Der Mann ist nicht zu fassen. Er blättert mit Vorliebe in Zeitschriften, deren Sprache er nicht versteht. Rund zwei Dutzend Bücher stammen aus seiner Feder. Mehr als hundert Magazine und Zeitungen tragen seine Handschrift. Das ist längst nicht alles, was Helmut Ortner zu einer bemerkenswerten Person macht.

Von Roland Karle

Ein leichtes Bedauern schwingt mit, wenn sich Helmut Ortner an Vollbrachtes erinnert. „Als ich 50 wurde, da bin ich 10.000 Kilometer im Jahr gefahren.“ Inzwischen schaffe er nur noch das halbe Pensum. Nur noch? Für Otto Normalradler klingt das nach Leiden auf hohem Niveau. Unsereins würde sich „von“ schreiben und frohlocken über den Tachostand, den der 66-­Jährige in seiner Freizeit fabriziert.

k-Ortner_helmut_4821nAls junger Bursche war Ortner ein richtig talentierter Pedaleur, wurde Hessen-­ und Frankfurter Straßenmeister. Die guten Beine sind ihm geblieben, ebenso der Drang, aufs Rad zu steigen. Gerade erst war Ortner für eine Woche auf Mallorca und hat mal locker 700 Kilometer weggestrampelt. Die Touren empfindet er nicht als anstrengend im eigentlichen Sinn, sondern als Vergnügen. Mehr noch: „Da kann ich herrlich entspannen, genießen und nachdenken.“

Seiner Arbeit kommt das zugute. Im Sattel, rollend auf der Ebene, gestreichelt vom Fahrtwind, da ist ihm schon so manche Idee zugeflogen. Kreativer Treibstoff, von dem Ortner lebt und wofür er geschätzt wird: In den vergangenen 20 Jahren hat der Mann mehr als 100 Magazine und Zeitungen geformt, ihnen Gesicht und Charakter gegeben. Genau gezählt sind es aktuell 106, mehrheitlich Zeitschriften.

Etwa zwei Drittel der Publikationen hat Ortner renoviert, die übrigen maßgeblich entwickelt. „Viele Titel, jeder ein Unikat“, das ist sein Anspruch. Egal, ob es um den Relaunch von Focus, Börsenblatt und Schiff & Hafen geht, den Wiesbadener Kurier, die Jüdische Allgemeine und Das Parlament. Ob er das Elternmagazin Kizz, die Kundenzeitschrift Planet Wincor oder Craft, das Magazin für Bierkultur, konzipiert. Ob er als Berater das Sein und Werden von Cicero, The European oder Bleib gesund mitbestimmt.

Nach amtlichen Maßstäben hat Helmut Ortner das Rentenalter erreicht. Was für ein Widerspruch zu seiner Erscheinung. Vital und sportlich, schlank und von der winterlichen Mittelmeersonne gebräunt, betritt er das Restaurant im Frankfurter Städel Museum, einen seiner Lieblingsorte. Es ist sein Geburtstag, aber er macht kein großes Aufheben darum. Dass er nun, gezählt nach Jahren, die Doppel­-Sechs erreicht hat, ist eine Tatsache, mehr nicht. Für den Ruhestand ist jemand wie er nicht gemacht. Klar, etwas kürzertreten, weniger Jobs annehmen, die bei aller Leidenschaft auch immer Verpflichtung mit sich bringen, das hat er schon ein paar Mal ernsthaft erwogen. Aber dann kommt wieder ein Anruf, ein Treffen, ein Angebot – und oft findet er die Projekte dann doch so spannend, dass er nicht nein sagen will.

Derzeit arbeitet er zum Beispiel für einen großen regionalen Zeitungsverlag. Es geht nicht um punktuelles Aufhübschen, sondern ums Grundsätzliche. Die klassische Zeitung verdient vielerorts noch gutes Geld, aber Auflage und Werbeaufkommen schrumpfen. Der Trend ist nicht ihr Freund, im Gegenteil: Die Aufenthaltserlaubnis in der Komfortzone ist abgelaufen. „Zeitungen stehen unter enormem Druck der Aktualität“, sagt Ortner über die „Postkutschen in der digitalen Welt“. Für ihn ist das ein Befund, kein Todesurteil. Es gilt, die richtigen Schlüsse zu ziehen: „Zeitungen haben eine Chance, wenn sie zum Wirklichkeits-­ und Welterklärer werden. Sie müssen in die Tiefe gehen, klug analysieren, eine Haltung haben. Dadurch können sich Zeitungen heute profilieren.“ Die Welt hat das gut hinbekommen, urteilt Ortner. „Sie hat sich radikal verändert, in Logo, Layout und Marke. Da wird visueller Journalismus großartig umgesetzt. Für mich ist Die Welt in der Anmutung die derzeit modernste deutsche Tageszeitung.“

Dass es den gedruckten Medien heute schlechter geht als in den Jahrzehnten zuvor, liegt am allerwenigsten an Helmut Ortner. „Der Mann, der Papier liebt“, wie die FAZ einmal über ihn schrieb, geht an keinem Kiosk und keiner Buchhandlung einfach so vorbei. Er muss da rein und kommt meist mit einem Packen Print wieder raus. „Ich bin ein echter Medienjunkie, immer interessiert und neugierig“, gesteht Ortner. Das gilt erst recht im Ausland, ob er nun gerade für einen seiner Kunden in London, Rotterdam, Sofia, Dubai arbeitet oder als Buchautor in Argentinien oder auf Sizilien weilt.

