Video? Das war für Verlage lange Zeit eine Sache, mit der sie sich bestenfalls am Rande beschäftigen mussten. Das Jahr 2017 dürfte die massivste Änderung seit langem bringen: Videos werden zum alles beherrschenden Stilmittel in der digitalen Welt.

Von Christian Jakubetz, Journalist, Berater, Blogger und Dozent, München

Was waren das für selige Zeiten, in denen man als Journalist ein Video zu irgendwas produzieren konnte. Das war dann aber schon der Gipfel der Multimedialität: Wow, wir haben auch ein Video zu der Geschichte! In den meisten Fällen ein nice to have. Aber wenn man Verlagsstrategen danach fragte, welchen Stellenwert Video bei ihnen einnehmen könnte, erntete man zumeist ein Schulterzucken.

Heute dagegen gilt: Video ist alles. Alles ist Video. Video ist nicht nur eine Erzählform, sondern der wichtigste Bestandteil eines virtuellen Echtzeit-Universums. Egal, ob mit den etablierten Livestream- Angeboten von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder mit irgendetwas anderem: Künftig werden wir es mit einer ganzen Reihe von Anwendungen zu tun haben, die jederzeit on air gehen können, um die Wirklichkeit live zu streamen oder in kurzen Fetzen aufzunehmen.

 Video ist alles. Alles ist Video

Schon alleine deswegen, weil sich die Verwendung von Kameras grundlegend geändert hat: Während man in grauer analoger Vorzeit eine Kamera eigens einstecken musste, hat man sie heute jederzeit bei sich. Smartphones liefern inzwischen Aufnahmen in einer derart guten Qualität, dass es in vielen Fällen kaum mehr nötig ist, eine eigene Kamera mitzunehmen. Und selbst, wenn das mal nötig sein sollte: Spätestens auf dem Level einer guten DLSR-Kamera erreicht man eine Qualität, die de facto für jedes Medium ausreichend ist. Mit dem Unterschied, dass sich die Kosten selbst für eine hochwertige DLSR weit unterhalb von dem bewegen, was man früher für eine gute Kamera veranschlagen musste.

Bewegtbild ist also kein Gimmick mehr für technikverliebte Nerds. Video wird vielmehr das Fenster in die Welt und geht weit über das hinaus, was das Fernsehen bewirken konnte. Digitales Video ist keine „gebaute“ Kunstwelt. Videos sind essentieller Bestandteil von nahezu allen sozialen Netzwerken. Facebook, Twitter oder Snapchat ohne Video? Undenkbar. Kommunikation ohne Video? Schwer vorstellbar.

Dazu kommt: Die Bedeutung von sozialen Netzwerken für Medien steigt mittlerweile ins Unermessliche. Und dort wiederum gilt: Video first! Ob Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat sowieso: Videos sind das Tool schlechthin geworden, um im sozialen Netz Geschichten zu erzählen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

In den sozialen Netzen gilt: Video first!

 Grund Nummer eins sind die User selbst. Man kann das natürlich bedauern, ohne dass es etwas bringen würde. Tatsache ist nur: Gerade jüngere Nutzer denken in Videos. Sie suchen nicht mehr bei Google nach Texten zu einem bestimmten Thema, sondern nach Videos und Tutorials. Ihre Statusmeldun- gen sind zunehmend keine Textpostings mehr, sondern kurze Videoschnipsel. Und wenn sie bei Inhalten einen Text oder ein Video vorgesetzt bekommen, ist die Entscheidung im Regelfall klar.

Branchenriese Facebook setzt unverkennbar auf Bewegtbild

 Grund Nummer zwei: Branchenriese Facebook setzt bei seinem Algorithmus unverkennbar auf Bewegtbild als wichtigsten Inhalt. Beiträge mit Videos werden bevorzugt ausgespielt. Was umgekehrt bedeutet, dass inzwischen der Verzicht auf Videos gleichbedeutend mit einem Verzicht auf Reichweite ist. Kurz gesagt: Eine Social-Media- Strategie ohne Video-Elemente ist keine Strategie.

Geschichte wiederholt sich manchmal eben doch. Die Welt geht live. Wie schon Jahrzehnte zuvor in Radio und Fernsehen, entwickelt sich jetzt auch das Netz zu einem Livekanal. Und wie immer in der digitalen Welt: schneller, größer, umfassender und radikaler als je zuvor. Während man in der analogen Welt irgendwelche Live-Übertragungen erst ab einer gewissen Größe, Bedeutung und natürlich Finanzkraft in Erwägung ziehen konnte, ist Livestreaming heute eine Möglichkeit buchstäblich für jeden geworden.

Aber: Vorsicht vor dem vorzeitigen Abschreiben des Phänomens, nur weil es jeder kann. Und weil man, wie immer im Netz, inzwischen natürlich auch unzähligen Banalitäten live zusehen kann. Schließlich gibt es auch unzählig viele belanglose Webseiten oder Blogs. Würde deshalb irgendjemand auf die Idee kommen, das Netz als irrelevant zu bezeichnen?

