Der frühere IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck ist im (Un)Ruhestand zu einem gefragten Redner, Buchautor und Wandelerklärer geworden. Er geißelt die Sucht nach Aufmerksamkeit und die Hirn-Quickies, die das Internet zum Sudelgebiet machen. Aber vor den Folgen der Digitalisierung soll sich niemand fürchten: Was wir gerade erleben, ist „die Geburtswehe einer besseren Welt“.

Von Roland Karle, Freier Journalist, Neckarbischofsheim

Gunter Dueck scannt mit den Augen seine Umgebung, blickt freundlich, spricht ohne Tremolo. Manchmal wirkt es, als würde er gleich den Faden verlieren, aber das passiert ihm natürlich nicht. Wenn Dueck kurze Redepausen macht, atmet er zuvor kräftig durch die Nase aus. Das Stammeln und Schnauben, schrieb mal eine Journalistin, habe er zu einer Kunstform erhoben. Fein dosiert setzt der Mann sein rhetorisches Werkzeug ein. Gerade so oft, dass es noch sympathisch statt seltsam wirkt und nicht zur nervenden Masche wird.
Auf der Bühne und am Mikrofon ist Gunter Dueck längst zum Profi geworden. Ein Souverän seiner Sinne, der intellektuelle Brillanz in scheinbar lässig daher Gesagtes verpackt. Ein paar hundert Vorträge hat er in den vergangenen Jahren gehalten, seit Herbst 2011 in zunehmender Frequenz. Da hatte der Cheftechnologe von IBM Deutschland das dort geltende Renteneintrittsalter erreicht. Dass er deswegen die Arbeit einstellen würde – für ihn völlig unvorstellbar. Nicht, weil Dueck zum Kreis der Workaholics zählt, sondern weil er sonst seinen Geist zügeln müsste, den es durchaus nach draußen drängt. „Meine liebste Beschäftigung ist Nachdenken“, sagt der 65-Jährige. Das treibt ihn an, das hält ihn frisch. „Ich will immer Neues verstehen, Altes wirklich begreifen – und anderen möglichst viel davon mitgeben.“

Das tut er auch an diesem Januarabend in Heidelberg. Gunter Dueck ist zu Gast im Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI), referiert im dicht besetzten großen Saal über Aufmerksamkeitsökonomie und ihre Folgen. Der Titel ist knackig gewählt: „Flachgeist siegt“. Er bezieht sich auf Duecks jüngstes Buch, das zu diesem Zeitpunkt gerade gedruckt wird: „Flachsinn. Ich habe Hirn, ich will hier raus.“ Das World Wide Web beherbergt den gigantischen Kulturschatz der Welt, aber ermöglicht auch, dass darin jeder Quatsch zum Ereignis werden kann. Rummel zu erzeugen, ist durch das Internet leichter geworden. „Wir pimpen uns, wir stellen uns heraus, wir steigern die Zahl unserer Facebook-Freunde und Follower – wir werden von einer Art Sucht ergriffen, wie sie die Zocker am Aktienmarkt befällt“, erklärt der Autor. Aber was da zum Zwecke der Aufmerksamkeitsverwertung aufgefahren wird, neutralisiere sich lärmend selbst. „Die Extreme heben sich auf, denn das Laute nützt im Lärm ja nichts.“

Dabei ist Dueck kein Digitalverweigerer, Internetbanause, Gestern-Bewahrer, sondern ganz sicher das Gegenteil. Doch er seziert scharf: Im Netz werden wir permanent bombardiert von Nachrichten und Angeboten, sind von Flachsinn umzingelt. Der Pegel an Flachgeistigem steigt weiter, Wichtiges und Ernsthaftes drohen unterzugehen. Je schriller, je bunter, je tabubrechender, desto aussichtsreicher ist es, Aufmerksamkeit zu erzeugen, stellt Dueck fest. „Können wir intensiv diskutieren? Nein, gerade nicht, denn da kommt schon die nächste Eilmeldung.“

So folgt ein „Hirn-Quickie“ auf das nächste. Wer zu viel davon konsumiert, ernährt sich ungesund. Geistige Vollkost setzt sich anders zusammen: Grübeln und forschen, suchen und streiten, Geduld haben, Gedanken reifen lassen. Notwendige Zutaten, die vor digital ausgelöster Überzuckerung schützen. Dueck sagt, dass sich die gegenwärtige Wildwestzeit des Internets von selbst in ruhigere Bahnen lenken wird, aber man brauche nicht ohnmächtig darauf zu warten. Weil sich heute alles so schnell ändere, „müssen wir eine Art neuer Intelligenz in uns ausbilden, die erkennt, was Aufmerksamkeit auf sich zieht – und was sie verdient“. Offiziell ist Gunter Dueck schon seit Jahren im Ruhestand, aber von solch formalen Nebensächlichkeiten lässt er sich nicht bremsen. Ein einziger Begriff reicht nicht aus, um sein Wirken zu beschreiben. Er selbst nennt sich Keynote Speaker, Publizist, Schriftsteller – und Weltverbesserer.

