Der Quartz unter den Apps

Mit einem konsequent auf die mobile Mediennutzung zugeschnittenen Newsangebot zeigt Quartz, dass Journalismus im Web durchaus erfolgreich sein kann. Zielgruppe der ungewöhnlichen App: vielbeschäftigte Manager der globalen New Economy.

Von Helmut van Rinsum, Medienjournalist, München

Es ist eine dieser unterhaltsamen Spielereien, die das Angebot von Quartz so liebenswert machen. Neuerdings hat die App eine Funktion namens Trump Snooze (s. Zwischenspalte re.). Wer diese aktiviert, wird für ganze 24 Stunden von jedweder Meldung über den US-Präsidenten verschont – mit einer Ausnahme: Sollte sich eine wirklich wichtige Trump-Story ereignen, wird der User natürlich trotzdem darüber informiert.

Quartz, ein digitales Newsangebot für die internationale Managerelite oder solche, die sich für deren Themen interessieren, ist tatsächlich eine Ausnahme. Die US-News-Plattform zählt zu den wenigen Geschäftsmodellen, denen es gelungen ist, mit redaktionell ansprechendem, journalistisch hochwertigem Content in der digitalen Welt Geld zu verdienen. Und das ohne Pay-Wall, ohne Paid- Content-Angebote und ohne nervige Werbebanner. Jay Lauf, Gründer und Chef des Unternehmens, ist deshalb auf einschlägigen Medienkongressen ein gefragter Referent. Mit großem Interesse lassen sich Medienmanager von dem studierten Historiker, der äußerlich ein wenig dem jungen Harrison Ford ähnelt, erklären, wie er geschafft hat, was sie seit Jahrzehnten mit wechselhaftem Erfolg versuchen: ihr analoges Business-Modell ohne allzu hohe wirtschaftliche Einbußen in das digitale Zeitalter zu transferieren.

Rollenwechsel wird zur Basis des Erfolgs

Dieser Erfolg liegt zunächst darin, dass die Macher eben nicht versucht haben, ein altes Modell in die neue Welt zu transferieren. Das Newsportal Quartz verfolgt stattdessen einen radikalen Mobile-First-Ansatz. Während Tageszeitungen und Zeitschriften vornehmlich daran festhalten, ihr Layout, ihre Ressort- und Themenaufteilung ins Web zu übertragen, kehrten die Quartz-Gründer den Spieß um. Sie versetzten sich in die Rolle eines Managers, der geschäftlich viel unterwegs ist, wenig Zeit hat, sich vornehmlich über sein Smartphone informiert und sie fragten sich, welches Newsangebot sie ihm unterbreiten könnten. Im Gegensatz zu Medienhäusern, die bei ihren Digitalisierungsstrategien also vornehmlich einen Ansatz aus Anbietersicht verfolgen (wie kann ich meinen Content digital monetarisieren?), orientiert sich Quartz ausschließlich an den Bedürfnissen und den Mediennutzungsgewohnheiten der Digital Natives.

Besonders deutlich wird dieser unterschiedliche Ansatz, wenn man sich die App das erste Mal herunterlädt. Der User landet nicht auf einer Website, sondern befindet sich optisch in der Welt eines Messenger-Dienstes. Ähnlich wie in einem WhatsApp-Chatverlauf wird er von Quartz wie von einem Freund begrüßt und in einen News-Stream eingeführt. Die journalistischen Nachrichten erscheinen als Posts, als kurze Textschnipsel, Bilder oder Videosequenzen. „Unsere News sehen so aus so, als würde man mit einem seiner besten Freunde ein Gespräch führen“, sagt Jay Lauf. Wer mag kann diese mit Emojis kommentieren, mehr Infos anfordern („anything else?“) oder sich auf die weiterführende Seite – die Quartz-Website oder aber eine andere Quelle wie die New York Times oder Bloomberg leiten lassen. Quartz bietet also eigen recherchierten Content, fungiert aber auch als Aggregator anderer, renommierter Quellen. Dabei sind die Häppchen liebevoll getextet. Ein Beitrag über autonome Lieferservices wird beispielsweise mit folgenden Zeilen angeteasert: „Die Roboter kommen – nicht um uns umzubringen (wahrscheinlich), sondern um uns das Abendessen zu liefern oder vielleicht auch einen Blumenstrauß.“

Spin-off mit sehr unabhängigem Charakter

Um verstehen zu können, wie es zu diesem stark auf die mobile Adaption fokussierten Konzept kommt, hilft der Blick auf die Gründungsgeschichte dieses Start-ups. Die Quartz-Website wurde vor rund fünfeinhalb Jahren gelauncht, genauer gesagt am 24. September 2012. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits deutlich ab, dass die digitale Internetnutzung auf dem stationären Desktop abnimmt und von der Nutzung auf mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets demnächst überholt werden wird. Zeitgleich shifteten immer mehr Werbekunden ihre Budgets in Richtung Mobile Advertising um. „Um an diese Dollars zu kommen, mussten wir also auch unser Geschäft auf Mobile verlagern“, so Quartz-Gründer Jay Lauf.

