den Umgang mit) Start-ups

  1. Ohne Manpower funktioniert es nicht. Wer seinen Mitarbeitern
    nicht die Zeit einräumt, sich  inhouse mit diesen Themen
    zu beschäftigen, wird keinen Erfolg haben.
  2. Möglichst viele Mitarbeiter in die Zusammenarbeit involvieren: Alle haben einen unterschied-
    lichen Blickwinkel und können eine Idee dadurch noch besser machen.
  3. Auch mit kleinen Schritten geht es weiter. Denn auch mit kleinen Investitionen von maxi-mal 15.000 Euro ist es möglich herauszufinden, ob Ideen taugen. Das geht sogar, ohne dass eine Zeile Code geschrieben wurde.
  4. Offenheit! Auch wenn die Idee von Gründern auf den ersten Blick naiv klingt, kann daraus
    etwas Größeres entstehen. Man muss sich nur drauf einlassen.
  5. Abgucken! Wer die direkte Zusammenarbeit mit Start-ups scheut, kann sich auch einfach
    an derem Methodenkoffer bedienen. Wie man klein startet, wie neue Ideen entstehen, wie
    man Produkte kundenzentriert entwickelt – vor allem die Medienbranche kann davon
    sehr viel lernen.

Die Programme

Media Lab Bayern

Für Gründer: Sechsmonatiges Förderungsprogramm im Media Lab plus 15.000 Euro Prototyping-Budget

Für Medienunternehmen: regelmäßige Events, um in Kontakt mit Start-ups und Gründern zu kommen

Kontakt: Media Lab Bayern · Rosenheimer Strasse 145 C · 81671 München
http://medialab-bayern.de/

Next Media Accelerator

Für Gründer: Sechsmonatiges Förderprogramm im Betahaus Hamburg
plus 50.000 Euro Förderungsprogramm, im Gegenzug 10%-Anteil an den NMA

Für Medienunternehmen: Regelmäßige Demo-Days und Media-Match-Events

Kontakt: Next Media Accelerator · Eifflerstr. 43 · 22769 Hamburg
https://nma.vc/

Vor Ort NRW

Für Journalisten und Gründer: Einmaliger Zuschuss für Projekte, die die lokale und regionale Vielfalt in Nordrhein-Westfalen erweitern

Kontakt: Vor Ort NRW · LfM-Stiftung für Lokaljournalismus gGmbH
c/o Landesanstalt für Medien NRW (LfM) · Zollhof 2 · 40221 Düsseldorf
https://www.vor-ort.nrw/

Vocer Innovation Lab

Stipendienprogramm für Nachwuchsjournalistinnen und ‐journalisten, die sich
mit Innovationen im Medienbereich befassen

Kontakt: VOCER Innovation Lab · Postfach 201454 · 20204 Hamburg
http://www.vocer.org/medialab/

Dieser Artikel erschien bereits in der impresso 1_2018 (März 2018).

2018-05-09T15:17:19+00:00 08. Mai 2018|

impresso