Nicht in jedem Mathematiker, der er ist, vermutet man einen „Weltverbesserer“. Nun gut, es gibt Vorbilder wie den außergewöhnlichen Gottfried Wilhelm Leibniz, der diese Kategorie anführt. Doch der vor 300 Jahren gestorbene Universalgelehrte hat Dueck nicht dazu angestiftet. Seine Motive sind aktueller und naheliegender. Um sie zu verstehen, hilft ein Blick zurück: Der kleine Gunter wuchs auf einem Bauernhof in Groß Himstedt bei Hildesheim auf. Dort bewegten sich Kühe zwischen Stall und Weide, Hühner liefen gackernd über den Hof und, wie Dueck prosaisch in seinem Buch bemerkt, „Sperlinge stahlen ihnen in stets glücklich tschilpender Stimmung das Futter“. Damals wurde noch händisch Obst und Gemüse gepflanzt, „vieles lagerte im kühlen Sand für den Winter. Alles sah vielfältiger aus“, schreibt Dueck.
Dann drangen motorisierte Fahrzeuge und Maschinen in die Landwirtschaft, Kunstdünger wurde eingesetzt, auf viehlose Ackerbetriebe umgestellt. „Ich habe erfahren, wie mein ganzes damaliges Leben von Mähdreschern und Treckern radikal verändert wurde. Das geschieht heute nochmals. Diesmal ist es das Internet, begleitet von der damit möglichen Globalisierung“, so Dueck. Er nimmt sie wahr, die Anpassungsschmerzen, über die so viel gejammert wird. Aber er will nicht einstimmen in den Chor der Klagelieder. „Ich will, dass es die Geburtswehe einer besseren Welt ist“, bekräftigt Dueck.

Der Wandelerklärer fragt, warum alle um die schwindenden Bankfilialen und die Bücher aus Papier weinen; warum sie über ständige digitale Erreichbarkeit klagen und digitale Dekadenz befürchten. „Unsere Kultur erlebt einen Bruch, ähnlich wie ich das in meiner Jugend erlebt habe.“ Aber das heißt für ihn auch: „Wir dürfen uns eine neue Lebenswelt erschaffen – und da will ich mitmachen.“

Gunter Dueck ist empfindsam für Veränderungen, aber schmerzfrei. Er spürt sie und, mehr noch: Er analysiert, was passiert – mit der Präzision und Gedankenschärfe des Mathematikers. „Unsere Profession zeichnet eine nüchterne Herangehensweise aus“, sagt Dueck. „Es geht nicht darum, nett zu sein, sondern klar.“ Was, nebenbei erwähnt, nicht heißt, dass der Mann abweisend, in sich gekehrt oder gar mürrisch auftritt. Vermutlich fehlt ihm das Talent, um siebzehn Lebensversicherungen an einem halben Tag zu verkaufen oder zum Mitarbeiter des Monats im Call Center aufzusteigen, aber das spricht eher für ihn. Er wirkt wie jemand in gesunder Balance. Sagt über sich: „Ich bin ein glücklicher Mensch.“ Und zu beneiden von allen, die es im Beruf anders erleben. „Ich hatte keinen Ärger, der mir jetzt einfiele. Echt nicht!“

Dueck ist selbstironisch genug, um eine Anekdote aus seiner IBM-Zeit preiszugeben. Dort sei er öfter mit gesenktem Haupt und verengtem Blick durch die Flure gegangen. Menschen, die ihm begegneten, konnten leicht einen falschen Eindruck gewinnen. „Die waren beleidigt und dachten, ich will sie nicht grüßen. Dabei hatte ich sie gar nicht wahrgenommen, weil ich gerade am Denken und Arbeiten war.“

