Der Netzwerker

Kilian Müller gründete bereits als Student den publish-industry Verlag in München. Heute hat das Unternehmen rund 40 Mitarbeiter und zeigt anderen Verlagen, wie man die digitale Transformation erfolgreich beschreiten könnte.

Von Helmut van Rinsum, Medienjournalist, München

Als Nokia, Motorola und Siemens ihre ersten Mobilfunktelefone auf den Markt brachten, war die elektromagnetische Verträglichkeit technischer Geräte noch ein Riesen-Thema. Zum Sound jener Zeit gehörte das Knattern der Radios, wenn man mit dem Handy telefonierte, oder das Gurgeln in irgendeinem Wohnzimmerlautsprecher, mit dem sich der nächste Anruf ankündigte. Dabei waren diese Varianten noch harmlos. Beängstigend war dagegen die Vorstellung, dass die Rechenchips der Handys auch Systeme im Flugzeug oder der Bahn stören und den Betrieb plötzlich lahmlegen könnten.

Kurz: Das Thema war Anfang der 1990er-Jahre höchst relevant. Zwar nur für eine Nische, aber für eine, für die sich eine Menge finanzstarker Player aus der Elektronikindustrie interessierten: Großkonzerne, Mittelständler, Hersteller und Dienstleister. Zu dieser Zeit bewies Kilian Müller, der soeben in München sein Studium der Betriebswirtschaft aufgenommen hatte, zum ersten Mal sein verlegerisches Gespür. Er witterte darin eine Chance, ein redaktionelles Angebot für dieses Umfeld aufzubauen, dafür Anzeigen zu akquirieren und mit dem ganzen Paket sich nebenbei das Studium zu finanzieren: 1993 entwickelte er die erste Ausgabe des EMC Journal (Eletromagnetic Compatibility) und traf damit sofort den Nerv interessierter Leser. Der Grundstein für den publish-industry Verlag in München war gelegt.

„Wir müssen die Digitalisierung leben“

Das verlegerische Rezept sollte in den darauffolgenden Jahren noch mehrmals als Blaupause für weitere Objekte dienen. Am Anfang stand jeweils das Aufspüren eines Trendthemas aus der Industrie. Dafür wurde eine Fachzeitschrift entwickelt, die wiederum kostenlos ausgewählten Lesern der Branche zugeschickt wurde. Parallel griff Kilians damalige Studienkollegin Anja zum Telefon und verkaufte Anzeigen für die Hefte. Und als bald die erste Umsatzmillion gestemmt war, stellte sich auch nicht wirklich die Frage, ob man sich nach dem Studium eigentlich einen anderen Job suchen musste oder den ausbauen sollte, den man schon so erfolgreich ausübte.

In den 25 Jahren seit seiner Gründung hat der Verlag einen gewaltigen Veränderungsprozess vollzogen. Wenn Kilian Müller, CEO & Publisher heute seinen Verlag betritt, hat sich so ziemlich alles verändert. Die ersten Schritte als Verleger tat der heute 48-Jährige in seiner damaligen Münchner Wohnung in der Kapuziner Straße, mit Stapeln an Heften auf dem Parkettboden und ruckelnden PCs auf dem Schreibtisch im heimischen Wohnzimmer.

Das Office, in dem publish-industry heute residiert, wurde von einem Innenarchitekten designt. Die Kommilitonin Anja ist inzwischen seine Frau und die Mutter zweier Kinder. Zeitschriften werden zwar immer noch gemacht, das schon. „Aber“, so Müller. „Rund 40 % unseres Umsatzes erzielen wir inzwischen mit digitalen Projekten und verschiedenen Veranstaltungsformaten.“

Kann publish-industry deshalb als Vorbild einer gelungenen digitalen Transformation dienen? Ist das Unternehmen ein Beispiel dafür, wie einem B2B-Verlag den Schritt ins digitale Zeitalter gelingen kann? Wer eine Antwort darauf finden will, muss sich nach Sendling begeben, einem Stadtteil im Süden von München, der seit geraumer Zeit auf Identitätssuche ist. Zwischen Wohngegenden finden sich seltsame Betonbauten aus den 1970er-Jahren, viel davon wird gerade abgerissen, vieles neu und zweckmäßig gebaut. Im ersten Stock einer dieser eher gesichtslosen Gebäude hat seit gut einem Jahr auch Kilian Müller seine Büroadresse. Es ist der Arbeitsplatz von inzwischen 40 Angestellten.

