Der Geislinger Steiger

Schwäbische Wurzeln und Tugenden, Branchenkenntnis per Muttermilch, sportlicher Ehrgeiz und die Zukunft im Blick: Carl Otto Maurer führt seine Mediengruppe mit Weitsicht und Sportsgeist in neues Terrain.

Von Klaus Kresse, Lehrbeauftragter, Journalist, Medien-Berater, Appenweier

Was soll man von einem Verleger halten, der gern auch Bergführer geworden wäre? Geht das zusammen? Ein Psychologe oder Motivforscher könnte das schnell aufklären.

Aber schauen wir uns vorab den Menschen Carl Otto Maurer aus der Nähe an. Unter der Lupe sozusagen.

Der heutige geschäftsführende Gesellschafter wird am 11. März 1965 in Geislingen an der Steige geboren. Das ist da, wo die A8 auf die Höhen der Schwäbischen Alb mäandert. Fast jeder kennt die kleine Stadt von den Staumeldungen her, doch die wenigsten haben je ihren Fuß in die 27.ooo-Einwohner-Gemeinde gesetzt. Obgleich das kein Fehler wäre, wirbt das hübsche Städtchen doch im Internet mit dem Imperativ „Do gugg na“ – für alle aufs Hochdeutsche Fixierten heißt das so viel wie „Da schau hin“. Carl Otto Maurer ist sogar richtig stolz auf seine Heimatstadt, bekennt er doch – und das sicher nicht ohne Grund – in aller Offenheit: „Ich bin Schwabe aus tiefstem Herzen!“

Blick zurück: Der Vater des jungen C. O. Maurer leitet die Druckerei und den Verlag, die Mutter würde man heute als klassische schwäbische Hausfrau bezeichnen (Maurer: „Ich schätze sie sehr!“). Und dann gibt es da noch zwei Schwestern, zwei jüngere Schwestern.

Maurer besucht das Wirtschaftsgymnasium, macht dort das Abi und auf der HdM, der Hochschule der Medien in Stuttgart, seinen Wirtschafts-Ingenieur, Schwerpunkt Drucktechnik. Der junge Mann lernt auch Fremdsprachen. Englisch beherrscht er sehr gut (nicht zuletzt, weil er nach dem Studium in Los Angeles einen einjährigen Arbeitsaufenthalt in einer Druckerei absolviert), Französisch kann er auch, nur nicht so gut.

Weil die Bundeswehr damals noch keine Berufsarmee ist, muss er einen fünfzehnmonatigen Wehrdienst absolvieren: in Dornstadt bei Ulm. Dort dient er in einem Nachschub-Bataillon des Heeres, kann auf Bundeskosten den Lkw-Führerschein erwerben.

Im Fragebogen, den Sie in diesem Heft auf Seite 13 finden, offenbart er seinen Hang zur Bergwelt. Vielleicht vermag das zu erklären, warum seine spätere Ehefrau aus dem Kleinen Walsertal stammt. Wie auch immer: Ehefrau Cornelia schenkt dem Verleger Zwillinge – einen Jungen und ein Mädchen. Sie selbst kümmert sich neben ihrer Hausfrauentätigkeit um Marketing.

Dynamischer Frühaufsteher

Natürlich gibt es für Maurer auch noch eine Welt neben Druck und Verlag. Er ist Mitglied bei den Rotariern. Er engagiert sich im Elternbeirat. Er sitzt im Vorstand des Verbands der baden-württembergischen Druckindustrie. Und bei SZV-Geschäftsführer Patrick Priesmann hat er angeregt, zum Thema Verlagsmanagement eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, deren Mitglieder sich zweimal im Jahr treffen könnten. Eine Anregung, die schnell umgesetzt wurde. Für solch ein Thema schlägt Maurers Herz schon deshalb, weil er in seiner Mediengruppe – wo Druck und Verlag konsequent getrennt sind – immer genau wissen will, „wo wir eigentlich Geld verdienen“. Eine Frage, die genau dann nicht zu beantworten ist, wenn in einem Unternehmensverbund Binnengeschäfte zu Mondschein-Verrechnungspreisen getätigt werden.

Weil nur der frühe Vogel den Wurm fängt, steht Carl Otto Maurer mit Vorliebe jeden Tag vor sechs Uhr auf. Für andere Mitteleuropäer ist das fast noch mitten in der Nacht. Auf der Website seiner Unternehmensgruppe präsentiert er sich mit einem roten Surfbrett. Wer ihm begegnet, lernt einen Mann kennen, der – und das ist durchaus sympathisch – gar nicht abgehoben verlegerhaft daher kommt. Maurer nähert sich ganz dynamisch, mit locker wippendem Schritt. So könnte auch ein Iron Man auftreten. Und man ahnt sofort, jede Faser seines erkennbar vom Sport gestählten Körpers ist energiegeladen. Eigentlich ist Maurer 54 Jahre alt. Aber er würde auch locker als Mittvierziger durchgehen.