Mehr als ein Dutzend Bücher hat der Mathematiker in den vergangenen 15 Jahren geschrieben. Unter anderem legte er dreibändig seine ganz eigene Philosophie (Omnisophie, Supramanie, Topothesie) dar. Zu seiner Bibliographie gehören Titel wie „Der Mensch in artgerechter Haltung“, „Abschied vom Homo Oeconomicus“ (2007), „Das Neue und seine Feinde“ (2013), „Schwarmdumm“ (2015). Die jüngsten Titel wurden Bestseller in der Wirtschaftspublizistik. Das neueste Werk „Flachsinn“ ist ebenfalls auf dem Weg dorthin. Als selbstständiger Publizist und Redner lebt Gunter Dueck gerade seine dritte Karriere aus. Nach dem Abitur 1969 am Scharnhorst- Gymnasium in Hildesheim studierte er Mathematik und Betriebswirtschaft an der Universität Göttingen und schlug eine akademische Laufbahn ein. Nach Promotion (1977) und Habilitation (1981) an der Universität Bielefeld lehrte er dort als Professor für Mathematik. Zu den wenig bekannten und daher nicht gewürdigten Leistungen zählt, dass er dort in seinem Dienstzimmer eine beachtliche Zahl an Kakteen züchtete – und jede einzelne mit lateinischem Namen ansprechen konnte.

1987 wechselte Dueck an das Wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg, wo er fast 25 Jahre lang arbeitete, zuletzt als Chief Technology Officer (CTO). In der Rhein-Neckar-Region ist er heimisch geworden, lebt mit seiner Frau Monika in Waldhilsbach, einem Ort mit rund 1.400 Einwohnern unweit von Heidelberg. Auch seine beiden Kinder sind dort groß und klug geworden. Beide haben promoviert, Anne in Biochemie, Johannes wie sein Vater in Mathematik.

Gunter Dueck pflegt ein unverkrampftes Verhältnis zu Veränderungen, weil er logisch begabt ist: Er stellt Diagnosen und leitet Therapien daraus ab, so wie das Ärzte tun. In der Wirtschaft allerdings, das weiß der frühere Manager und publizierende Management-Kritiker nur zu gut, „fürchten sich viele vor der Therapie und blenden deshalb die Diagnose aus“. Das Bessere hat es schwer sich durchzusetzen, wenn die Frage regiert, welche Folgen das für den Einzelnen, seinen Arbeitsplatz, seine Tätigkeit, seine Zukunft hat. Auch Medienschaffende kleben nach Duecks Diagnose zu oft am Bestehenden. „,Wie rette ich mein altes Geschäftsmodell?‘, das ist die falsche Frage. Was ein Medienunternehmen ist und was es in der digitalen Epoche auszeichnet, das wird gerade neu definiert“, sagt er. Auf den Einwand, dass viele Verlage und Sender immer noch gutes Geld verdienen und es doch töricht wäre, damit aufzuhören, reagiert er warnend und unternimmt einen gedanklichen Ausflug in die Automobilindustrie. Auch die verdiene prächtig, aber die meisten Firmen orientieren sich, ähnlich wie die Medienunternehmen, nur an ihren Wettbewerbern. Mit dem zukunftsträchtigen Elektro-Auto beschäftigen sie sich eher nebenher. „Benzinmotoren bauen ist Physik, Batterien entwickeln ist Chemie – das sind zwei verschiedene Welten. Und das Neue ist nicht nur kompliziert, sondern gefährdet auch noch das gewohnte Geschäft. Also lassen sie es lieber bleiben“, erklärt Dueck.

Neuheiten werden häufig erst mal unterschätzt. Banker berichten, dass in den Filialen niemand nach Internetbanking gefragt habe. Automanager belächeln die Idee des Carsharings. Verlage bieten ePaper an, weil das halt modern ist. „Zu oft wird verkannt, welche wirkliche Innovation hinter solchen Entwicklungen steckt“, sagt Dueck. Von einem geringen Marktanteil dürfe man sich nicht täuschen lassen. „Die Faustformel lautet: Zehn Prozent Neues killt 90 Prozent Altes.“

Dueck sagt, es lasse sich gut prognostizieren, ob bisherige Angebote abgelöst werden, aber schwierig, mit welcher Geschwindigkeit das passiert. „Als um die Jahrtausendwende Wikipedia aufkam, habe ich mit dem Brockhaus-Verleger gewettet, dass er in zehn Jahren keine Lexika mehr drucken würde. Zehn Jahre? Die letzte 21. Auflage erschien 2006“, erzählt der Denker. Inzwischen ist auch Wikipedia in die Jahre gekommen. Und Dueck staunt, dass sich nichts wirklich Neues tut. „Wikipedia mit Grafiken, Fotos und Filmen aufzurüsten, dafür wären Medienunternehmen prädestiniert“. Wikipedia ist mehr als ein Online-Lexikon. Es steht exemplarisch für eine moderne Art, mit Wissen umzugehen. Auch davon könnten Verlage lernen. Es entstehe ein enormer Bedarf an Bildern und Videos, speziell für Schule, Bildung, Wissenschaft, beobachtet Dueck. „Klassisch denken Verleger darüber nach, wie sie das Wissen in Bücher oder in Zeitschriften packen. Aber digital geht das viel besser, zumal wir uns ohnehin heute ganz überwiegend im Netz informieren und lernen.“

