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Der Weinberg muss warten

Andrea und Christoph Meininger führen den gleichnamigen Verlag in vierter Generation. Dem Erbe verpflichtet, halten sie an seinen Wurzeln fest. Die Zukunft gestaltend, pflegen sie die Printmarken und entwickeln neue Geschäftsfelder. Der forsche Unternehmer und die souveräne Medienfrau ergänzen sich an der Verlagsspitze.

Von Roland Karle

Peng Jia ist aus China angereist, Nelson Joaquim Goncalves Rolo aus Portugal, Dusan Brejc aus Slowenien, und Martina Kottovà aus Tschechien. Vier von 135 Menschen aus 26 Ländern, die sich in der Pfalz zum Weintrinken treffen. Man darf ihnen unterstellen, dass sie gerne gekommen sind. Und doch: Die Gruppe ist nicht zum reinen Vergnügen da, ihr wird konzentrierte Arbeit abverlangt. Schließlich hängt von ihrem Urteil ab, welche Tropfen mit großem Gold, einfachem Gold oder Silber ausgezeichnet werden.

Die Geschwister Meininger führen den Verlag in vierter Generation

Es geht um den internationalen Weinpreis Mundus Vini, so etwas wie der Branchen­Oscar für Winzer. Frühschoppenromantik kommt gar nicht erst auf im Neustadter Saalbau, wo Schüler der Hotelfachschule Südliche Weinstraße, elegant­sachlich gekleidet und rege unterwegs, knapp gefüllte Gläser servieren. An den Tischen werden die Wein­Heiligen tun, wozu sie eingeladen wurden: testen und bewerten. Im Frühjahr wurden über 3000 Weine geprüft, für die bislang 15. Preisvergabe im Sommer nahmen sich 164 Tester weitere rund 4500 Weine vor. Je näher die Termine für den Wein­Tüv rücken, desto höher ist das Verkehrsaufkommen in der Neustadter Maximilianstraße. Denn dorthin werden die Weine aus aller Welt geliefert, gelagert und dann für die Verkostung vorbereitet. Tausende von Paketen müssen ausgepackt, sortiert und in der Datenbank erfasst werden. Weit vorher geht es los, die Juroren aus aller Welt einzuladen, sich auszutauschen, Reise und Unterkunft zu organisieren.

Die Verkostungen sind logistische Großveranstaltungen für den Meininger Verlag, der Mundus Vini gegründet, den Wettbewerb 2001 erstmals durchgeführt und die Marke zu einem weltweit anerkannten Qualitätssiegel ausgebaut hat. Als die Geschäftsführer Andrea Meininger­Apfel und Christoph Meininger ihre Idee in die Tat umsetzten, wussten sie, dass sie ein spannendes Thema besetzen. Aber sie ahnten nicht, dass Mundus Vini so schnell und so hoch fliegen würde. Mit der Gründung und Entwicklung der Firmentochter ist den beiden Meiningers ihr Meisterstück als Verleger gelungen.

Die beiden Geschwister führen das Familienunternehmen in vierter Generation. Der Meininger Verlag gehört zu den ältesten deutschen Fachverlagen und europaweit zu den führenden Wein­ und Getränkepublizisten. Acht Zeitschriften und sieben Sondertitel erscheinen regelmäßig, hinzukommen das Onlineportal meiningers­weinsuche.com sowie ein Dutzend Messen, Kongresse, Wettbewerbe und Awards.

Begonnen hat alles 1903 mit Das Weinblatt. Gründer Daniel Meininger ist damals gerade 26 Jahre alt, hat zuvor als Bürovorsteher und Redakteur der Neustadter Tageszeitung Stadt­ und Dorf­anzeiger gearbeitet. Der junge Mann erweist sich als unerschrockener Verleger mit Haltung. Reinheit und Qualität des Weines sind ihm ein Anliegen. Um die Jahrhundertwende haben „der starke merkantile Geist, die materialistische Auffassung“ die einst angesehene Branche „an den Rand des Ruins hinabgedrückt“, notiert Meininger in frühen Aufzeichnungen. Verstöße gegen das Wein­ und Lebensmittelgesetz macht er in seiner Fachzeitschrift öffentlich, berichtet in der eigens geschaffenen Rubrik „Gerichtszeitung“ darüber und provoziert mit bissigen Kommentaren manche Branchenmächtige.

