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Heilsbringer „Nerd“?

Für den Sprung ins Digitale wünschen sich viele den Digital Native, der sie mitnimmt – und dann wird alles gut. Die Haufe Group hat sich früh auf diese Reise gemacht und viel dabei gelernt: Ob on- oder offline, erst wer die zentralen Managementaufgaben löst, braucht sich Gedanken um das Recruiting zu machen.

Von Doris Trapmann, Freie Journalistin, Stuttgart.

Kennen Sie die amerikanische TV-Serie „The Big-Bang-Theory“? Diese WG voller „sozial-inkompetenter, aber hyperintelligenter Digital Natives, die mal eben am Frühstückstisch einen Algorithmus für irgendeine innovative App entwickeln, bevor sie ihre selbst konstruierten Roboter gegeneinander antreten lassen?

Wer sich dem Digitalisierungsdruck ausgesetzt fühlt, für den erscheint wohl solch ein genial-digitaler Nerd in schwacher Stunde als Lichtgestalt. Da wird flugs vergessen, dass der Herrgott vor den Nerd die Frage nach der digitalen Strategie gestellt hat. Und die zu beantworten ist Managementaufgabe. Das gilt für große Zeitungsverlage wie für kleine Special-Interest-Verlage. Längst ahnen die Verantwortlichen in den Chefetagen wohl, dass es nicht reicht, einzelne Prozessschritte 1 zu 1 zu digitalisieren. Und dass es auch nicht damit getan ist, Redakteure abzustellen, die die Print-Inhalte online präsentieren beziehungsweise nur übertragen.

Zukunftsprobleme der Kunden in den Fokus

Thomas Schnell, Head of HR Consulting & Recruiting bei der Haufe Group, weiß: „Nein, so geht das nicht“. Und er weiß, wovon er spricht. Der einstige Rudolf- Haufe-Verlag hat sich in den 1960er-Jahren einen Namen gemacht mit der Loseblattsammlung „Das Personal-Büro in Recht und Praxis“. Der Verlag konzentrierte sich auf Informationen aus den Bereichen Steuern, Recht und Wirtschaft. Diese gab es seinerzeit nicht nur in Printform, sondern in der Haufe Akademie auch in Seminaren. Mit der Übernahme des Softwareanbieters Lexware 1993 konnten die Freiburger ihre digitale Kompetenz entscheidend ausbauen. 95 % steuern mittlerweile die digitalen Produkte zum kräftig gestiegenen Umsatz bei. Die Haufe Group sieht sich heute kaum noch als Verlag, sondern als Anbieter digitaler Arbeitsplatz- und Unternehmenslösungen.

Und weil Kunden auch nicht über einen Kamm geschoren werden können, hat die Haufe Group ihr Portfolio breit aufgefächert: Sie bietet Fachportale und Apps für ihre jeweiligen Zielgruppen; in Seminaren können sich die Kunden Fachwissen zu Methoden-, Sozial und Persönlichkeitskompetenz aneignen. Büchern und Fachzeitschriften liefern ebenso Fachinformationen. Wobei im digitalen Zeitalter noch mehr gilt als bisher: Stehenbleiben ist Rückschritt. So entwickelt die Haufe Group aktuell etwa eine Cloud-Lösung, damit die Kunden überall und mit wenig Hardware ihrer Arbeit nachgehen können. Dabei ist das Unternehmen seinem ursprünglichen Fokus treu geblieben: Wie der einstige Verlag, so will die Haufe Group Fachwissen weiterhin verständlich aufbereiten. „Wir sind unseren Kunden treu geblieben“, betont Schnell. Und dazu gehören dann Fragen wie: Welche Herausforderungen werden unsere Kunden in fünf oder zehn Jahren haben? Wie sieht ihr Arbeitsplatz in der Zukunft aus? Es geht dabei insbesondere auch um Herausforderungen, die der Kunde heute noch nicht im Blick hat.

„Vor dem Hintergrund des Wandels vom klassischen Verlag hin zum digitalen Unternehmen hat sich die frühere Redaktionsarbeit in der Haufe Group komplett verändert. Fachwissen wird nicht mehr nur von Redakteuren in ,klassischen‘ Redaktionen aufbereitet, sondern Content und Technik sind in der Haufe Group eng verzahnt“, erläutert Haufe-Sprecherin  Nicole Packhäuser. Verantwortlich für Fachwissen und Content sind neben Redakteuren auch Content Manager, SEO-Spezialisten, Produktmanager, Requirement Engineers, Softwareentwickler etc. Diese bereiten das Wissen spezifisch für verschiedene Software-lösungen, Wissensportale, E-Trainings, Web-Applikationen uvm. auf. Darüber hinaus habe Haufe natürlich eine hohe Anzahl an Programmierer, Entwicklern und Softwarearchitekten, die für die Entwicklung der verschiedenen Software- Lösungen zuständig sind. Weiterhin sind nahezu fast alle internen Prozesse digitalisiert, das heißt auch für die internen Abläufe gibt es eigene IT-Abteilungen.

Und natürlich wird auch immer versucht, bestehende Abteilungen mit den neuen Aufgaben zu betrauen – was in der Regel auch gelingt. Allerdings, so räumte Thomas Schnell ein, gibt es auch immer ein Teil der Beschäftigten, die sich nicht mit den neuen Aufgaben anfreunden und entsprechend weiterbilden wollen.