Warum also drucken etwa Verlage noch so viele Lehrbücher, wenn es bessere Alternativen gibt? Gunter Dueck schlägt vor, ein digitales Medizinbuch zu produzieren, das für alle wichtigen Krankheiten dreidimensional aufgenommene Patienten zeigt. Oder eine Datenbank mit jeweils 100 Hörproben von Reizhusten, Keuchhusten und Bronchitis. Oder die Innenansicht von 100 gesunden und kranken Ohren. „Ein Bild hilft beim Verstehen, aber man braucht viele für so etwas wie Erfahrung. Die Mitmach-Methode, wie wir sie von Wikipedia kennen, lässt sich dafür hervorragend nutzen.“

An diesen Beispielen lässt sich studieren, wie man die Vorteile und Spielregeln der digitalen Welt nutzt, inklusive der damit einhergehenden Aufmerksamkeitsökonomie. Professoren, die Vorlesungen dann für gelungen halten, wenn sie in möglichst viele gequälte Studentengesichter schauen, kleben fest in der alten Welt. „Tiefsinn bekämpft den Flachsinn nicht durch verachtende Abkapselung“, sagt Dueck. Flugs fällt ihm ein, wie Medien die Hörsäle erobern könnten, etwa indem sie „Vorlesungen online wie einen Blockbuster aufpeppen, einzelne Themen multimedial vertiefen, zum Beispiel durch Videosequenzen, animierte Bilder, Zugriff auf spezielle Datenbanken“. Hier kämen verlegerische Kernkompetenzen zum Tragen: Inhalte beschaffen, aufbereiten, verbreiten.

Gunter Dueck, der im Jahr zwischen 70 und 80 Mal für Vorträge gebucht wird, ist selbst zu einer Marke geworden. Seine ersten Vorträge vor IBM-Kunden hielt er Anfang der 2.000-er, daraus entwickelten sich ein gesundes Sendungsbewusstsein und Spaß an der Sache. Er beherrscht es, feine Prisen von Sarkasmus und Humor in seine Reden zu streuen. Seine Analysen gewinnen dadurch an Unterhaltungswert.

In den vergangenen Jahren hat Dueck deutlich an Bekanntheit gewonnen, nicht nur wegen der steigenden Zahl an Auftritten und Buchverkäufen. Er ist im Social Web auf Facebook, Twitter & Co unterwegs, betreibt die Homepage Omnisophie.com mit fast 3.000 täglichen Besuchern und gibt zwei Mal im Monat den Newsletter „Daily Dueck“ heraus, den 11 000 Leute abonniert haben. So ist Dueck selbst zu einer Marke geworden. „Das habe ich auch dem Internet zu verdanken“, sagt er. „Youtube hat mein Leben verändert.“ Was für eine Diagnose. Und wie kommt er darauf? Vor etwa sechs Jahren erschienen die ersten Videos seiner Vorträge auf Googles Bewegtbildkanal. Mit starker und wachsender Resonanz. „Das war eine einschneidende Veränderung, im Positiven. Dabei befürchtete ich zunächst, das könnte ein Fehler sein“, gesteht Dueck.

Ein Irrtum. Dueck wird nicht trotz, sondern auch wegen seiner Präsenz im Internet gebucht. Die Leute kennen ihn aus Youtube und wissen, was er auf der Bühne tut, wie er sich gibt und wie er wirkt. So werden die Auftritte nebenbei zum Vorstellungsvideo. „Manchmal werden Vorträge bestellt mit dem ausdrücklichen Wunsch, genau diesen Witz oder jene Anekdote zu erzählen“, sagt Dueck.

Er sei zwar schon im fortgeschrittenen Alter, fühlt sich aber wie ein „Digital Native“. Was das Internet mit den Menschen anstellt und umgekehrt, warum es eine neue (digitale) Infrastruktur und Intellektuelle braucht, die ein „Culture Valley“ aufbauen, das können wenige so verständlich machen wie Dueck. Deshalb wird auch sein „Flachsinn“-Buch schnell auf Bestsellerpositionen klettern und wo er auftritt, werden sich Zuhörer scharen. Da kann es Gunter Dueck leicht verkraften, dass es mit seinem liebsten Beruf, Dichter zu werden, nicht ganz geklappt hat. Nur ein bislang unerfüllter Wunsch schmerzt ihn: Sein Vampirroman „Ankhaba“, vor gut zehn Jahren in Kleinstauflage erschienen, ist ihm eine Herzensangelegenheit. Den sähe er gerne verfilmt oder zumindest von einem renommierten Verlag ins Regal gebracht.