Carl Otto Maurer. Das ist ein etwas sperriger Name mit leicht antiker Anmutung. Otto wäre heute nicht der Favorit bei der Namensgebung für einen Jungen. Und das hohe C in Carl drückt eine vornehme Reserviertheit aus, die dem Verleger gar nicht zu eigen ist. Aber die Erklärung ist einfach, denn mit dem Wort Tradition ist alles gesagt. Schließlich gehen die Wurzeln des Hauses Maurer ins Jahr 1856 zurück. Und seit langem heißt ein Mann aus der Familie Maurer eben Carl Otto.

Der Empfangsbereich der C. Maurer Mediengruppe im schwäbischen Geislingen an der Steige

1856. Das muss man sich in einer ruhigen Minute vorstellen. Das war jenes bewegte Jahr, in dem der große deut sche Dichter Heinrich Heine im Pariser Exil sein Leben aushauchte, in dem der Krim-Krieg beendet wurde und in dem der spätere Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, das Licht der Welt erblickte. Im saloppen Ton der Popmusik könnte man also sagen: Verdammt lang her!

Aus jenem Jahr 1856 also datiert die Druckerei Maurer, sozusagen der Fels, auf dem die heutige Unternehmensgruppe errichtet wurde. Bei dem Wort „Gruppe“ zuckt Maurer etwas und sagt: „Ich habe mir lange überlegt, ob ich uns ,C. Maurer Mediengruppe‘ nennen kann. Aber warum eigentlich nicht? Unsere vier Firmen sind doch eine kleine, aber feine Mediengruppe.“

Die vier Firmen – das sind „C. Maurer – Gibt Druck Mehrwert“ (eine GmbH & Co. KG für Print), die beiden Verlage „C. Maurer Fachmedien“ (gegründet 1948) und die „MTD GmbH“ sowie die „Geislinger Zeitung Verlagsgesellschaft“ (Tageszeitung). Die gesamte Gruppe macht aktuell 25,6 Mio. Euro Jahresumsatz und beschäftigt 142 Mitarbeiter.

Aufgedröselt stellen sich die Zahlen so dar: Die Fachmedien einschließlich MTD (mehr dazu später) kommen auf einen Umsatz von rund 4,3 Mio. Euro, die Tageszeitung macht gut 7 Mio. und die Druckerei erzielt mehr als 13 Mio. Euro. Zudem verlegt und produziert das Haus Maurer noch ein Telefonbuch (Das Örtliche). Ein Engagement, das seit 1924 „so nebenher läuft“ (O-Ton Carl Otto Maurer), aber dennoch „Geld bringt“. Und da das auf absehbare Zeit auch so zu bleiben scheint, wird dieser Bereich nicht verkauft – obgleich es durchaus Interessenten gäbe.

Lizenzen und Allianzen

Gruppenbild im Messealltag: In Mannschaftsstärke
ist das Team der Fachzeitschrift
Orthopädiefußtechnik auf Fachmessen
präsent. Das Motto passt zu Chef
(3. v. re.) und Magazin: Freude an Bewegung

An dieser Stelle müssen wir nochmals ins Jahr 1856 springen. Denn der Buchdrucker und Schriftsetzer Georg Maurer (später sollte man diese Doppel-Profession Schweizerdegen nennen) hatte die C. Wagner’sche Buchdruckerei übernommen und sie in der Schubartstraße 21 zu Geislingen an der Steige angesiedelt – was übrigens bis heute die Anschrift des Unternehmens ist. Die junge Druckerei Maurer gab in jener Frühphase auch den Alb- und Filstalboten heraus, den Vorläufer der Geislinger Zeitung (Maurer: „Ein Wochenblättle“). Aus dieser Kombination aus Zeitung und Druck bestand das Unternehmen der Familie Maurer bis zum Zweiten Weltkrieg. Kenner der Branche wissen, dass nach dem verlorenen Krieg die Medienlandschaft in den einzelnen Besatzungszonen komplett umgepflügt wurde. Jetzt kam es darauf an, eine Lizenz zu bekommen.

Konsequenz für das Haus Maurer: Weil das Unternehmen zwar noch die Zeitungs-Mannschaft auf der Payroll hatte, aber keine Tageszeitungs-Lizenz besaß, begann die Suche nach einer Alternative. Tatsächlich fügte es sich, dass die Geislinger 1948 immerhin die Lizenz für einen Fachverlag erhielten, der fortan unter C. Maurer Druck und Verlag firmierte. Erst später folgte die Lizenz für die Tageszeitung.

