Albrecht Hauff führt die Thieme Verlagsgruppe seit mehr als 25 Jahren. Die Veränderungen der Branche haben ihn nie verzagen lassen, sondern angestachelt. Bis heute ist er „verliebt ins Gelingen“ und findet die Verlagswelt „so spannend wie nie“.

Von Roland Karle

Eckart von Hirschhausen hat den Rat befolgt, wonach Humor die beste Medizin sei. Der Arzt wurde Kabarettist, er operiert nun Menschen am lachenden Herzen. Aus seinem Studium ist ihm eine ganz besondere Farbkombination bis heute haften geblieben. „In einer Studenten­-WG konnte ich durch einen Blick auf das Bücherregal sagen, in welchem Semester jemand Medizin studierte“, berichtet von Hirschhausen. „Den entscheidenden Hinweis lieferten die typischen Thieme-­Bände, immer in blau-­hellblau­-weiß.“

Hauff

Albrecht Hauff führt seinen Verlag in vierter Generation

Was Logo und Markenzeichen angeht, scheint der Thieme Verlag alles richtig gemacht zu haben. Albrecht Hauff, der das Familienunternehmen in vierter Generation leitet, hat die Farbenlehre zwar längst verinnerlicht, doch selbst der 60-­Jährige kann ihr bisweilen Neues abgewinnen. So weiß er noch genau, dass es der 10. Januar war, als ein Mitarbeiter in seinem Büro vorstellig wurde, um ihm ein Geschenk zu überreichen: eine Boshi­-Mütze. Das sind diese gehäkelten Mützen, die seit einiger Zeit ziemlich angesagt sind.

Der besagte Angestellte hatte eine solche bei der wenige Wochen zurückliegenden Weihnachtsfeier des Verlags getragen – in den Thieme­Farben blau-­hellblau-­weiß. Albrecht Hauff entgehen solche Details nicht, und er gab wohl zu verstehen, dass ihm das gehäkelte Teil gefällt. Überdies war dem Thieme­-Chef bei seiner gewohnten Lektüre des Buchreports aufgefallen, dass es der ihm bekannte Frechverlag in der „Heimwerken“-­Rubrik mehrfach in die Bestseller­-Liste geschafft hatte – mit Anleitungen und Kreativbüchern für genau diese Häkelmützen.

Zwei an sich unbedeutende Details, die aber etwas Wesentliches über Albrecht Hauff aussagen. Erstens: Dass er als Firmenchef wohl vieles richtig macht, gerade im Umgang mit Menschen. „Das Interesse an seinem Gegenüber ist für jeden spürbar“, bestätigt G.­-Jürgen Hogrefe, Chef des gleichnamigen Verlags und freundschaftlich mit Hauff verbunden. Zweitens: Dass er immens präzise wahrnimmt, was um ihn herum passiert, ob nun im eigenen Verlag oder auf den Märkten. Den Boom der Boshis hat Hauff auch deshalb aufmerksam verfolgt, weil er bei jedem Hype und jedem Trend erkennen will, welche wirtschaftlichen Variablen dahinter stecken. „Ich habe ein Faible für Geschäftsmodelle“, gesteht der Verleger. „Sie zu erkennen, das finde ich extrem spannend.“

Da spricht der Unternehmer. Einer, der von sich sagt, er sei „ein Zahlenfreak“. Der „ins Gelingen verliebt ist“ und der sich „gerne reibt und streitet“. Aber nur, das muss gleich mal betont werden, der Sache wegen. Sonst ist Albrecht Hauff „ein harmoniebedürftiger Mensch“, wie er von sich selbst sagt. Ein Wesenszug, der ihm bei der jüngsten Führungskräfte­-Evaluation „keine besonders guten Noten im Konfliktmanagement beschert hat“, gesteht er. Ein Makel, mit dem er aber gut leben kann. Wichtiger ist dem Firmenchef, dass das sogenannte 360­-Grad­-Feedback, für das die Top­-Führungskräfte des Verlags von rund 120 Mitarbeitern bewertet wurden, Thieme eine „offene Kultur“ und ein Wohlfühlklima bestätigte. Ein liberaler Geist wie Hauff, der besonderen Wert auf Fairness legt, wäre äußerst besorgt, wenn die von einer externen Agentur durchgeführte Untersuchung konträre Ergebnisse erbracht hätte.

