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Geburtenstarker Jahrgang

Experimentierfreude im Sportjournalismus: 2016 sind so viele neue Sportzeitschriften auf den Markt gekommen wie schon lange nicht mehr.

Von Roland Karle, Medienjournalist, Neckarbischofsheim

Für die Sportzeitschriften war 2016 ein geburtenstarker Jahrgang. Gleich ein halbes Dutzend Neulinge sind aufs Spielfeld marschiert. Bemerkenswert, dass Axel Springer, der sich selbst als „der führende digitale Verlag in Europa“ bezeichnet, nun eine tägliche Sportzeitung herausbringt. Die haben in anderen Ländern, besonders im Süden des Kontinents, zum Teil schon eine lange Tradition. Zum Beispiel Marca, As und El Mundo Deportivo in Spanien, Gazzetta dello Sport, Tuttosport und Corriere dello Sport in Italien, A Bola und O Jogo in Portugal, L’Équipe in Frankreich.

Tägliche Sportzeitungen haben zum Teil lange Tradition

Hierzulande galt Bild mit ihrem ausführlichen Sportteil als so gut informiert und verbreitet, dass es eine reine Sporttageszeitung weder brauchte, noch dass sie wirtschaftlich Freude machen würde. Überraschend startete Axel Springer im vergangenen Sommer Fußball Bild, zunächst nur in ausgewählten Regionen. Der Test verlief so gut, dass die Zeitung seit Beginn der Bundesliga- Rückrunde von montags bis samstags bundesweit erscheint. Sie umfasst 32 Seiten im nordischen Tabloidformat, kostet einen Euro und wird in einer Auflage von 300.000 Exemplaren gedruckt. Was Springer für das Experiment prädestiniert: Fußball Bild ist Teil der eigenen Nahrungskette und wird von der Bild-Sport– und den regionalen Redaktionen gefüttert. Vom Tisch des Schwesterblatts Sport Bild will man nicht naschen. Das gilt auch umgekehrt. „Als Wochenmagazin fokussiert sich Sport Bild auf die Hintergrundberichterstattung“, betont Verlagsleiter David Löffler. Neues probiert auch der Olympia Verlag, der zweimal in der Woche den gedruckten Kicker herausgibt und die Zahl der Sonderhefte über die vergangenen Jahre ausgebaut hat. Jüngster Spross der Markenfamilie ist die Reihe Legenden & Idole. Sie startete 2015 mit einer Ausgabe über Franz Beckenbauer, danach folgte Hefte über Gerd Müller und Uwe Seeler. Während Axel Springer und der Olympia Verlag sich auf Fußball konzentrieren, schauen andere Neulinge darüber hin- aus. Der Sportfreund Verlag, der unter eigenem Namen ein zehn Mal im Jahr erscheinendes Magazin veröffentlicht, produziert nun die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift Klubsport. Die gibt es gratis und bei der Auflage wird nicht gekleckert: In Kooperation mit Deutscher Sportausweis und Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) verbreitet der Verlag je Ausgabe eine Million Hefte.

Spannend erscheint die Frage, ob der Markt aufnahmefähig ist für Kaufmagazine, die sich multithematisch dem Sport widmen und die Geschichten hinter dem aktuellen Wettkampf suchen. Diesem Ansatz haben sich sowohl NoSports als auch Socrates verschrieben. NoSports stellt sich auf dem Cover als „Ein Freund von 11Freunde“ vor und weist verwandte Charakterzüge auf. Der typische NoSports-Leser sei männlich, zwischen 29 und 49, belesen und besserverdienend. „Er sieht dem 11Freunde-Leser sehr ähnlich“, sagt Herausgeber und Redaktionsleiter Philipp Köster. „Vor allem zeigt er ein breit gefächertes sportliches Interesse, was ihn womöglich vom einen oder anderen Fußballfan unterscheidet.“

Auf der Suche nach der Geschichte hinter dem Wettkampf

Die Reaktionen auf die beiden ersten Ausgaben, die im Sommer und im Herbst 2016 in einer Startauflage von rund 120.000 Exemplaren erschienen, weisen darauf hin, „dass unsere Leser nicht nur an großen Stars interessiert sind, sondern genauso an fesselnden Geschichten und Stoffen. Das beherzigen wir journalistisch nun noch mutiger und entschlossener entschlossener“, so Köster. Hinter NoSports stehen die redaktionelle Erfahrung der 11Freunde und die Vermarktungskraft des Großverlags Gruner + Jahr.

Im Vergleich dazu ist Socrates ein publizistisches Pflänzchen, aber ein Hingucker. Nicht nur wegen der speziellen Illustrationsgrafik, sondern auch aufgrund seiner Wurzeln. Socrates wurde in Istanbul gegründet. Die Nummer eins war in der Türkei nach zwei Tagen ausverkauft und drei Mal nachgedruckt. Das „denkende Sportmagazin“, wie es sich im Untertitel nennt, hat in Deutschland für Werbung und Vermarktung eine Dresdner Agentur verpflichtet und spielt mit kleiner Mannschaft: In Berlin wurde der Democracia Verlag gegründet, in München arbeitet Chefredakteur und Herausgeber Fatih Demireli (siehe Interview) mit einer kleinen Redaktion. Die erste Ausgabe im Oktober ging mit rund 50.000 Stück vom Stapel. 2017 wird das Jahr der Bewährung. Nicht nur für den Titel Socrates, sondern auch für das damit eingehergehende Konzept des Slow Journalism. Demireli: „Wir machen ein Magazin, das man nicht schnell konsumiert, sondern lang und intensiv. Und das möglichst stark nachwirken soll.“

2017-07-07T10:24:14+00:00 07. Juli 2017|0 Comments