Dumm nur, dass der Ulmer Ebner-Verlag („Südwest-Presse“) schneller eine Lizenz erhalten hatte und inzwischen in Geislingen das Tageszeitungs-Vakuum gefüllt hatte. Maurer: „Plötzlich gab es bei uns zwei Tageszeitungen, die sich bekriegt haben.“ Logisch, denn Geislingen und Umgebung ist kein so großer Zeitungsmarkt, dass er auf Dauer zwei Titel vertrüge. Der vor zwei Jahren verstorbene Vater des heutigen Verlegers handelte weise und folgte dem klugen Motto „If you can‘t beat them, join them!“. Er setzte sich mit Ebner an den grünen Tisch und verständigte sich auf ein Joint Venture. Seither hält Maurer an der Tageszeitungs-Gesellschaft zwar nur noch 50 %. Doch das Konstrukt ist stabil, funktioniert gut und macht offenbar beiden Seiten Freude. Die Geislinger Zeitung als Kopfblatt im Südwest- Presse-Verbund richtet sogar regionale Messen zu den Themen „Frauen“ und „Bauen“ aus.

Gut zu Fuß mit starken Titeln

Eine Auswahl der Printtitel aus dem Hause Maurer

Die Fachmedien des Hauses sind in zwei Segmenten positioniert: mit den Titeln ausbau+fassade sowie EnergieKompakt und der Online-Plattform EnBauSa. de (für energetisch bauen und sanieren) im Bereich Bau, mit den Titeln Orthopädieschuhtechnik, MTDialog und Der Fuss im Bereich Gesundheit. Die Orthopädieschuhtechnik ist die stärkste Marke im Verbund und unterstreicht ihre Bedeutung durch die bereits genannte Messe, die inzwischen gar die europäische Leitmesse dieses Teilmarkts ist. Mit foot & shoe gibt es zudem einen internationalen Titel in englischer Sprache.

Wie kommt ein Haus wie die Mediengruppe Maurer zu solchen Fachtiteln? Zum einen durch Übernahme. Vor zwei Jahren wurde zum Beispiel EnergieKompakt und enbausa gekauft. 2007 übernahmen die Geislinger den MTD-Verlag mit Sitz in Amtszell im Allgäu, ein Informations- und Dienstleistungsunternehmen für die Medizintechnik- und Hilfsmittelbranche. Spielart Nummer 2 ist der Faktor Zufall. Wie beim Titel Der Fuss etwa. Noch in den 1990er-Jahren hatte der Podologie-Verband eine eigene, selbst gemachte Zeitschrift. Und da „selbst gemacht“ nicht zwingend „gut gemacht“ bedeutet, fügte es sich, dass die findige Frau des damaligen Verbandspräsidenten einen schlüssigen Gedanken hatte: „Wende Dich doch mal an den Verlag Maurer“, riet sie ihrem Mann. Dem leuchtete das sofort ein, denn er war zufriedener Abonnent der Orthopädieschuhtechnik. Seit 1999 liegt das Ergebnis auf dem Tisch – die von Maurer produzierte und verlegte Zeitschrift Der Fuss.

Kontrolliert und effizient im Netz

Produziert werden die Maurer-Zeitschriften eher konventionell. Smart-Content- Produktion auf Basis von XML gibt es nicht. Auch auf ein Redaktionssystem hat Maurer bislang verzichtet. In den Redaktionen wird auf Windows-PCs gearbeitet, in der Druckvorstufe – wo es für die Druck-Kunden auch eine Satzabteilung gibt – kommen Macs zum Einsatz. Beim Workflow „Layout vor Text“ – inzwischen State of the Art – ist man noch nicht angekommen. Hier läuft alles noch nach „Text vor Layout“.

Dabei ist Carl Otto Maurer nicht der Mann, der sich Neuerungen verschließen würde. Weil er klar erkannt hat, dass sich relevante Zielgruppen oder Personas (wie sie bei den Maurer-Fachmedien schon vor eineinhalb Jahren erarbeitet worden sind und erfolgreich adressiert werden) schon lange nicht mehr mit nur einem Kommunikationskanal erreichen lassen. Für Print sieht er zwar weiterhin eine gewichtige Rolle. Aber er weiß, dass in Zeiten der Publishing-Formel „A hoch 3“ (anything, anywhere, anytime) Leser-Interessen nur noch unter starker Einbeziehung von Online-Kanälen bedient werden können.