Sorgen hat der Mann eh schon genug. Immer wieder samstags wird er von heftigen Schmerzattacken heimgesucht: Hauff ist Fan des VfB Stuttgart. Seit 40 Jahren besitzt er eine Dauerkarte, doch in dieser Saison wird die Treue zum Club stark wie nie strapaziert. Tapfer nimmt der Sportbegeisterte, begleitet von Ehefrau Sabrina, sein erworbenes Sitzplatzrecht wahr, wohl in einer Mischung aus Pflichtgefühl und der Hoffnung, dass es endlich mal wieder besser werden muss. Selbst Albrecht Hauff, ein Mensch von ausgesuchter Höflichkeit und vorbildlicher Selbstbeherrschung, neige auf der Tribüne, so heißt es, mitunter zum emotionalen Ausbruch.

Im Geschäftsleben dominiert die Ratio. Was immer Albrecht Hauff tut oder sein lässt: Wenn er eine unternehmerische Entscheidung trifft, „dann will ich verstehen, worum es geht, und was aus einer Idee ein Geschäftsmodell macht.“ Um die Jahrtausendwende, als sich sogar schwäbische Hausfrauen ernsthaft über Aktienkurse unterhielten und eine Firma als umso attraktiver galt, je jünger die Chefs, je bunter ihre Powerpoint-­Präsentationen und je höher die Verluste waren, da geriet der Verleger mal kurz ins Grübeln. „Wir fragten uns, ob wir gerade was verpassen und ob wir vielleicht einfach nur zu blöd sind, um neue Chancen zu erkennen“, erzählt Hauff mit Blick auf die ebenso verrückte wie knallartig endende Phase der New Economy.

Er hat dem „emotionalen Druck“ widerstanden, irgendwelche Investments zu tätigen, nur weil sie damals als hip und verheißungsvoll angesehen wurden. Es war auch die Zeit, als Verlage begannen, im großen Stil ihre Inhalte ins Internet zu kippen – kostenlos. Allenfalls von der vagen Ahnung begleitet, irgendwie und irgendwann ließe sich damit über Werbung Geld verdienen. „Ich hatte schon früh Zweifel, ob das funktionieren kann“, so Hauff über jenes grundlegende Missverständnis, an dem die Verlage bis heute zu knabbern haben.

Der Thieme­-Chef sagt das nicht im Tonfall des Besserwissers, eher wie ein reflektierender Fachmann, der sich mit dem Sein und Werden der Verlagswelt beschäftigt. Hauff engagiert sich seit langem für das große Ganze. Fast 20 Jahre lang gehört er dem Verlegerausschuss des Börsenvereins für den Deutschen Buchhandel an, mehr als eine Dekade saß er im Vorstand der Deutschen Fachpresse und übernahm Führungsaufgaben in der International Association of Scientific, Technical and Medical Publishers (stm). „Vor zehn Jahren sah ich das etwas pessimistischer, aber heute bin ich überzeugt, dass sich unserer Branche durch die Digitalisierung mehr Chancen als Risiken bieten. Fachverlage müssen Relevanz bieten und sich von Google nach oben hin differenzieren.“

Kernkompetenz von Fachmedien sei es schließlich, direkt und hilfreich in den Arbeitsprozessen der Zielgruppe präsent zu sein: Inhalte bereitstellen, Wissen vermitteln, Dienstleistungen anbieten. „Mit Hilfe digitaler Plattformen ist das heute so speziell und so umfassend möglich wie nie zuvor“, betont der Verleger. Thieme wendet sich an sämtliche Zielgruppen im Gesundheitswesen, unter anderem an 350.000 Ärzte, 80.000 Medizinstudenten, zigtausende Physio­ und Ergotherapeuten, Pflegekräfte, Tiermediziner, Chemiker und Biologen. Gemessen an dem hier gebündelten Wissen ist der Verlag wie eine Klinik – nur ohne Patienten. Im Durchschnitt erscheint an jedem Werktag ein neues Buch, mehr als 150 Fachzeitschriften sind im Programm, daneben haben sich verlagseigene Kongresse, Beratung und Services zu einem bedeutenden Geschäftsfeld entwickelt. Zum digitalen Fortschritt gehört, so Hauff, „dass wir unsere Leistungen in multimedialen Online-­Plattformen oft miteinander vernetzt anbieten können.“

Was den viel zitierten Geburtsfehler der Verlage im Internet betrifft, eben die Inhalte dort gratis zu veröffentlichen, so befand sich Thieme als Fachverlag in einer anderen Ausgangsposition als beispielsweise Publikumszeitschriften oder Tageszeitungen. Hauff: „Unsere Angebote befassen sich mit hoch spezialisierten Inhalten, die erhebliche redaktionelle Entstehungskosten verursachen und meist in vergleichsweise kleinen Auflagen publiziert werden. Wer vornehmlich von Vertriebserlösen lebt, wie wir das tun, kommt nicht so schnell auf die Idee, diese Inhalte zu verschenken.“

