Aber bitte mit Gehirn

Sprachkritik-Bücher von Wolf Schneider bis Ludwigs Reiners sind noch immer beliebt. Aber lassen sich ihre Regeln wissenschaftlich belegen? Oder ist alles eine Geschmacksfrage? Unser Autor stellt fünf Schreibtipps auf den neurolinguistischen Prüfstand.

Von Markus Reiter, Journalist, Schreibtrainer und Berater, Stuttgart

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„Qualität kommt von Qual“ und „Einer muss sich quälen: der Schreiber oder der Leser“ — nahezu jeder Journalist kennt diese Sprüche von Wolf Schneider, dem großen alten Mann der deutschen Sprachkritik. Im Laufe seiner Ausbildung oder seines Berufswegs hat fast jeder ein Buch von ihm gelesen. Und wem Wolf Schneider nicht behagt, der hat vermutlich zur Stilfibel von Ludwig Reiners gegriffen.

Im englischsprachigen Raum wird William Strunks Ratgeber The Elements of Style, 1920 erstmals veröffentlicht, noch immer an Schulen und Hochschulen eingesetzt. Und erst kürzlich hat der Linguist und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker einen eigenen Stilratgeber herausgebracht, der laut Untertitel für sich beansprucht, „The Thinking Person’s Guide to Writing in the 21st Century“ zu sein. Das Interesse an einem „guten Stil“ scheint ungebrochen. Doch was bisher nicht klar war: Stimmen die vielen Regeln, die diese Sprachkritiker aufgestellt haben? Oder handelt es sich schlichtweg um Geschmacksurteile? Kurze Sätze, konkrete Wörter, anschauliche Formulierungen – kann man das nicht auch „so oder so“ sehen?

Genau das behaupten die meisten Sprachwissenschaftler. Sie verweisen darauf, dass die populären Sprachkritiker in der Regel linguistische Laien seien, Sprache sich ohnehin ständig wandle und die Regeln folglich nur Willkür darstellten. Einige Verständlichkeitsforscher gefallen sich offenbar sogar darin, sich besonders kompliziert und unverständlich auszudrücken. So schrieb vor einigen Jahren der Linguist Hans-Ulrich Biere über sein Verständnis von verständlichen Texten einen Satz, der von seinem geneigten Leser bald alles abforderte: „Alle genannten, am Konzept des Auslegers orientierten Formen des Verständlich-Machens, haben gegenüber textoptimierenden Ansätzen einen entscheidenden Vorzug: in keinem Fall findet eine reine Substitution unter Tilgung des substituierten Elements statt. Dadurch ist für den Rezipienten stets die Möglichkeit gegeben, die Verwendungsweise des unbekannten Elements, den ausgelegten Text schließlich als solchen zu verstehen zu lernen, mithin seine Kompetenz zu erweitern.“

Wenn man diese Aussage etwas zugespitzt zusammenfasst, lautet sie: Texte brauchen nicht verständlich geschrieben zu sein. Im Gegenteil: Wenn der Leser sich gehörig anstrengen muss, lernt er sogar etwas dazu. Eine solche Auffassung hat einen wissenschaftlichen Namen: rezipientenorientierte Textverständlichkeit. Im richtigen Leben haben die meisten Leser jedoch meist keine Lust, aus schwer verständlichen Texten etwas zu lernen. Das gilt besonders für Zeitschriftenleser, die wie viele andere unter Zeitdruck und Informationsüberfluss leiden.

Also doch Wolf Schneider und Co.? Immerhin enthalten die Ratgeber auffallend viele übereinstimmende Regeln. Unter anderem raten die Verfasser den Autorinnen und Autoren:

  • einfache, gebräuchliche Wörter mit wenigen Silben zu wählen,
  • Fremdwörter zu meiden,
  • sparsam mit Adjektiven umzugehen,
  • überflüssige (also zur Sinnkonstruktion nicht notwendige) Wörter zu streichen,
  • Verben den Substantiven (also zum Beispiel „erwägen“ statt „in Erwägung ziehen“) vorzuziehen,
  • das Aktiv dem Passiv vorzuziehen,
  • Schachtelsätze zu vermeiden,
  • die Teile des Verbs innerhalb eines Satzes nahe beieinander stehen zu lassen.
  • Eine an konkreten Wörtern und an Metaphern reiche Sprache gilt als besseres Deutsch als eine abstrakte und unanschauliche.

Schreibregeln im neurowissenschaftlichen Test

Sind die Regeln nur tradierte Standards oder halten sie auch einer neurowissenschaftlichen Überprüfung stand?

