Digitales Trio

Von Dr. Margit Dorn und Prof. Dr. Andreas Vogel, WIP Wissenschaftliches Institut für Presseforschung und Publikumsanalysen, Köln

Was ist neu auf dem Fachbuchmarkt? Was ist es wert, dass sich Medienleute dafür ein Stück von ihrer kostbaren Zeit abknapsen? Wir stellen Ihnen hier drei lesenswerte Neuerscheinungen vor. Allen gemeinsam ist ihr digitales Themenfeld.

Medienstress durch Smartphones? Eine quantitative und qualitative Analyse

Die Welt wird digital. Basta. Jana Hofmann geht in ihrer Abhandlung „Medienstress durch Smartphones?“ der Frage nach, was die ständige Vernetzung und Mediennutzung mit uns macht. Dabei beginnt sie mit einer Rückschau in die Mediengeschichte, -theorie und Soziologie. Bereits unsere Vorfahren kannten das Gefühl der Überforderung, etwa angesichts „der schreckerregenden Vielzahl von Büchern, die ständig zunimmt“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, 1680, Zitat auf S.56). Auch sie empfanden die Beschleunigung im Alltagshandeln durch technische Geräte wie z. B. den Telegrafen als unzumutbar. Dass mit dem Smartphone erstmals sämtliche Medien in einem Gerät und zudem ohne Ortsbindung zur Verfügung stehen, bedeutet jedoch eine deutliche Leistungssteigerung in der Medienevolution.

In ihrer theoretischen Verortung vertritt die in Erfurt promovierte Philosophin das Konzept des mündigen Nutzers: „Der Impuls zur beschleunigten Handlung geht vom Menschen aus.“ (S.33) Nicht die technischen Innovationen zwingen uns ein Handeln auf, sondern wir entscheiden uns dafür, sie zu nutzen. Allerdings: „Es wird sozialkulturell vorausgesetzt, dass Anwendungen genutzt und Kommunikate jederzeit und nahezu überall abrufbar sind und auch abgerufen werden.“ (S.74) Medienabstinente müssen sich tendenziell heute rechtfertigen. Die einen stresst die permanente Erreichbarkeit, die anderen, wenn sie vom Datenstrom abgeschnitten sind.

Hofmann untersuchte die Zusammenhänge zwischen Smartphone-Nutzung und individuellem Stress-Empfinden mit einer repräsentativen Befragung als auch qualitativ mit Medientagebüchern und vertiefenden Einzelinterviews. Die Ergebnisse: Der Anteil „chronisch gestresster“ Smartphone-Nutzer ist längst nicht so hoch wie in der öffentlichen Diskussion oft suggeriert wird. Vielmehr zeigt sich, dass die Nutzer den Smartphone-Einsatz sehr wohl reflektieren und für stressuale Erlebnisse auch Bewältigungsstrategien entwickeln. Hier wird auch die Doppelfunktion des Geräts (Arbeit und Zerstreuung) betont. Auch sei der Medienstress nicht losgelöst vom allgemeinen Alltagsstress zu betrachten: Wen das Smartphone stresst, der ist auch ansonsten ein „vielbeschäftigt Kommunizierender“.

Wichtigste Gründe ein Smartphone zu nutzen, sind das Gefühl stets „informiert“ zu sein und jederzeit andere erreichen zu können – und die sinnvolle Nutzung von Wartezeiten. Als die größten Stressfaktoren werden zu viele E-Mails, zu viele Nachrichten auf sozialen Netzwerken und Messanger-Dienste genannt. Problematisch werden für Nutzer erst Ressourcenkonflikte, wenn ein Abwägen zwischen möglichen Gewinnen und Verlusten bei parallel laufenden Handlungen nicht mehr auflösbar ist und sich dies verstetigt. Das stresst!