Ob Websites, Twitter, Facebook oder WhatsApp – Maurer ist mit seinen Titeln online in diversen Sparten präsent und hat dafür eigens einen Spezialisten im Team

Er weiß es nicht nur. Er handelt auch danach. Deshalb gibt es für jeden seiner Fachtitel ein Online-Portal (Basis ist jeweils das Open-Source-CMS Joomla) sowie einen E-Mail-Newsletter. Die werden teils monatlich, teil zweiwöchentlich versandt und kommen immerhin auf Öffnungsraten von bis zu 30 %. On top gibt es für vier Titel Facebook-Auftritte und für zwei Zeitschriften je eine Präsenz im Business-Netzwerk Xing und bei Twitter. Seit 2018 schließlich wird für eine Marke auch eruiert, wie sich mit WhatsApp zusätzlicher Erfolg erzielen lässt. Und für einen Kunden aus dem Segment Bau wird ein Blog gefüttert.

Da in der Online-Welt alle drei Monate ein neuer Trend ausgerufen wird, hat Maurer einen Fachmann speziell für diesen Bereich eingestellt – wenn man so will eine Art F&E im handlichen Format. Der hilft ihm nicht nur, den Nebel bei Web und Social Media zu lichten und somit die richtigen (Investitions-)Entscheidungen treffen zu können. Er hat auch die Rolle des Wirkungs-Controllers übernommen, denn er setzt Verleger und 1Redakteure darüber ins Bild, ob und wie die Online-Engagements funktionieren.

Das ist schon deshalb wichtig, weil Online-Werbekunden für ihre Banner noch nach Platzierung und Laufzeit bezahlen. Maurer: „Cost per Lead – das wäre zwar ein Abrechnungsmodell, das manche Kunden gerne sähen. Doch das ist für uns derzeit noch nur schwer darstellbar.“

Immerhin gibt es bei Online eine Erfolgskontrolle. Bei den Print-Fachtiteln mit ihren niedrigen Auflagen (ausbau+fassade: 7.350 Exemplare, Der Fuss: 8.350 Exemplare, Orthopädieschuhtechnik: 3.450 Exemplare) sind solche Nachweise schwierig bis unmöglich. Denn anders als die großen Publikumsmedien findet man solche Fachtitel weder in der AWA noch im Zahlenwerk der AG.MA, also dort, wo die Schaltagenturen all das finden, was sie über Reichweiten in diversen Zielgruppen und Milieus wissen müssen – und was letztlich über Erfolg oder Misserfolg im Media-Geschäft entscheidet.

Im Geschäftsfeld Druck locken Verwöhnpakete

Werfen wir noch einen Blick auf den Print-Bereich: Hier findet sich leistungsstarke Technik. Für Bogen-Offset zwei Achtfarbenmaschinen und eine Fünffarbenmaschine, für das Aufspenden von Lack. Gedruckt werden nicht nur Magazine, sondern zum Beispiel auch Kataloge und hochwertige Broschüren. Maurer: „Der Print-Bereich ist der beim Umsatz stärkste unserer Gruppe. Aber, wie jeder weiß, ist das Druck-Geschäft sehr schwierig geworden.“ Was Maurer aber nicht verzagen lässt, sondern zu noch mehr Ehrgeiz motiviert. Deshalb werden rund ums Drucken richtige Verwöhn-Pakete angeboten. Maurer: „Wir fahren eine Mehrwert-Strategie, zu der viele drucknahe Dienstleistungen gehören wie etwa Konfektionierung, Lagern, Lettershop und Adress-Management.“

Wo sieht Maurer seine Mediengruppe in zehn Jahren? Das große Ziel bei den Fachmedien heißt: „Wir wollen in unseren Segmenten DER Lieferant für alle wichtigen Informationen sein und wir wollen unsere Zielgruppen auf allen Kanälen bedienen, die für sie relevant sind. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“

In dieses Szenario gehört auch das Thema Kundenmedien: Maurer will seinen Kunden für deren eigene Kommunikations-Bemühungen das jeweils Passende anbieten – vom Whitepaper über die Jubiläumsbroschüre bis zur Kundenzeitschrift. Und er besetzt neue Geschäftsfelder. Zum Beispiel mit einem Fach-Kongress, in dessen Umfeld Leserreisen angeboten werden, die schon mal nach Japan, Australien und Kanada führen und die Besichtigung interessanter Firmen einschließen.

Bergführer oder Verleger?

Ach so, wie war das nochmals mit der Frage, wie ein Psychologe oder Motivforscher den scheinbaren Widerspruch zwischen Bergführer und Verleger erklären würde?

Ganz einfach: Es gibt keinen. Ein Bergführer darf Risiken nie scheuen, aber er muss sie einordnen und sein Handeln danach ausrichten können. Er muss immer nach vorn schauen, neue Horizonte entdecken. Und er muss für sich und andere die Verantwortung tragen.

Besser könnte man die Anforderungen an einen guten Verleger und Geschäftsführer nicht umschreiben.


Dieser Beitrag ist Mitte März 2019 in der Printausgabe der impresso 01/2019 erschienen.

2019-05-15T10:31:26+00:00 28. März 2019|

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