REGEL 1: EINFACHE UND VERTRAUTE WÖRTER BENUTZEN

Um zu verstehen, warum diese Regel sinnvoll ist, muss man zunächst einen Blick drauf werfen, was beim Lesen im Gehirn vor sich geht. Dazu schreibt der Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene vom College de France in Paris in seinem Buch Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit: „Bei seltenen, neuen, regelmäßig geschriebenen Wörtern oder völlig erfundenen Wortneubildungen verläuft das Lesen auf dem phonologischen Weg – man entziffert die Buchstaben, leitet die mögliche Aussprache ab und versucht, den Sinn zu ermitteln. Bei häufigen oder unregelmäßig geschriebenen Wörtern nimmt das Lesen den direkten Weg – man greift zunächst das ganze Wort und den Sinn auf und verwendet diese Information, um die Aussprache zu rekonstruieren.“

Mit anderen Worten: Einfache und vertraute Wörter verarbeitet unser Gehirn schneller und flüssiger. Sie erleichtern das Lesen.

REGEL 2: KONKRETE WÖRTER BENUTZEN

Autoren von Stilbüchern raten einem Autor, das konkrete Wort „Salz“ dem abstrakteren „Würzmittel“ vorzuziehen. „Salz“ löst eine klare Vorstellung im Gehirn des Lesers aus. Dies konnten der Neuropsychologe Alfonso Barrós- Loscertales von der Universität Jaume I. in Castellón und seine Kollegen 2012 in der Tat nachweisen. Sie testeten spanische Wörter, die mit Geschmackseindrücken zusammenhängen, gegen Testwörter. Das Ergebnis: Konkrete Geschmackswörter aktivierten unter anderem die gustatorischen Areale des Gehirns. Wir schmecken also salzig, wenn wir von Salz lesen. Das Ergebnis der Studie stützt eine Erkenntnis, die Barrós-Loscertales schon 2006 zusammen mit seinem Kollegen Julio González präsentierte: Beim Lesen von stark geruchs- assoziierten Ausdrücken („Knoblauch“, „Zimt“, „Jasmin“) wurden die olfaktorischen Hirnareale aktiviert.

Ähnliche Belege lassen sich dafür finden, dass konkrete Wörter mit motorischer Bedeutung auch in ihrer metaphorischen Verwendung die motorischen und prämotorischen Areale aktivieren. Das sind jene Bereiche des Gehirns, in denen Bewegungen ausgelöst werden. So zeigte eine Studie, dass sowohl der Satz „The daughter grasped the flowers“ (wörtliche Verwendung) als auch Satz „The public grasped the idea“ (metaphorische Verwendung) prämotorische Areale aktivierten. Dies geschah bei der abstrakten Formulierung „The public understood the idea“ nicht.

In der metaphorischen wie in der abstrakten Formulierung wurden übereinstimmend Areale des linken superioren Temporallappens aktiviert, die mit der Verarbeitung abstrakter Sprache assoziiert sind. Daraus ließe sich ableiten (in Übereinstimmung mit den Ratschlägen der Stilbücher), dass ein möglichst griffiger Stil das Verständnis abstrakter Zusammenhänge erleichtert, indem er das Sprachverstehen um eine motorische neuronale Dimension erweitert.

REGEL 3: AUF DEN KLANG DER WÖRTER ACHTEN

Einige Stilratgeber verweisen darauf, dass auch der Klang von Wörtern einen Einfluss auf den Leser hat und deshalb von den Verfassern berücksichtigt werden sollte. Auf die Richtigkeit auch dieses Ratschlags gibt es Hinweise: In einer Studie ließen Wissenschaftler Probanden den Geschmack von bestimmten Nahrungsmitteln mit den Kunstwörter „takete“ und „bouba“ beschreiben. Dabei wurden Kartoffelchips eher als „takete“, Brie-Käse vornehmlich als „bouba“ beschrieben.

REGEL 4: ÜBERSICHTLICHE SÄTZE BAUEN

Ein Text wird nicht verstanden, indem der Sinn jedes einzelnen Wortes erkannt wird. Vielmehr müssen die Wörter in Sätzen zusammengefügt werden. Dabei kann es zu zwei Problemen kommen, die das schnelle Verstehen des Textes behindern:

  • Mehrdeutigkeiten (Ambiguitäten),
  • Verzögerungen des Verständnisses, weil der sinntragende Teil des Satzes zu spät auftaucht.