Aktiv auf der Suche oder passiv gefunden werden

Was wollen wir machen? Das ist die Frage aller Fragen für Verlage. Erst dann geht es darum, mit wem, mit welchen Mitarbeitern und in welcher Hierarchiestruktur diese Ziele erreicht werden können. Braucht es tatsächlich Experten, die eine App programmieren können? Oder geht es um Nachwuchs-Journalisten, die sich in den sozialen Medien tummeln, mit Photoshop jonglieren, kleine Filme drehen und schneiden können. Beides kann in einer Person vereint sein, ist es oft aber nicht. Und: Bestimmte Fachkenntnisse kann man lernen. Wer sich aufmacht zu neuen Ufern, muss nicht zwangsweise die gesamte Mannschaft auswechseln.

Wer IT-Fachleute sucht, ist ganz gezielt auf Infotagen der Universitäten präsent, bietet Praktika an, kooperiert somit aktiv mit den Universitäten, die zum Beispiel angewandte Informatik lehren.

Manchmal ist das alles aber nicht nötig. Nora Beckershaus, Director of Operations & Marketing der deutschen Ausgabe von REFINERY29, ist in so einer angenehmen Position. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die deutsche Redaktion in Berlin mit derzeit 18 festen Mitarbeitenden und einem großen Pool Freier bewerben sich initiativ. Zielgruppe des 2005 in den USA gestartete Online-Magazins sind Frauen zwischen 18 und 34 Jahren. REFINERY29 zählt inzwischen 400 Mitarbeiter und wird derzeit mit 290 Mio. Dollar bewertet wird. Warum sich viele bei REFINERY29 bewerben? „Weil wir authentisch sind“, sagt Beckershaus: Weil die Marke und das Konzept stimmen – weil sie die sozialen Medien einbindet, weil überall die einheitliche Botschaft vermittelt wird, nämlich, dass REFINERY29 sich als junges, modernes Medium versteht, das sich dem annimmt, was eine junge Frau umtreibt. Die Bewerber identifizieren sich mit den Inhalten und der Art der Darstellung. Sie sind längst aktiv in den sozialen Medien, und sie verstehen es, diese Medien im Redaktionsalltag einzubinden. Beckershaus weiß aber auch, dass neben den jungen, internet-affinen auch ältere Mitarbeiter gebraucht werden, die das Journalisten-Handwerk beherrschen.

Alle Kanäle bespielen

Auch die Haufe Group zeigt sich auf allen sozialen Kanälen: Xing, LinkedIn, Instagram, Twitter und auch Facebook. Für Thomas Schnell ist es unerlässlich, dass Stellenanzeigen und Posts in sozialen Netzwerken speziell auf die Zielgruppe zugeschnitten und platziert werden: So werden eben die Werte des Familienunternehmens hervorgehoben, wenn es um die Stelle eines Buchhalters geht. Bei der Suche nach einem Entwickler dagegen stehen die Arbeit im Team im Vordergrund und die vielen spannenden Projekte, die auf den Bewerber warten. Oder dass die Chefs mehr Sparringpartner und Coachs als Entscheider sind.

Nur noch wenige Bewerbungen kommen bei Haufe übrigens über klassische Jobbörsen und Stellenportale. „Das Gros der Bewerbungen ist Folge von Mund-zu-Mund-Propaganda und gezieltem Talent-Management im Umfeld der Mitarbeiter“, stellt Jonas Fräulin vom Employer Branding der Haufe Group fest: Empfehlungen von bereits Beschäftigen an Freunde, Bekannte, Familienangehörige. Das läuft bei der Haufe Group übrigens auch digital – über eine Talent-Management-Software. Ein Umstand, der viel Positives über die Unternehmensführung aussagt und ein wichtiger Bestandteil ist, wenn es darum geht, Mitarbeiter zu halten. Flache Hierarchien gehören hier ebenso zu den Trümpfen wie eine gesunde Work-Life-Balance, die vielen jungen Leute heute wichtig ist: zum Beispiel Flexibilität statt starre Bürozeiten und eine ausgeprägte Innovationskultur.

Nichts geht ohne Innovationskultur

Innovationskultur bedeutet jede Idee erst einmal ernst zu nehmen und nicht gleich vom Tisch zu fegen. Denn nur wer Flops toleriert, hat die Chance auf ein Top. Die Haufe Group weiß das. Was wiederum nicht bedeutet, dass die Geduld der Freiburger bei Neuerungen grenzenlos ist. Weil sich die digitale Welt noch schneller dreht als die ana-loge, hat eine Idee eben nicht allzu lange Zeit, sich zu entwickeln – weil die Entwicklung sonst die Idee überholt hat. Im 20. Jahrhundert wurde fünf Jahre entwickelt und dann 20 bis 30 Jahre angewandt. Diese Zeiten sind Geschichte. Heute muss alles deutlich schneller gehen, weil ein Produkt – auch in der Medienbranche – auch schnell Falten bekommt.

Auch Zuckerberg hatte Niederlagen

Und hier schließt sich der Kreis: Nach den Träumen vieler Chefs sind es ja die Nerds à la Big-Bang-Theory, die den Medienunternehmen den Weg in das digitale Zeitalter ebnen – am besten mit einer Idee à la Google, Facebook oder Ähnlichem. Dann wird alles gut. Aber Hand aufs Herz: Hätten Sie damals zugeschlagen, wenn Ihnen einer dieser vermeintlich kauzigen Vertreter den Vorschlag gemacht hätte, eine Suchmaschine aufzubauen? Hätten Sie Geld investiert und die Leute mal machen lassen? Hätten Sie darauf vertraut, dass eine solche Suchmaschine wenige Jahre später von Milliarden Menschen benutzt wird? Sehen Sie. Und was, denken Sie, werden die medialen Bedürfnisse der Menschen in Zukunft sein? All derer, die heute Ihre Zeitung und ihre Zeitschrift kaufen? Genau. Und das wird Ihre Zukunft sein.

 

 

 

2017-11-13T09:51:51+00:00 13. November 2017|0 Comments