Lauf hätte dies nun unter der Flagge von Atlantic Media machen können, dem US-Medienkonzern, für den er arbeitete und der die politische Zeitschrift The Atlantic herausgibt und die dazugehörige Website betreibt. Doch ihm war klar, dass das neue Angebot immer als Ableger der renommierten Marke gesehen würde und sich nur schwer aus den vorgegebenen Strukturen lösen könnte. Um diesem „Innovators dilemma“ zu entgehen, wurde ein völlig eigenständiges Geschäft aufgezogen, das nur in einem Punkt betonte, ein Spin-off von Atlantic zu sein: Wie die Muttermarke auch, nahm man es mit dem seriösen, verantwortungsvollen Journalismus sehr ernst. Ziel war es, sich auch von  den vielen anderen Start-ups zu unterscheiden, die in ihren Garagen ebenfalls an Newsangeboten bastelten, vom Journalismus aber keine Ahnung hatten. Der Name des neuen Angebots: Quartz. Die Domain der Website weist ebenfalls darauf hin, dass die Gründung erst kürzlich erfolgte. Die Domain Quartz.com war belegt, Anlaufstelle ist deshalb qz.com.

Die Sache mit dem Wurm und dem Angler

Einige Monate lange arbeitete ein Team renommierter Journalisten zusammen mit Entwicklern an dem Newsangebot für Digital Natives, die von Meeting zu Meeting eilen und vorwiegend mit dem Flugzeug unterwegs sind, dabei aber mit den wichtigsten Business-News versorgt sein wollen. Diese Klientel hat schon Lust, mal längere Strecken zu lesen, aber nur wenig Zeit, sich durch ein unübersichtliches Infoangebot zu wühlen. Wer sie erreichen will, so die Annahme der Quartz-Gründer, muss ihren Mediennutzungsgewohnheiten entgegenkommen. Wichtige Hinweise lieferten in diesem Kontext einschlägige Untersuchungsergebnisse: Danach verbringen die User ein Vielfaches ihrer Zeit auf Social-Kanälen wie Facebook oder WhatsApp statt dass sie freiwillig eigenständige News-Apps oder entsprechende Seiten öffnen und darin lesen. Wer also wahrgenommen werden will, so die Schlussfolgerung, muss sich auch der Funktionsweisen des Social-Net bedienen. Eine weitere Grundannahme war die realistische Einschätzung des eigenen Stellenwerts als Anbieter von redaktionell hochwertigem Content. Den schätzen andere Medienmanager bei ihren Strategien oft falsch ein: Die User wollen nicht jede Story lesen und sie bewegen sich in einem Kosmos unendlich vieler anderer Content-Angebote, die alle nur einen Mausklick oder Touch weit entfernt sind. Wer also nah beim User bleiben möchte, der muss inhaltlich relevant sein. Er muss unterhalten und informieren und darf vor allem eines nicht: langweilen oder nerven.

Diese Maxime gilt gleichermaßen für das Anzeigengeschäft, ohne das so ein Projekt wie Quartz  nicht funktionieren würde. Auch hier vertritt Jay Lauf eine These, die nicht immer gerne gehört wird. Die Publisher, so der Quartz-Manager, seien auch selbst schuld daran, dass immer mehr User Ad Blocker installieren und sie sich somit einer wichtigen Einnahmequelle berauben. Zum Beleg zeigt Lauf gerne Webseiten von Medienhäusern, die mit unterschiedlichsten Display Ads überfrachtet sind und in ihrer blinkenden Aufdringlichkeit die Nutzer verschrecken. Vollends kontraproduktiv wirkt dies, wenn solche Konzepte auch auf dem Smartphone-Screen Einzug halten: „Holy shit“, so ein typischer Twitter-Kommentar eines frustrierten Nutzers: „Der Anzeigenberg macht es einem nahezu unmöglich, überhaupt einen Artikel zu lesen.“