Das Weinblatt gibt es immer noch, es heißt längst Weinwirtschaft und gehört auch heute noch zu den stabilen Säulen des Meininger Verlags. Den Elan, die Tatkraft, das Visionäre seines Urgroßvaters findet Christoph Meininger beeindruckend. „Von uns beiden“, sagt der 50­Jährige mit Blick auf seine zwei Jahre ältere Schwester, „bin ich mehr der unternehmerische Typ und Draufgänger, Andrea eher die Verlegerin mit journalistischer Prägung.“ Sie arbeiten Tür an Tür, hoch unterm Dach des Verlagsgebäudes in der Neustadter Maximi­liansstraße. Ihr enges Miteinander bezieht sich nicht nur auf räumliche Nähe. „Wir ergänzen uns gut und die kurzen Wege helfen dabei“, resümiert Andrea Meininger­Apfel. Christoph ist zuständig für Verkauf, Vermarktung, Verwaltung, seine Schwester kümmert sich um Redaktion, Events, Marketing.

Sie ist der ruhigere Teil des Verlegerdoppels, wirkt souverän, gesetzter und bedachter als ihr Bruder. Der sagt ganz ungeschminkt über sich: „Ich bin manchmal hyperaktiv, rede viel und muss unter Menschen. Unternehmer zu sein, das ist meine Leidenschaft.“ Dann steht der Wirbelwind mal wieder auf, geht zum Fenster und zündet sich eine Zigarette an. Da hätte er sich früher wohl Tadel von seiner Urgroßmutter eingefangen. Die hat Wert gelegt auf reine Luft und guten Duft, denn hier oben war mal der Wäschespeicher der Familie Meininger.

Ihr Mann Daniel (1876­1964) gründete nach und neben dem Weinblatt zahlreiche weitere Fachzeitschriften für unterschiedliche Branchen. Er war ein Unternehmer im Wortsinn, der den Verlag dadurch ausbaute, sich aber auch den einen und anderen Flop leistete, wenn er zu ungestüm an die Sache ging. Sein Sohn Herbert erlebte unfreiwillig eines der dunkelsten Kapitel der (Verlags)Geschichte: Auf Befehl der Nationalsozialisten mussten erst Titel eingestellt oder zwangsverkauft und der Verlag ganz geschlossen werden.

Später übernahm Peter Meininger, Andreas und Christophs Vater, die Geschäfte. „Er fand einen Markt vor, der ähnlich wie zu den Zeiten seines Großvaters bereit für kritischen Fachjournalismus und aufnahmefähig für neue Titel war“, stimmen die beiden Geschwister überein. Das Unternehmen entwickelte sich prächtig, vor allem die Druckerei wuchs, beschäftigte zu ihren Hochzeiten rund 60 Mitarbeiter. „Wenn mein Vater mit einer ganz frischen Zeitschrift in der Hand aus der Druckerei kam und es waren viele Anzeigenseiten drin, dann war er immer gut gelaunt“, schildert Christoph Meininger Erinnerungen aus Kindheitstagen. Später hat er dann in der Druckerei gejobbt und sich intensiv mit den einzelnen Schritten der Produktion beschäftigt. „Mich hat das immer interessiert. Außerdem ist es hier ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Kinder im eigenen Haus und außerhalb erst Erfahrungen sammeln sollten, ehe sie Führungspositionen übernehmen.“

Also gehen die Geschwister beruflich auf Wanderschaft. Andrea beginnt ein Betriebswirtschafts­Studium in Saarbrücken, um recht schnell festzustellen, dass sie sich damit nicht wohlfühlt. Sie bricht ab und absolviert eine Ausbildung zur Verlagskauffrau beim Mannheimer Morgen, im Anschluss macht sie ein Volontariat bei der Frankfurter PR­Agentur Claudia Korenke. Die Inhaberin war vor ihrer Selbstständigkeit Chefredakteurin der im Meininger Verlag erscheinenden Getränkerevue. Öffentlichkeitsarbeit und das Agenturbusiness  machen Andrea Meininger Spaß. Sie bringt es bis zur stellvertretenden Geschäftsführerin, bis dann eines Tages ihr Vater fragt, ob sie in den Verlag einsteigen will. Kurz zuvor hatte die Familie einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften: Stefan Meininger, der älteste Bruder, war bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Christoph ist zu dieser Zeit bereits im Verlag tätig. Er hatte noch zu Schulzeiten seinem Vater die Erlaubnis abgerungen, für ein Jahr in die USA gehen zu dürfen, wenn er die Mittlere Reife schafft. Und natürlich schafft er sie. Dann frönt Meininger junior seinem Fernweh. „Ich wollte einfach mal einen Burger essen in Amerika.“ Aus diesem eher überschaubaren Ernährungsprojekt wird ein acht Jahre währender Aufenthalt. Christoph studiert Betriebswirtschaft im kalifornischen San Diego, inklusive einjährigem Abstecher nach Nairobi, wo er auch seine erste Frau kennenlernt.  „Die Amerikaner sind freundliche und offene Menschen, ich habe dort überwiegend positive Erfahrungen gemacht“, bekennt Meininger.