Fazit:

Eine insgesamt gut lesbare Studie, die viele Aspekte des Themas abwägt, das eigene Vorgehen stets reflektiert und – längst nicht selbstverständlich – bestrebt ist, die Ergebnisse in Empfehlungen umzusetzen. Hofmann plädiert für einen öffentlichen Diskurs über den Umgang mit „digitalen Mediengeräten“. Politik, Pädagogik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind aufgerufen, Leitbilder, Handlungsempfehlungen und auch Normen herauszubilden, die „im Sinn erwünschter Zustände zur Steigerung des Gemeinwohls“ (S.222) führen. Dazu würde etwa der verantwortungsvolle Umgang von Politikern mit ihren Smartphones z. B. bei Debatten im Bundestag zählen, oder in der Wirtschaft etwa ein ganzheitliches betriebliches Gesundheitsmanagement, das Zeiten der Nicht-Erreichbarkeit bzw. des „Abschaltens“ festlegt.

Jana Hofmann:
Medienstress durch Smartphones? Eine quantitative und qualitative Analyse. Köln: von Halem Verlag, 2018,
264 Seiten, 32 EUR, ISBN 978-3-86962-316-0

 


Printmedien und digitaler Wandel

Eine neuere Bestandsaufnahme der Lage von Tagespresse und Publikumspresse im digitalen Wandel hat Alexandra Kühte unternommen. Als Kompendium bringt ihr Buch zwar keine neuen eigenen Erkenntnisse, aber eine Zusammenschau der Entwicklung der letzten Jahre. Quellen sind im Wesentlichen die ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“, Veröffentlichungen von Horst Röper und Andreas Vogel in Media Perspektiven, Jahrbücher des BDZV und des ZAW (Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft), Daten von IVW und der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) sowie Zahlen der Bitkom.
56 Abbildungen und 26 Tabellen visualisieren die Daten und Fakten.

Die Gliederung der Hauptkapitel beginnt bei der Entwicklung der verschiedenen Mediengattungen. Gerätebesitz, Reichweiten und Nutzungsdaten, aber auch der Meinungsmachtindex werden referiert. Der Zeitungsmarkt wird nach den verschiedenen geografischen Ebenen ausführlich abgehandelt. Bei den Publikumszeitschriften folgt dem allgemeinen Überblick die Behandlung ausgewählter einzelner Segmente, darunter die weiterhin erfolgreichen Landmagazine. Das Kapitel über die digitale Entwicklung des Printmedienmarktes thematisiert unter anderem Erlösmodelle, E-Paper, Content-Aggregatoren und digitale Werbeerlöse. Ein ausführliches Literaturverzeichnis schließt den Band ab.

Ergänzt werden die statistischen quantitativen Daten durch eine Fülle von Zitaten aus dem Kreis der Verlagsmanager und Medienexperten. Sie ordnen die Zahlen ein, geben Rück- und Ausblicke aus der konkreten Unternehmenssicht. Dabei zeigt sich einerseits ein vielschichtiger, lebhafter Medienmarkt, der insgesamt in ständiger Expansion und Veränderung begriffen ist. Andererseits werden aus der Sicht der Einzelunternehmen jeweils ganz unterschiedliche Strategien als zielführend erachtet: Chancen in der Nische, Kooperationen und Vernetzungen, Konzentration und Diversifikation. Immer aber stehen die journalistische Qualität und die Innovationsfähigkeit von Produkten und Unternehmen im Vordergrund.


Fazit:

Wer die angegebenen Quellen nicht alle selber regelmäßig rezipiert, erhält durch dieses Werk Daten zur Marktentwicklung der Printmedien, Tagespresse und Publikumspresse sowie zu den zugehörigen digitalen Geschäftsfeldern aus den letzten fünf bis zehn Jahren in einer kompakten Zusammenstellung.