Genauso ist das mit dem Thema Livestreams. Neben den Privatveranstaltungen, bei denen ungefähr fünf Zuschauer dabei sind, gibt es inzwischen auch richtig große Events. Musiker stellen sich der Plauderei mit ihren Fans, Politiker und Fußballclubs übertragen Auftritte live, Unternehmen locken mit Live- Events Kunden an. Der Versandhändler Zalando beispielsweise versammelte 2016 bei einem Event in der Spitze bis zu 70.000 Zuschauer vor einem Stream.

Livestreams können schnell zum Großevent werden

Was, nebenher bemerkt, zahlreiche Optionen für neue Geschäftsmodelle auch für Verlage eröffnet. Dienstleister beziehungsweise Organisator für Kundenevents, die live gestreamt werden beispielsweise – das würde das Potenzial eröffnen, das in vielen Häusern beim Thema Digitale Medien immer noch gesucht und sehr selten gefunden wird.

Bei ungefähr jedem Ding, das mal groß werden könnte, tauchen ein paar grundsätzliche Fragen auf. Ist das jetzt ein Hype oder doch von Dauer? Spielzeug – oder braucht man das wirklich? Das ist beim Thema 360 Grad auch nicht sehr viel anders und erinnert an die Debatte um das inzwischen wieder ganz schön zurückgefahrene Thema 3D. Im Kino ist man nach ein paar Filmen als Besucher schnell wieder an der Erkenntnis angelangt, dass ein Film in 360 Grad nicht besser oder schlechter, sondern bestenfalls effektreicher wird.

Der User befindet sich buchstäblich am Ort des Geschehens

 Da ist es natürlich legitim, diese Frage auch beim Thema 360 Grad zu stellen. Der Unterschied könnte allerdings der sein: Ein Film in 3D sieht halt einfach anders aus, ist aber immer noch derselbe Film. 360 Grad bietet dagegen eine ganze Reihe journalistischer Optionen. Die wichtigste dabei: Man kann endlich den User buchstäblich an den Ort des Geschehens mitnehmen. Er kann sich selbst ein Bild machen. Und das ist dann in der Tat ein Mehrwert.

Wie man eine Geschichte in 360 Grad am besten erzählt, wie man Bild, Text und andere Elemente miteinander vermischt, das wird noch eine ganze Reihe von Experimenten nach sich ziehen. Trotzdem: Auch wenn man natürlich auch in Zukunft nicht jede Geschichte als 360-Grad-Story erzählen wird – spätestens im kommenden Jahr wird die Technologie zu einem (digital-)journalistischen Standard werden.

Und auch beim Thema 360 Grad gilt: Equipment ist erschwinglich geworden, richtig gutes Material gibt es bereits in Größenordnungen zwischen 500 und 1.000 Euro. Auch die handwerklichen Fähigkeiten, die jemand dafür mitbringen muss, sind tendenziell überschaubar. Im Gegenteil, möglicherweise sind 360 Grad Videos für Laien sogar einfacher zu machen als „gebaute“ Beiträge im alten TV-Style. Weil man für 180-Grad-Bilder einen geschulten Blick für spannende Ausschnitte und passende Perspektiven mitbringen muss. Bei 360 Grad reicht es im Zweifelsfall, einfach einen zentralen Punkt einer Szenerie zu finden. Den Rest macht die Kamera.

Facebook macht in Kürze 360 Grad Streamings möglich

Im Übrigen gilt auch hier: Schon mal darüber nachgedacht, welches Potenzial als Geschäftsmodell 360-Grad-Anwendungen mit sich bringen könnten? Für Kunden jedenfalls wäre auch das eine spannende Angelegenheit. Zumal große Reiseveranstalter oder auch die Lufthansa bereits angefangen haben, attraktive Reiseziele in 360 Grad vorzustellen. Die Lufthansa ist mit solchen Geschichten übrigens nicht nur regelmäßig mit gesponserten Beiträgen etwa bei Facebook vertreten, sondern bucht auch Werbeplätze innerhalb der 360-Grad- App der Schweizer Blick-Gruppe.

Zukunftsmusik? Kaum. Die Hardware dafür existiert, die Bandbreiten werden immer größer und zuverlässiger. Und am wichtigsten: Auch für Nutzer ist 360 Grad inzwischen zu einem Standard geworden.

Da ist es kein Wunder, wenn sich diese beiden Großtrends demnächst zu einem zusammenschließen werden: Facebook wird im Laufe dieses Jahres alle Accounts so aufpeppen, dass künftig mühelos auch in 360 Grad gestreamt werden kann. Eine Perspektive, die noch vor Jahresfrist als undenkbar gegolten hätte.

Schöne neue Videowelt: Das erfordert für Verlage ein komplettes Umdenken. Weil sie plötzlich virtuelle Livewelten errichten können, weil sie sich auf einmal mit Livesituationen und dem richtigen Umgang damit beschäftigen müssen. Und, ja klar: auch mit völlig neuen Geräten, Programmen und Zuschauerwünschen. Dazu gehört im Übrigen auch die permanente Interaktion mit Nutzern. Livejournalismus, das bedeutet etwas grundlegend anderes als das, was wir bisher aus Radio und Fernsehen kennen. Nicht nur einfache Übertragung – jedes Livetool hat stattdessen einen Rückkanal. Live gehen bedeutet also auch: Engagement