Ein syntaktisch ambiger Satz wäre: „Der Bauer verkauft den Ochsen, weil er alt und krank ist.“ Wer ist alt und krank – der Bauer oder der Ochse? Der Sinn des Satzes lässt sich nur durch den Kontext verstehen. Diesen zu erfassen, dauert aber länger. Eindeutiger wäre deshalb: „Der Ochse ist alt und krank. Der Bauer muss ihn deshalb verkaufen.“ Ein Satz mit einem falschen Zwischensinn, der im Gehirn erst falsch ausgelegt wird, lautet: „Jakob wusste die Antwort war falsch.“ Das Gehirn muss eine Reanalyse vornehmen, um den Satz zu verstehen. Das heißt: Es muss ihn im Zweifel nochmals von vorne lesen. Bei einer Version des Satzes, wie er von Stil-Ratgebern empfohlen wird, wäre die Reanalyse nicht notwendig, der kognitive Aufwand folglich geringer: „Jakob wusste: Die Antwort war falsch.“

Ein syntaktisch komplexer Satz, dessen sinntragenden Einheiten spät im Satz auftauchen und bei dem die Referenzen schwer ersichtlich sind, wäre folgender: „Wenn aber die Satzstücke, die dem Sinn nach zusammengehören, durch eine Kette anderer Sätze getrennt werden und wenn im Text von mehreren Subjekten und Handlungen die Rede ist, muss sich derjenige, der sich mit dem Text beschäftigt, selbständig im System der Beziehungen zurechtfinden und diejenigen herausfinden, die dem Sinn nach zu einem System gehören, aber im Satz weiter voneinander entfernt stehen können.“

Solche Sätze stellen eine hohe Anforderung an das Arbeitsgedächtnis. Die Verarbeitung sprengt das Intervall von drei Sekunden, das einem Modell des Münchner Neurowissenschaftlers Ernst Pöppel zufolge das „Fenster der Aufmerksamkeit“ darstellt. Auch hier haben Schneider und Co. also Recht.

REGEL 5: SCHREIBEN MIT GEFÜHL

„Wer sich nur an den Verstand wendet, wird nie gut schreiben. Nur was aus Gefühl und Willen stammt und Gefühl und Willen aufruft, kann bis in die Tiefe durchschlagen“, schreibt Ludwig Reiners in der Stilfibel. Der Berliner Kognitionspsychologe Arthur M. Jacobs untersuchte, ob neuronale Netzwerke, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind, bei der Worterkennung und beim Lesen eine Rolle spielen. Daraus entstand die Berlin Affective Word List, die rund 2.100 Nomina, 500 Verben und 300 Adjektive umfasst und diese nach dem Grad ihrer affektiven Wertigkeit ordnet. So entstand die umfangreichste deutschsprachige Wortliste für emotionale Wörter. Worte wie „Freiheit“, „Paradies“ und „Liebe“ lösten dabei besonders positive Gefühle aus, „Giftgas“, „Krieg“ und „Nazi“ negative.

Ähnliche Erkenntnisse ergeben sich für die emotionale Verarbeitung von Sätzen. Sogar negative Sätze, die keine emotional negativen Wörter enthalten („Der Junge schlief ein und wachte niemals wieder auf.“), aktivieren emotionale Netzwerke einschließlich des medialen präfrontalen Cortexes, der Insula und der Amygdala. Bei neutralen Sätzen („Der Junge stand auf und ergriff die Tasche.“) war dies nicht der Fall.

Für Autoren von Stil-Ratgebern steht allerdings nicht die Frage im Vordergrund, ob emotionale Wörter schneller verarbeitet werden. Vielmehr geht es darum, ob sie einen Text attraktiver machen. In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass emotionale Wörter beim Lesen die Aufmerksamkeit erhöhen. Berliner Wissenschaftler zeigten dies 2015 in einer Studie anhand von 120 Abschnitten aus Harry-Potter- Romanen. Dabei ergaben sich Aktivierungen in den Emotionszentren der linken Amygdala und der Insula. Je weiter Probanden die Textabschnitte lasen, desto emotional erregter wurden sie.

FAZIT: Es spricht also vieles dafür: Die bei Journalisten beliebten Stilratgeber behaupten keinen Unsinn. Man kann sie getrost weiterhin verwenden. Angesichts wachsender Textmengen und veränderter Lesebedingungen durch die Lektüre auf Bildschirmen und mobilen Endgeräten profitieren  Leser on- und offline von ihnen.

Dieser Artikel erschien bereits in der impresso 2_2017 (Juni 2017).

2018-03-22T13:57:35+00:00 12. Januar 2018|

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