Seine Rückkehr aus den USA führt nicht direkt in den Familienverlag. Schließlich gilt Vaters Vorgabe, sich erst noch anderswo berufliche Sporen zu verdienen. Für eine Weinvertriebsfirma tingelt Christoph durch London und später das Schwabenland. Kein Job, der unter die Vergnügungssteuerpflicht fällt, jedoch lehrreich ist. „Ich habe Klinken geputzt. Das war hartes Verkaufen, aber auch eine gute Schule“, sagt er.

Als der Verlegerspross dann im eigenen Haus beginnt, wird er Anzeigenverkäufer für die Fachzeitschrift Bausubstanz. Seine Schwester startet als Vertriebsleiterin. Damit sind Fakten geschaffen. Die nächste Verlegergeneration steht bereit. „Raue Schale, weicher Kern – darin sind sich mein Vater und ich sehr ähnlich. Aber das kann geschäftlich auch zum Problem werden“, erzählt Christoph. Sie treffen eine Abmachung: Wenn der Senior 65 wird, übernehmen seine Kinder die Regie.

Aber erst steht noch ein harter Schnitt bevor: Mitte der 1990er Jahre wird die Druckerei dichtgemacht. „Die Kosten liefen uns davon, wir machten Verluste. Dabei konnten wir unsere eigenen Zeitschriften anderswo um 30 Prozent günstiger herstellen lassen“, sagt Andrea Meininger. Das Drucken hatte Tradition bei Meininger, es aufzugeben fiel vor allem dem Vater schwer. Doch letztlich war es eine Entscheidung der kaufmännischen Vernunft. „Uns war klar, dass die Produktion und der Verkauf von Drucksachen weder das Herz noch die Zukunft unseres Unternehmens sein können“, sagt Christoph Meininger.

Es gab und gibt immer noch Interessenten, die den Verlag kaufen wollen. In den 1990er Jahren lag ein finanziell so attraktives Angebot auf dem Tisch, dass sich auch die jetzige Generation komplett ins Private hätte zurückziehen können. „Das war für uns nie ein Thema“, betont Andrea Meininger. Und ist es weiterhin nicht. Trotz oder gerade wegen der stürmischen Zeiten, in denen sich die Weinbranche – die Zahl der Großhändler und Winzer sinkt seit Jahren – und die Verlagszunft befindet. „Das Geschäft ist anstrengender als früher, aber auch spannender“, sagt sie. Für Bruder Christoph steht fest: „Prognosen, die über ein Jahr hinausreichen, sind schwierig. Wir müssen extrem schnell und veränderungsbereit sein.“

Ein Beispiel: das Supplement Craftbier Magazin. Es berichtet über neue Bierstile und stellt die junge Szene der Craftbier­Brauer vor. Meininger hat im vergangenen Jahr erst die Zeitschrift herausgebracht und bald darauf den „Craft Beer Award“ gestartet. „Wenn es die Chance gibt, Magazine durch Events zu verlängern, die unsere Zielgruppen zusammenbringen, wollen wir präsent sein“, betont Christoph Meininger. Denn Print allein kann’s nicht richten. Es geht darum, Medienmarken auszurollen und ein mehrsäuliges Geschäftsmodell zu entwickeln. „Die Zeitschrift selbst hat Zukunft, unabhängig davon, ob sie gedruckt oder digital vorliegt. Das Internet bedroht uns nicht, denn gerade durch die große, zugleich unsortierte und ungefilterte Informationsmasse dort braucht es Fachmedien, die Übersicht schaffen und denen die Leser vertrauen können“, sind sich Andrea und Christoph Meininger einig.

