Marc Friedrich und Matthias Weik scheuen keine klaren Worte. „Der Crash ist die Lösung“ sagen sie in ihrem aktuellen Buch. Ein Bestseller, wie schon „Der größte Raubzug der Geschichte“. Die beiden bis dahin unbekannten Ökonomen haben die Charts gestürmt – mit Leidenschaft und Gespür für ihr Publikum.

Von Roland Karle

Am City Airport Bremen hat sich schon wahrhaft Großartiges ereignet. Besonders dann, wenn der hanseatische Fußball­-Adel nach erfolgreichen Beutezügen einschwebte, lief dem Volk wohliger Schauer über den Rücken. 1992 zum Beispiel. Werder Bremen kehrte mit gewonnenem Europacup aus Lissabon zurück. Da überschritt der ZDF-­Reporter Rolf Töpperwien noch den letzten Zentimeter journalistisch gebotener Distanz und schmatzte einen verbalen Fußkuss durchs Mikrofon: „Jetzt betritt Otto Rehhagel deutschen Boden!“

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Die Autoren und schwäbischen Schlaumacher Marc Friedrich und Matthias Weik

Ganz so dramatisch und überschwänglich wie einst bei „König Otto“ Rehhagel, dem Werder-­Trainer, ging es am letzten Juli­-Freitag dieses Jahres zwar nicht zu, als Marc Friedrich und Matthias Weik in Bremen landeten, um am Abend in der Fernsehsendung „3 nach 9“ aufzutreten. Aber auch sie erfuhren, was Bewunderung auslösen kann. „Da kam ein Paar eigens wegen uns zum Flughafen“, erzählt Friedrich fast ungläubig, „und wollte ein Autogramm von uns“.

Ein Autogramm! Noch vor zwei Jahren hätten er und sein Kompagnon eine solche Bitte für karnevalesk gehalten oder sich darüber erschrocken. Da waren Friedrich und Weik ein unbekanntes Ökonomen­Duo aus Schwaben. Zwei Freunde, die sich schon seit frühesten Tagen kennen, Nachbarn waren und zusammen in den Kindergarten gingen. Zwei Geschäftspartner, die internationale Betriebswirtschaftslehre studierten und 2009 die Friedrich & Weik Vermögenssicherung in Göppingen gründeten. Zwei Menschen, denen Finanz­, Schulden­, Euro­ und sonstige Krisen der Neuzeit zunehmend Unbehagen bereiteten – und die deshalb dem Kern des Übels auf den Grund gingen.

Fleißig sammelten sie Fakten über das Finanzsystem und ordneten die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Geld und Politik. Je mehr sie sich mit der Materie beschäftigten, desto größer wurden Erkenntnis und Entsetzen. Selbst so gelassen wirkende Zeitgenossen wie Friedrich und Weik mussten erst mal innehalten, nachdem sie den Stoff durchdrungen und die Situation begriffen hatten. „Das kann doch nicht wahr sein“, versuchten sie sich zu beruhigen. Vergeblich. Zu eindeutig waren ihre Forschungsergebnisse: Das Finanzsystem ist hochgradig verseucht, unfair und ungerecht. „Einige Wenige stopfen sich auf Kosten der Mehrheit die Taschen voll. Hinzu kommt eine schier unendliche kriminelle Energie in Teilen der Finanzwirtschaft“, erläutert Weik. Er und sein Kompagnon bezeichnen sich als überzeugte Demokraten und Europäer, das ändert gleichwohl nichts an ihrem nüchternen Urteil: „Der Euro zerstört Europa. Die Währung und die EU werden grandios scheitern.“

Die beiden 38­-Jährigen sind weniger Schlaumeier als vielmehr Schlaumacher. Seit über sechs Jahren ziehen sie als Vortragsreisende durch die Repu­blik, anfangs traten sie überwiegend bei Volkshochschulen auf. Marc Friedrich erinnert sich noch lebhaft an sein erstes Mal. Es war im Sommer 2008, die VHS Waiblingen hatte ins dortige Bürgerzentrum geladen. Gerade mal ein Dutzend Leute kamen, die von den beiden Referenten mobilisierten Verwandten und Bekannten miteingerechnet. Ihren Zuhörern erklären sie den Zusammenhang von Geld und Gold, Krediten und Krise. Dabei vermeiden sie nicht den Blick zurück, sondern schärfen ihn. „Wir haben in die Vergangenheit geschaut, daraus kann man viel lernen.“ Ihr Fazit: „Was wir seit einigen Jahren erleben, ist volkswirtschaftliche Schadensmaximierung.“