Klare Maxime: Keiner arbeitet zwei Tage hintereinander am gleichen Arbeitsplatz

Und es ist ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Bevor Müller hier mit seinem Team einzog, ließ er erst einmal die vielen Zwischenwände entfernen. Statt Einzelbüros hat er zwei große offene Räume gestaltet, in denen es keine festen Arbeitsplätze mehr gibt. Jeder Mitarbeiter sucht sich am Morgen seinen Platz, mal am Fenster, mal mit neuen Kollegen, mal im Besprechungsraum, mal im Loungebereich auf einem der Holzpaletten-Möbel, die in jedem Start-up zur Standardausrüstung gehören. Gerne auch für ein paar Stunden unten im Rasen, auf einem der Liegestühle.

„Wir haben nur eine Regel und die lautet: Jeder kann sich den Arbeitsplatz seiner Wahl aussuchen, aber nicht zwei Tage hintereinander denselben“, erzählt Kilian Müller und man merkt schnell, dass dies eines seiner Lieblingsthemen ist. Es ist seine feste Überzeugung: Wer digitale Geschäftsmodelle entwickeln will, muss dafür nicht nur die richtigen Leute haben, sondern auch die richtige Arbeitsumgebung. „Wir müssen die Digitalisierung leben“, sagt Müller.

Dieses Credo führt zu einer angenehm cleanen Arbeitsatmosphäre, in dem keine zugemüllten Schreibtische oder Bücherstapel den Blick auf die wesentlichen Aufgaben verstellen – jeder Mitarbeiter legt am Morgen sein Notebook auf den Tisch und packt am Abend seine persönlichen Gegenstände in eine graue Filzkiste, die er dann in einem Schrank verstaut. Es gibt nicht mal mehr Kabel. Alles läuft über WLAN, selbst der Serverraum ist leer – alles geht direkt in die Cloud. Es gibt also keinerlei Hürden, die ein agiles Arbeiten verhindern würden.

Kilian Müller ist damit das gelungen, wovon seit einigen Jahren auf den unterschiedlichsten Digitalisierungs-Kongressen unermüdlich debattiert wird: Mauern einzureißen. Die Teams gruppieren sich je nach Bedarf, auf Whiteboards an den Wänden ist der jeweilige Stand der einzelnen Projekte vermerkt. Jeder kann mühelos seine Qualitäten dort einbringen, wo sie gefragt sind, muss dafür nicht an Türen klopfen oder auf Vorgesetzte warten, die von früh bis spät in Meetings sitzen. Der Geschäftsführer hat damit eine seiner größten Stärken unmittelbar auf sein Team übertragen können: das Vernetzen von Menschen und damit das Freilegen neuer Energien und Ideen.

„Es hat mich schon immer fasziniert, Menschen zusammenzubringen“, erzählt Müller. Diese Denke prägt auch seine Sicht auf den Job eines Verlegers. Nach wie vor entwickelt publish-industry Zeitschriftentitel für die Technologiebranche, darunter Energy 4.0 oder A&D Automation & Digitalisierung. Was auf den ersten Blick zunächst verwirren mag. Denn Kilian Müller pflegt einen Kleidungsstil, der alte und neue Welt lässig kombiniert: weiße Sneakers, eng sitzendes Sakko mit Einstecktuch, Halskette und Lederarmband. Man kann sich eher schwer vorstellen, dass die Manager mittelständischer Elektronik-Unternehmen davon nicht irritiert wären.