Wohltuende Rache für nervige Werbung: der Skip-Ad-Button

Zahlreiche Untersuchungen belegen diese Aversion gegen Werbung, vor allem auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones. Zu diesem Screen hat der Nutzer einen sehr persönlichen, nahezu intimen Zugang. Wer diesen Kontakt mit plumper Werbung stört, wird unweigerlich weggewischt. Auf seinem Vortrag auf dem Digital Innovators’ Summit im März vor einem Jahr in Berlin präsentierte Jay Lauf eine Auswahl entsprechender Umfrageergebnisse. Danach empfänden es viele Menschen als Genugtuung, wenn sie Anzeigen mithilfe der Skip-Ad-Taste wegdrückten. Andererseits wies er aber auch darauf hin, dass Manager ansprechenden Werbebotschaften gegenüber durchaus aufgeschlossen sind. Eine Befragung unter internationalen Entscheidern habe ergeben, dass die Absendermarke eine ganz entscheidende Rolle dabei spiele, ob auf einen weiterführenden Link geklickt werde. 84 %, so ein Umfrageergebnis, zeigen sich offen gegenüber Content von Marken, so lange dieser klar gekennzeichnet und von ansprechender Qualität ist.

Gut bekömmliche Werbung: Native Ads

Quartz lässt entsprechend nur Native Ads zu. Darunter werden hochwertig anmutende Werbebotschaften – Bilder, Videos oder Sponsored-Content-Formate – gefasst, die sich inhaltlich und layouterisch in die redaktionelle Umgebung einfügen und nicht von vornherein als störendes Element identifiziert, sondern eher als redaktionelle Bereicherung empfunden werden. Ein Content-Marketing-Team bei Quartz hilft dem Kunden dabei, entsprechende Botschaften aufzusetzen und die Akzeptanz ihrer Werbung zu testen, wobei es strikte Designvorschläge gibt. Dafür werden Anzeigenpreise aufgerufen, die deutlich über denen vergleichbarer Angebote liegen – mit dem Verweis auf die vermögende und gut gebildete Zielgruppe. Die Ergebnisse zeigen, dass man mit diesem Konzept offenbar richtig liegt. Bislang haben nach Unternehmensangaben über 200 Werbekunden Anzeigen geschaltet, 95 % von ihnen mehrfach. Die Reichweiten und Klickraten lägen deutlich über denen der Konkurrenz. Entsprechend sei Quartz  auch eine wirtschaftliche Erfolgsstory. Glaubt man einem Chart, das freilich keine genauen Zahlen zeigt, sind seit Unternehmensgründung die Einnahmen jedes Jahr um rund 50 % gestiegen.

Konkreter sind da die Angaben des Unternehmens zu der Nutzung der News-Plattform. Rund 20 Millionen monatliche Besucher, rund 40 % von ihnen außerhalb der USA. 60 % nutzen das Angebot auf mobilen Endgeräten, Tendenz steigend. Rund 750.000 User lassen sich Notifications schicken, über 250.000 haben den Newsletter Quartz Daily Brief abonniert.

Sehr selbstbewusst auf internationalem Expansionskurs

Die Macher wissen, dass sie sich trotz des Erfolgs in der ruhelosen digitalen Realität nicht ausruhen dürfen. Sie übertragen deshalb ihr Modell vorsichtig in andere Welten. Es gibt Quartzy, eine boulevardeske Variante von Quartz, und Quartz At Work, das sich mit Themen rund um den Job befasst. Es gibt den Quartz Index, der als Maßeinheit für den Zustand der Global Economy gelten will, und die Plattform Atlas, eine Sammelstelle für Charts und Daten. Das Main Office ist heute in New York City, Korrespondenten arbeiten in London, Paris, Los Angeles und Washington. Auch dabei soll es nicht bleiben. In Hongkong steht demnächst die Eröffnung eines weiteren Büros an. Singapur, Japan und Korea gelten ebenfalls als interessante Zukunftsmärkte.

Soviel Ambitionen und Erfolg strahlen auf das Selbstbewusstsein der Macher aus. Chefredakteur Kevin J. Delaney sieht Quartz schon in einer Reihe mit den ganz renommierten Medienmarken wie The Economist oder Rolling Stone. Auf der Homepage stellt er den Usern die Frage: „Wie können wir am besten eine globale News-Plattform aufbauen?“ Seine Antwort: „Mit Ihrer Hilfe werden wir das herausfinden.“ ●

Das Smartphone ist längst auch in Deutschland für alle Altersgruppen im berufsfähigen Alter das Tor zur digitalen Welt – und zwar täglich mehr als 40 Minuten

Dieser Artikel erschien bereits in der impresso 1_2018 (März 2018).

 

 

 

2018-05-09T15:24:49+00:00 09. Mai 2018|

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