Von der anfangs sehr überschaubaren Resonanz ließ sich das Duo nicht entmutigen. Im Gegenteil. „Wir verstehen unser Tun bis heute als einen Akt der Zivilcourage, indem wir unseren Mitmenschen sagen, was um sie herum passiert.“ Mit klaren Worten die Wirklichkeit beschreiben, das war von Beginn an ihre Intention. „Wir wollten die komplexe Materie der Finanzkrise in eine einfache, für jeden verständliche Sprache übersetzen und den Menschen aufzeigen, dass das Finanzsystem gescheitert ist.“

Friedrich und Weik verstehen es, rohe Botschaften vorzutragen, ohne es an freundlicher Zuversicht fehlen zu lassen. Wer ihnen zuhört, weiß danach: Ja, es wird finanziell schmerzhaft werden. Es geht nicht mehr darum, Vermögen zu mehren, sondern Verluste möglichst klein zu halten. Aber das Leben ist zu wertvoll, um deshalb deprimiert zu sein. Wer sich vorbereitet auf das, was da kommen mag, kann besser damit umgehen.

Dem VHS­-Vortrag in Waiblingen folgten bis heute rund 100 weitere Auftritte an Volkshochschulen. Dort kann man sich nicht hinter Fachbegriffen verbarrikadieren, sondern „muss Sachverhalte so erklären, dass sie jeder versteht“, betont Friedrich. Immer wieder wurden sie von Leuten gefragt, ob es den Vortrag auch in Papierform gebe. „Das hat uns dazu bewogen, das erste Buch zu schreiben.“ Es trägt den Titel „Der größte Raubzug der Geschichte“, ist 382 Seiten dick und verstößt gründlich gegen die Gewohnheitsregel, wonach Wirtschafts­ und Finanzbücher seriös, nüchtern, fachverliebt sein müssen. „Wir haben einen bewussten Stilbruch begangen, um ein unterhaltsames Finanzsachbuch zu schreiben mit Karikaturen, frechem Ton, teilweise zynisch und sarkastisch, manchmal laut und stets in verständlicher Sprache“, sagt Weik.

Knapp zwei Jahre haben er und Friedrich an ihrem Erstlingswerk geschrieben, rund 2000 Arbeitsstunden stecken darin. Am 12. Juni 2012 erscheint es im Marburger Tectum Verlag, der vornehmlich Monographien und Lehrbücher, Habilitationen und Dissertationen, Kongressberichte und Festschriften publiziert. Zuvor hatten die Autoren ihr „Raubzug“-­Manuskript allen bekannten Verlagen angeboten und Absagen erhalten. Der Tenor: Das Thema sei durch, alles Wesentliche darüber geschrieben worden.

Der Tectum Verlag traute sich, 1000 Exemplare zu drucken. „Das empfanden wir schon als mutig“, gesteht Pressesprecherin Ina Beneke. Der Mut sollte sich lohnen. Die Nachfrage nach dem Erstlingswerk der unbekannten Schwaben übertraf alle Erwartungen. „Schon in den ersten sechs Wochen gingen 10.000 Bücher weg“, erinnert sich Verleger Heinz­-Werner Kubitza. Bis heute wurden mehr als 100.000 Exemplare abgesetzt – der „Raubzug“ stürmte die Bestseller-­Listen von Spiegel, Manager Magazin und Handelsblatt, wurde übersetzt für Ausgaben in Korea, Taiwan, China und bescherte dem Wissenschaftsverlag einen Sensationserfolg.

Auch die No­-Name­Autoren Friedrich und Weik hatten keinen Gedanken daran verschwendet, dass ihnen eine derartige Blitzkarriere gelingen könnte. „Wir haben diesen Erfolg nie, wirklich niemals erwartet oder für möglich gehalten“, sagte Friedrich damals. Inzwischen haben er und Kollege Weik den „Raubzug“ fortgesetzt: „Der Crash ist die Lösung“ heißt ihr zweites Buch. Gestartet am 16. Mai, hat es auf Anhieb den Sprung unter die bestverkauften Sachbücher geschafft.