Andererseits steht Müller damit auch äußerlich für den so dringend benötigten neuen Blickwinkel, der sich beispielsweise auch im Konzept seiner Zeitschriften ausdrückt. Gestaltung, Layout, Bildsprache und Haptik der Titel brauchen den Vergleich mit hochpreisigen Magazinen im Publikumszeitschriftenmarkt nicht zu scheuen. Und dennoch sind gedruckte Titel für ihn nur noch ein Bestandteil des modernen Verlagsbusiness. Im Kern, so Müller, gehe es heute darum, Kunden zu helfen, neue Kontakte zu knüpfen, die Geschäftsanbahnung zu unterstützen und Ideen für neue Businessmodelle zu entwickeln.

Rund 40% unseres Umsatzes erzielen wir inzwischen mit digitalen Projekten und verschiedenen Veranstaltungsformaten

Müller, der jahrzehntelange Kontakte in die Industrie pflegt, schafft dies offenbar. Als exemplarisch für diese Herangehensweise kann der INDUSTRY.forward Summit gelten, den er veranstaltet: ein Kongress mit hochkarätigen Speakern, auf dem Themen wie die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Wertschöpfungskette behandelt werden und der in seiner günstigen Teilnahme-Variante knapp 1.000 Euro kostet. Oder das Format „Digital Innovation Partnership“, ein kleiner Kreis, in dem hochkarätige Industrievertreter viermal im Jahr hinter verschlossenen Türen über Marketing- und Sales-Prozesse diskutieren. Oder die Web-Plattform industr.com, ein Portal für die Industrie, das letztendlich die Geschäftsanbahnung in Technologiemärkten erleichtern soll.

Zukunftskonferenz zur Digitalisierung: der INDUSTRY.forward Summit

Müller hat noch viele weitere Ideen, wie er die Kompetenz und Kontakte seines Hauses zu Technologieunternehmen auch auf anderen Ebenen einsetzen könnte. So dass man sich unwillkürlich fragt, wo denn da noch Zeit für andere Themen wie für die Familie oder die Work-Life-Balance bleibt? Die Handy-Nummer des Geschäftsführers ist für alle sichtbar auf der Website hinterlegt, theoretisch ist er also für jeden Kunden und Kollegen ständig erreichbar. Wird da nicht ständig angerufen?

Alles halb so wild, winkt der gebürtige Oberfranke ab. Er sei kein Workaholic. Er treibe regelmäßig Sport, Segeln oder Skifahren. Im Sommer gönnt er sich zudem regelmäßig drei Wochen Urlaub mit seiner Familie. Einerseits. Andererseits gehört es zum Familienleben dazu, immer wieder über neue Projekt zu diskutieren, vor allem wenn die eigene Frau von Anfang an dabei ist, Anteile am Unternehmen hält und heute Head of Marketing ist. Dann ist der Job auch Teil des Privatlebens. Womit sich da die Frage stellt, ob irgendwann mal vielleicht eines seiner Kinder…?

Er weiß es nicht, sagt Kilian Müller. Die Kinder sollten ihren eigenen Weg gehen. So wie er das auch getan hat. Eigentlich entstammt er einer traditionsreichen Verlegerfamilie, die 1868 ihren ersten Titel gegründet hat. Der Verlag hieß „Sprechsaal“ und hatte ebenfalls eine klare industrielle Ausrichtung – auf Glas und Keramik. Doch aus wirtschaftlichen Gründen konnte der Betrieb nicht mehr an Kilian, die fünfte Generation, übergeben werden.

Ist das nun Zufall, dass er sich trotzdem wieder für genau diesen Beruf entschieden hat? „Vielleicht“, sagt Müller. „Vielleicht habe ich einfach mitbekommen, wie abwechslungsreich und herausfordernd dieser Beruf ist.“ Und die nächsten Jahrzehnte noch sicher bleiben wird. ●


Fotos: publish-industry Verlag


Der Artikel ist erschienen in der Printausgabe der impresso Nr. 2/2018

2018-09-20T09:42:22+00:00 17. September 2018|

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