2014 erwirtschaftete Thieme mit gut 900 Mitarbeitern einen Umsatz von 142 Millionen Euro, knapp 30 Prozent davon stammen aus digitalen Geschäften. In „absehbarer Zeit“, genauer will sich Hauff nicht festlegen, wird wohl jeder zweite erlöste Euro digitalen Ursprungs sein. Durch Ausbau des Kerngeschäfts, Beteiligungen, verstärkte Auslandsaktivitäten ist der Umsatz des Stuttgarter Fachverlags binnen zehn Jahren um rund 50 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten um etwa ein Drittel. „Unterm Strich ist ordentlicher Ertrag wichtiger als ein hohes Umsatzplus. Aber wir wollen und müssen wachsen, um unsere Marktanteile mindestens zu behaupten“, sagt Hauff. Nebenbei bemerkt: Die Verlagsgruppe hat in den vergangenen 70 Jahren nie Verluste gemacht.

Der Sinn für Rendite verengt aber nicht den Blick für Notwendigkeiten. Beispielsweise investierte Thieme in den Jahren 2008 bis 2010, gerade als die Folgen der Weltfinanzkrise auch in der deutschen Verlagsbranche zu spüren waren, einen beträchtlichen Teil des Betriebsergebnisses zusätzlich und deutlich mehr als ursprünglich geplant in das E­-Business. „Wir haben das als sinnvoll erkannt und dann einfach getan“, sagt Hauff.

Einfach tun. Das gehört zu den Privilegien eines Familienunternehmens. Für Hauff ein unschätzbarer Vorteil. Er will sich gar nicht ausmalen, wie das wäre, wenn er – wie in manchen Großverlagen – jedes Quartal die Zahlen für die Finanzanalysten oder die Konzerncontroller aufpolieren müsste. „Kurzatmige Ergebnisorientierung“ nennt er das, wo doch gerade das Verlagsgeschäft von Geduld und Kontinuität lebe.

Dass Hauff selbst solche Eigenschaften besitzt und auslebt, hat er schon öfter bewiesen. Gerade dann, wenn ein neuer Titel, eine frisch gegründete Verlagseinheit, eine erworbene Firmenbeteiligung eben nicht nach drei Jahren, wie es die Faustformel vorsieht, den Break­even erreicht. Dann schlägt der Puls des Verlegers trotzdem ruhig. „Es gibt bei uns eine Chemiezeitschrift, die schrieb sieben Jahre lang rote Zahlen“, erzählt er. „Aber wir waren überzeugt von unserem Vorhaben und der Trend war positiv. Heute sind wir froh, den Titel im Programm zu haben.“ Das gilt in ähnlicher Weise für andere Projekte, beispielsweise bei Ratgebern oder in der Pflege.

„Wir müssen uns permanent mit Veränderungen beschäftigen und werden nur dann erfolgreich bleiben, wenn wir zu jeder Zeit wissen, was unsere Kunden wollen und was der Markt verlangt“, betont Hauff. Er und sein Team haben ganz offensichtlich meistens die richtigen Antworten gefunden. Branchenkenner Hogrefe attestiert: „Albrecht Hauffs Bereitschaft zur Innovation und seiner umsichtigen Führung ist es zu verdanken, dass Thieme in vielen Bereichen und bei vielen Entwicklungen die Nase vorn hat.“ Das Stuttgarter Medienunternehmen sei „auch im internationalen Vergleich einer der bedeutendsten Wissenschaftsverlage“. Ein Branchen­-Primus, an dem sich viele orientieren.

Die erste Auslandsniederlassung in New York, 1979 gestartet, brachte jahrelang keinen Ertrag. Heute arbeiten 60 Mitarbeiter in den USA und nicht nur dort, sondern zum Beispiel auch in Indien (seit 2008) und neuerdings Brasilien profitiert Thieme vom Gang über die Grenzen. Etwa ein Viertel des Umsatzes verdient der Verlag mit fremdsprachigen Medien.

Wie es um das Unternehmen steht, wie es sich entwickelt, wie die wichtigsten wirtschaftlichen Kennzahlen aussehen, darüber informiert der Chef und Co­-Geschäftsführer Wolfgang Knüppe seine Belegschaft einmal im Jahr persönlich. Dann lädt er ein ins benachbarte Theaterhaus Stuttgart, da werden Zahlen, Daten und Pläne ausführlich dargelegt. Diese Transparenz ist Hauff wichtig. „Was unsere Bank weiß, sollten unsere Mitarbeiter auch wissen“, sagt er. Damit drückt er ihnen auch seine Wertschätzung aus.