Im August thronte „Der Crash“ auf Rang drei der Spiegel­-Bestseller-­Liste, vor so prominenten Namen wie Axel Hacke, Peter Hahne, Frank Schirrmacher, Peter Sloterdijk, Roger Willemsen, Christian Wulff. Gerademal zwei Monate, nachdem der Titel in den Handel gekommen war, waren 25.000 Bücher verkauft. „Wir gehen meist mit geringen Erwartungen an die Dinge heran. Umso erfreuter sind wir, wenn es gut läuft und nun natürlich gespannt, wie es weitergeht“, sagen Friedrich und Weik dazu. Es gibt Autoren, die nach zwei Bestsellern weniger zurückhaltende Kommentare abgeben.

Obwohl geschäftstüchtig und mit fundierter BWL­-Kenntnis ausgestattet, meiden sie es bewusst, das Rad der Eigenvermarktung immer noch schneller zu drehen. Die Vermögensberater könnten einen eigenen Fonds auflegen oder einen kostenpflichtigen Newsletter vertreiben, wie es manch andere Finanzbuchschreiber tun. Doch sie ziehen eine klare Trennungslinie. Wenn sie auf ihrer Lese­ und Vortragstour, wie es oft passiert, nach ihrer beruflichen Tätigkeit gefragt werden, gehen sie in Deckung. „Wir wollen unsere Vorträge nicht zu einer Werbeveranstaltung für uns machen. Unsere Mission ist, die breite Masse aufzuklären.“

Es ist durchaus eine Qualität der beiden Aufsteiger, dass sie nicht zu Allüren neigen. Dabei mangelt es ihnen keineswegs an Selbstbewusstsein, auch weil sie wissen, wovon sie reden und schreiben. Aber sie mischen ihre Kompetenz mit Bescheidenheit und natürlichem Auftreten, die selbst unter der rollenden Lawine von Aufmerksamkeit und Nachfrage nicht verschüttgehen. Sie versprechen, mit einem Lächeln im Gesicht, auch im Erfolg „bodenständige Schwaben“ zu bleiben.

Sie verstehen sich als Wissensvermittler und Volksaufklärer. Das hat mit einem Schlüsselerlebnis zu tun, von dem Marc Friedrich gerne berichtet und das er auch in den Büchern beschreibt. 2001 arbeitete er in Argentinien, just als es dort zum Staatsbankrott kam. Die Inflationsrate raste nach oben, Banken wurden geschlossen, der Peso verlor innerhalb kürzester Zeit 75 Prozent an Wert. Friedrichs Vertrauen in das Wirtschafts-­ und Finanzsystem war erschüttert, danach hat er sich zusammen mit Matthias Weik dem Thema eingehend gewidmet. „Und nun sehe ich in Europa erschreckende Parallelen zu meinen damaligen Erlebnissen“, sagt Friedrich.

Was in der Finanzwelt passiert und warum, welche Folgen das für die Wirtschaft und uns alle hat, das erzählen die gebürtigen Stuttgarter nicht nur in ihren Büchern und bei VHS­-Vorträgen. Als Bestseller-Autoren sind sie längst für die Medien interessant geworden. Etliche Interviews haben sie Reportern gegeben und dabei durchaus fachkundliche Unterschiede festgestellt. „Schweizer Wirtschaftsjournalisten kennen sich richtig gut aus“, folgern sie aus Gesprächen mit Redakteuren des Tagesanzeigers und der NZZ. Auch Sabine Marquard von den Stuttgarter Nachrichten oder Frank Doll von der Wirtschaftswoche haben einen bleibend guten Eindruck hinterlassen. „Unsere Erfahrungen mit Journalisten und Redaktionen sind überwiegend positiv“, fassen Friedrich und Weik zusammen.

In Radio-­ und Fernsehstudios fühlen sie sich inzwischen fast wie zu Hause. Dabei ist alles so schnell gegangen. Dass sie mal Wolfgang Heim, dem Moderator der kultigen SWR­1­-Sendung „Leute“, leibhaftig gegenüber sitzen und ihm Fragen beantworten würden – da funkeln ihnen jetzt noch die Augen. Und doch: Die „Crash“­Autoren können das einschätzen. Sie wissen, was sie tun und wer sie sind, egal von wem sie eingeladen oder hofiert werden.