Alexandra Kühte:
Printmedien und digitaler Wandel.
Berlin: Wissenschaftlicher Verlag, 2017, 243 Seiten,
39 EUR, ISBN 978-3-86573-995-7

 


Digitale Formatentwicklung. Nutzerorientierte Medien für die vernetzte Welt

„Ein Publikum wird aufgebaut, nicht gefunden“ (S.314): Wie „Nutzerorientierte Medien für die vernetzte Welt“ entstehen, erklärt das neu erschienene Handbuch von Egbert van Wyngaarden. Systematisch und strukturiert veranschaulicht der Autor, welche Schritte der Projektentwicklung von der Nutzerforschung über Idee, Konzeption und Produktion bis hin zu Distribution und Marketing zurückzulegen sind. Dabei wird gleich im ersten Kapitel „Digital Erzählen“ dargelegt, welches Umdenken der Computer als „Ausdrucksmedium“ den herkömmlichen Prozessen der Medienproduktion gegenüber verlangt: Integration von Text, Bild, Film und Ton, „Remix-Kultur“, Vernetzung der User, Interaktion, Parallelnutzung, Aufmerksamkeitsökonomie, offenes Erzählen… Es wird plausibel, dass Medienprodukte nicht mehr als abgeschlossen zu betrachten sind, sondern als interaktive Prozesse, die weitergesponnen werden können. Womit sich auch die Basis der Wertschöpfung verändert: Nicht mehr der Verkauf einzelner Produkte liegt ihr zugrunde, sondern längerfristige Kundenbindung und Wertschätzung.

Obwohl van Wyngaarden seinen Schwerpunkt als Autor und Produzent in Film, Fernsehen und Online-Entertainment hat, gelingt es ihm, das Handbuch so weit als möglich branchen- und produktübergreifend zu konzipieren. Insbesondere die Vielzahl an Beispielen sind aus verschiedensten Kontexten genommen und beschränken sich nicht auf fiktionale und unterhaltende Formate. Interaktion und Nutzerbeteiligung sind zwei Kernkapitel, die User-Aktivitäten mit Motivation und Belohnung verknüpfen: „Mithilfe eingebauter Feedback-Loops fördern interaktive Medien die Selbstwirksamkeit ihrer Benutzer“ (S. 144). Auch Serious Games und Edugames kommen hier zu Sprache. Beides Bereiche, die auch für Fachmedien von Interesse sein dürften.

Das Handbuch geht sein Thema von den Grundlagen her an und erleichtert den Lesern den Zugang mit vielen Check-Listen und grafischen Abbildungen. Die Beiträge machen auch digitalen Laien einsichtig, welche Bedeutung der Gestaltung der Nutzungs- und Navigationsoberflächen zukommt und wie viele Faktoren hier zu berücksichtigen sind. Zudem bewegt sich der Autor aber stets auf der Höhe der Diskussion, indem mit Themen wie Big Data, Datenjournalismus, Deep Learning und dem Internet der Dinge auch kommende Entwicklungen mitgedacht werden. Der Schwerpunkt der Darstellungen liegt jedoch stets auf der praktischen Anwendbarkeit: So erklärt das Kapitel F über Projektmanagement etwa die Methode des „Design Thinking“, den Ansatz des „Agilen Arbeitens“ und die Funktionsweise von „Scrum-Teams“, aber auch grundlegende Kreativ-Techniken. Das Buch eignet sich insofern besonders für Einsteiger oder als Weiterbildung im Bereich digitaler Formate.


Fazit:

Ein sehr aktuelles, praxisnahes Handbuch, gespickt mit vielen Beispielen. Lesenswert, nicht nur für Einsteiger!

Egbert van Wyngaarden:
Digitale Formatentwicklung. Nutzerorientierte Medien
für die vernetzte Welt. Köln: von Halem Verlag, 2018,
400 Seiten, 34 EUR, ISBN 978-3-7445-1118-6


Dieser Beitrag ist in Papierform Mitte September 2018 in der impresso 3_2018 erschienen.

Photo by Jazmin Quaynor on Unsplash

2018-11-08T14:45:10+00:00 08. November 2018|

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