In den letzten Jahren haben sie das Verlagsprogramm ausgebaut. Zu Klassikern wie Getränke Zeitung und Der Deutsche Weinbau sind Special­Interest­Titel wie Meiningers Weinwelt und Sommelier Magazin sowie das global angelegte Meininger’s Wine Business International gekommen. Die strategisch sicher wichtigste Weichenstellung vollzogen die Meiningers durch den Auf­ und Ausbau von Veranstaltungen. Zum Jahresumsatz, der 2014 um voraussichtlich sieben Prozent auf knapp über zehn Millionen Euro steigen wird, tragen Events mittlerweile ein Viertel bei. Der Verlag beschäftigt 70 Mitarbeiter, davon sind 20 Redakteure.

Seit der Jahrtausendwende, als die Meininger­Geschwister die Geschäftsführung und die Mehrheit am Verlag übernahmen, wurde stets Gewinn erwirtschaftet. Es scheint sich auszuzahlen, dass sie jedes Jahr sechsstellige Beträge in die Beratung und Erneuerung ihrer Medien investieren. „Wir stehen für inhaltliche Kompetenz und journalistische Qualität, das wird in der Branche anerkannt. Darin besteht unser eigentliches Kapital, das dürfen wir niemals aufs Spiel setzen“, betont Andrea Meininger. Dass ein Verlag Karrieren befördert, dafür gibt es ein prominentes Beispiel: Die Deutsche Weinkönigin von 1995, Julia Klöckner, heute Vize­Parteivorsitzende der CDU und Fraktionschefin im rheinland­pfälzischen Landtag, volontierte bei den Meiningers. Danach war sie Redakteurin der Weinwelt und bis 2009 Chefredakteurin des Sommelier Magazins.

Ob den Meininger­Geschwistern irgendwann ihre Kinder nachfolgen und dann die fünfte Generation des Familienverlags prägen werden? Andrea wurde mit 47 Mutter eines heute fünfjährigen Sohns, Christoph hat einen Sohn (21) und eine Tochter (12). Kandidaten gibt es also, zumindest auf dem Papier. Allerdings denken die aktuellen Inhaber noch überhaupt nicht ans Kürzertreten oder gar Aufhören. „Verlegerin zu sein, ist ein Traumberuf für mich“, sagt Andrea Meininger. Auch ihr Bruder hat noch keinen Termin, aber immerhin schon Pläne für den Ruhestand. „Wenn ich mal Rentner bin“, sagt er, „will ich einen eigenen Weinberg bewirtschaften und 100 Flaschen köstlichen Wein produzieren.“

13 Fragen an die Meininger­-Geschwister

Welches Buchlesen Sie gerade?
Andrea Meininger: „Der wiedergefundene Freund“ von Fred Uhlmann.
Christoph Meininger: Keins.

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag?
AM: Spiegel Online
CM: Tageszeitung.

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten?
AM: Auf Reiseseiten.
CM: Wikipedia.

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind?
AM: Dass es uns frühzeitig gelungen ist, über die rein verlegerischen Angebote hinaus den relevanten Zielgruppen Messen, Kongresse et cetera erfolgreich anzubieten.
CM: Den Internationalen Weinpreis „Mundus Vini“ ins Leben gerufen
zu haben.

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte?
AM: Als Verleger in die Gastronomie einzusteigen.
CM: Ein Restaurant unter dem Namen „Mundus Vini“ zu betreiben.

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner?
AM: Menschen, denen ich unerwartet begegnet bin und die mich überrascht haben.
CM: Johann Ruppert aus Südafrika, Inhaber von populären Marken der Luxusgüter­Industrie und Weingutsbesitzer.

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt?
AM: Je nach Lebensphase von vielen inspirierenden und interessanten Menschen, aber schon immer von meinem Vater.
CM: Von all denen, die ich am Markt getroffen habe und noch treffen werde.

Was treibt Sie an?
AM: Die Neugier.
CM: Das Streben nach etwas Neuem und Einzigartigem.

Ihr Lebensmotto?
AM: Liebe das Leben.
CM: Auf dem Grabstein soll stehen: Er hat gearbeitet und gelebt.

Ihr größtes Laster?
AM: Ungeduld.
CM: Das Rauchen.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
AM: Mit meinem fünfjährigen Sohn und meinem Mann die Zeit verbringen.
CM: Reisen, gute Weine genießen, Familie und Freunde treffen.

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten?
AM: Paris.
CM: San Diego, dort habe ich meine Schul-­ und Studienzeit verbracht.

Welchen Wunsch wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen?
AM: Spanisch lernen.
CM: Keine Höhenangst mehr zu haben.

Erschienen in impresso 4/2014

2017-08-21T14:14:26+00:00 15. Dezember 2014|0 Comments