Das gilt auch nach der Talkshow-­Premiere, die ihre beginnende Berühmtheit nochmals gesteigert hat. Landen die beiden üblicherweise in Wirtschaftsredaktionen, so fanden sie sich kürzlich in illustrer Runde bei Radio Bremen wieder. In „3 nach 9“, moderiert von Zeit­Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Tagesschau-­Sprecherin Judith Rakers, saßen unter anderem die Schauspieler Matthias Brandt und Gisela Schneeberger, Kolumnist Jan Weiler und TV-­Meteorologin Katja Horneffer.

Als Gegenspieler zu Friedrich und Weik hatte der Sender Folker Hellmeyer, Chef­analyst der Bremer Landesbank, eingeladen. Weil alles so schrecklich klang, was die beiden Schwaben gerade erläutert hatten, wandte sich di Lorenzo flehend an Hellmeyer mit der Aufforderung, er solle jetzt bitte aufklären, dass das Ganze gar nicht so schlimm sei. Sonst müsse er umgehend sein Konto bei der Bank kündigen. Zum großen Schlagabtausch kam es dann aber nicht, was die Buchautoren nicht wunderte. „Wir sind keine Verschwörungstheoretiker, sondern analysieren nur die Fakten. Wenn Kamera und Mikrofon abgeschaltet sind, pflichten uns Banker meistens bei.“

Dass so rasch nach dem Erstling ihr zweites Buch folgte, war nicht von langer Hand geplant. „Die Maßnahmen von Politik und Notenbanken werden immer teurer und vor allem fragwürdiger. Diese Entwicklung hat uns fast dazu gezwungen, weiterzumachen“, sagen die Autoren. Fast vier Monate lang haben sie an „Der Crash ist die Lösung“ geschrieben. Währenddessen und vor allem zuvor hatten sie Material gesammelt: 15 Ordner, gefüllt mit 8900 Seiten voller Texte und Quellen. „Das war eine extrem harte Zeit“, erzählt Friedrich. „Wir haben ununterbrochen, sieben Tage am Stück, zehn bis 16 Stunden täglich gearbeitet. Manchmal bin ich nachts aufgewacht, weil mir ein Gedanke oder eine Formulierung durch den Kopf schoss.“ Kapitelweise haben sich die beiden das Schreiben aufgeteilt, danach die Manuskripte gegenseitig gelesen, bearbeitet und zu einem Ganzen zusammengefügt.

381 Seiten sind es geworden, locker doppelt so viel hätten die Autoren erzählen können. Haben sie sich vielleicht Stoff für ein drittes Buch aufgespart? „So schnell wird das nicht passieren. Im Moment haben wir gar keinen Kopf dafür“, sagen Friedrich und Weik. Zumal jetzt erst noch die – überwiegend angenehmen – Folgen zu verarbeiten sind. Interviews, Medienauftritte, Vorträge, das ganze Programm eben. „Wir haben gelernt, dass der Erfolg eines Buches wesentlich auch von gutem Marketing abhängt. Man muss dafür trommeln, sein Thema vertreten, in den Medien präsent sein. Das hilft aber nur, wenn der Inhalt das Publikum wirklich interessiert und in seinen Bann zieht. Dafür muss man leidenschaftlich arbeiten.“ Klingt fast wie eine Empfehlung für Verlage.

15 Fragen an die Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik

Welches Buch lesen Sie gerade?
Marc Friedrich (MF): „The Complete Far Side“ von Gary Larson
Matthias Weik (MW): „Wem gehört Deutschland“ von W. Jens Berger

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag?
MF: zerohedge.com und querschuesse.de
MW: querschuesse.de, Handelsblatt, FAZ, NZZ, Spiegel, Focus, Welt

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten?
MF: querschuesse.de, dwn, zerohedge.com
MW: Unterschiedlich

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind?
MF/MW: Als Hobbyautoren das Buch „Der größte Raubzug der Geschichte“ geschrieben zu haben und es mit einem kleinen Verlag zu einem Nummer-1-Wirtschaftsbestseller gemacht zu haben.

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte?
MF: Einige – wann immer ich gegen das Bauchgefühl gehandelt habe.
MW: Um den großen Ärger bin ich bisher in meinem Berufsleben glücklicherweise herumgekommen.

Die wichtigste Fähigkeit eines Buchautors?
MF: Verständlich und bildhaft zu schreiben.
MW: Das zu schreiben, was die Menschen lesen möchten.

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner?
MF: CEO eines DAX-Konzerns
MW: Götz Werner

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt?
MF: Von vielen, die mir gezeigt haben, wie es nicht laufen