In einem Horizont­-Interview vor etlichen Jahren hat Hauff das so beschrieben: „Unsere große Stärke liegt darin, dass sehr viele Mitarbeiter Medizin geradezu denken und atmen. Das schafft ein enormes Know-­how. Und die Gefahr von Flops verringert sich dadurch erheblich.“ Eine Erkenntnis, die heute noch gültig ist. Ebenso wie jene, dass Mitarbeiter mit der ihr übertragenen Freiheit und Verantwortung wachsen.

Noch in den 1990er­-Jahren hat Hauff mit seiner Führungsmannschaft das Unternehmen neu aufgestellt: Seither wird ein Verlag­-im­-Verlag­-Konzept praktiziert, das sich an den einzelnen Märkten ausrichtet. „Dadurch sind wir näher dran an den jeweiligen Zielgruppen, können schnell reagieren und Entscheidungen dezentral treffen. Das ist ein unglaublicher Vorteil gegenüber einer starren hierarchischen Organisation“, betont der Firmenchef. Außerdem stehen Geschäftsführer, Verlagsleiter und andere Führungskräfte direkt in der Ergebnisverantwortung, übernehmen die Rolle des Mitunternehmers und sind am Erfolg beteiligt.

Albrecht Hauff arbeitet nicht nur im, sondern auch am Verlag. Die Zukunft zu gestalten, ist eines seiner großen Themen. „Ich glaube, Verlage werden als Arbeitgeber häufig nicht so attraktiv wahrgenommen, wie sie tatsächlich sind.“ Also müssen sie sich zeigen, erklären, offensiv werden. Stichwort: „Employer Branding“. „Der Wandel unserer Branche hört nicht auf, die Geschwindigkeit nimmt zu. Da warten gerade auf digital affine Leute sehr spannende Aufgaben“, betont Hauff. Neulich hat er bei einem Mittagessen mit jungen Mitarbeitern aus der so genannten „Generation Y“ etwas keck in die Runde gefragt, ob sie denn nicht lieber für ein Start­up tätig wären. Eine Antwort hat dem Verleger ganz besonders gut gefallen. „Wenn man jung ist auf jeden Fall“, lautete sie, „aber wenn man selbst erwachsen wird, ist es schön, auch in einem erwachsenen Unternehmen zu arbeiten.“

Ein Grund mehr, die 2013 gestartete Thieme Akademie, ein Programm zur Personalentwicklung, weiter auszubauen. Denn, so Hauff, „wir leben von den Fähigkeiten und der Qualifikation unserer Mitarbeiter.“ Was seine eigene Zukunft angeht, so hat der sportlich-­schlanke Sechziger bis auf weiteres nicht vor, kürzer zu treten. Und doch sind die Fakten klar: Albrecht Hauff, der nach seinem Bwl-­Studium seit 1982 im Verlag arbeitet und ihn seit 1990 als persönlich haftender Gesellschafter führt, hat die längere Strecke seines beruflichen Wegs hinter sich. Ob Thieme nach ihm ein Familienunternehmen bleibt, das in der fünften Generation geleitet wird? Vor einem Jahr wurde ein Beirat gegründet, eines der vier Mitglieder ist seine Tochter.

Klar, Hauff würde sie gerne irgendwann als seine Nachfolgerin sehen. Aber er hat nie gedrängt, sondern will ihr die Entscheidung so frei wie möglich machen. Weil er sich für sie wünscht, was ihm widerfahren ist. „Ich hoffe, dass meine Tochter im Leben so glücklich wird wie ich.“

15 Fragen an den Verleger Albrecht Hauff

Welches Buch lesen Sie gerade? Judas von Amos Oz

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag? Stuttgarter Nachrichten und FAZ

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten? ARD Sportschau und Spiegel Online

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind? Thieme als Familienunternehmen zu erhalten

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte? Bleibt mein Geheimnis

Die wichtigste Fähigkeit eines Verlegers? Vorlegen

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner? Meine Frau

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt? Bleibt auch mein Geheimnis

Was treibt Sie an? Erfolg

Ihr Lieblingsberuf nach Verleger? Sportreporter

Ihr Lebensmotto? Leben und leben lassen

Ihr größtes Laster? Mein Gendefekt – ich habe ein Nicht­-nach Hause­-Ge(h)n

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Meinen Lastern frönen

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten? In Stuttgart

Welchen Wunsch wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen? Besser Klavier spielen