Wenn er die Sprache nicht versteht und der Inhalt wie Blindtext ist, gerade dann wird für ihn die Lektüre zu einer spannenden Entdeckungsreise. Dieses „optische Lesen“ schärft und schult den Blick. „Welchen Rhythmus hat die Zeitschrift? Wie ist die Dramaturgie, der Typo-­Mix, die visuelle Inszenierung? Das zu erspüren und zu erkennen, ist wunderbar.“ Ortner erzählt das nicht im Gestus des Altmeisters, der schon alles gesehen und erlebt hat. Die Augen sprechen mit, es sprudelt aus ihm heraus und seine Stimme klingt dann manchmal so wie die eines Jungen, der gerade vom total verrückten Kindergeburtstag nach Hause gekommen ist.

In Frankfurt nieselt es, ein trüber Märztag steuert auf die Kaffeezeit zu. Ortner bestellt einen Cappuccino. Die Hintergrundmusik im „Holbeins“ fühlt sich an wie ein flauschiger Teppich. Behaglich genug, um zu schwelgen in der Schönheit von Zeitungen, Magazinen und Büchern, die vielleicht nur Papierfreunde wie Ortner zu erkennen und zu genießen vermögen. Dabei ist er keineswegs digitaler Abstinent, ganz und gar nicht. Smartphone und iPad sind längst zu praktischen, gern genutzten Begleitern geworden.

Wenn Ortner wissen will, was sich gerade bei seinem Lieblingsfußballverein, der abstiegsstrudelnden Frankfurter Eintracht, tut, wischt er sich durch die „Adler­App“; einen Blick auf die mediale Morgenlage verschafft ihm Spiegel Online und, ganz wichtig: Mit einem Klick holt er sich die Zeitungs-­ und Magazincovers dieser Welt auf den Schirm. Medienjunkie, der er nun mal ist.

Was aber gar nicht geht: Bücherlesen auf elektronische Art. Dass es praktischer ist, besser zu transportieren, weniger Platz einnimmt – damit braucht ihm niemand zu kommen. Kann man ein E­-Book blättern, dass es raschelt? Verströmt ein E­-Paper den echten Duft von Druckerschwärze? Also!

Helmut Ortner trägt sein weißes Haar wuschelig. Passt irgendwie. Die Frisur wirkt ungezähmt und hat doch eine Ordnung. So ist der ganze Kerl: unangepasst und doch wiedererkennbar. Als Medienschaffender pocht er auf maximale Unabhängigkeit. Nie hat er sich festanstellen lassen. Ortner besitzt Chefqualitäten, wenn man darunter versteht, dass einer Überzeugungen vertritt und die Richtung vorgibt. Er hat ja auch als Chefredakteur gearbeitet, beim Stadtmagazin Prinz und beim Journal Frankfurt, aber ohne Angestelltenvertrag. Andere mögen das für ein Dokument der Sicherheit halten, Ortner fühlt sich damit unwohl, eingeengt. Säße er mit dem Philosophen Rousseau an einem Tisch, wären sie sich schnell einig: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“

Falsch wäre, daraus im Falle Ortner einen Hang zum Flatterhaften oder zur Unstetigkeit anzuleiten. Der Mann pflegt loyale Beziehungen, im Geschäftlichen wie im Privaten. Für zahlreiche Verlage und Auftraggeber arbeitet er seit Jahren immer wieder. Zum Beispiel für Burda und die Verlagsgruppe Rhein-­Main, für die AOK und den WDV Wirtschaftsdienst, für Verleger Wolfram Weimer und den Meininger Verlag in Neustadt an der Weinstadt. Apropos Meininger: Dort hat Ortner die damals junge Journalistin Julia Klöckner kennengelernt, heute rheinland­pfälzische CDU-­Chefin und fast gewordene Ministerpräsidentin. Die beiden sind mittlerweile seit rund 15 Jahren ein Paar. Dazu äußert sich Ortner nur knapp: „Ja, wir sind liiert.“ Mehr will er nicht sagen. Privat ist privat. Klöckner hält es genauso, hat aber in ihrem letztes Jahr erschienenen Buch „Zutrauen!“ über ihren 23 Jahre älteren Freund geschrieben, er sei ihr „erster und schärfster wohlwollender Kritiker. Ich habe die härteste Opposition am Küchentisch, die mich immer wieder Neues denken und überprüfen lässt.“

Ein guter Satz. Immer wieder Neues denken und überprüfen. „Der Mut zum Widerspruch ist mir inhärent“, sagt Ortner. Eine eigene Meinung hat er sich schon immer geleistet, noch bevor sich das Gefühl einstellte, auch ökonomisch unabhängig zu sein. Er lobt gern, zum Beispiel 11 Freunde, das es schafft, Leidenschaft für Fußball und Nähe zu den Fans in Print zu übersetzen. „Alles geschieht nach einem ganz und gar eigenen Rhythmus. Magazine sind ein Entschleunigungsmedium.“ Andererseits packt er Kritik nicht in Watte. Die Bunte zum Beispiel, die geht gar nicht. „Ganz gruselig“, sagt der Magazinprofi. Schon das Cover sei „beinahe ein Fall für Amnesty International“. Ortner: „Die hatten doch mal Stil, heute ist es Mainstream­Trash.“

Da liegt die Masterfrage an den Heftentwickler, Blattmacher und Ratgeber, mehr als hundertfach erprobt, nahe: Was zeichnet eine erfolgreiche Publikation aus – und wie macht man eine? Da bleibt Ortner dann doch die umwerfende Aha­-Antwort schuldig. Er gesteht: „Ich weiß bis heute keine generell anwendbare Rezeptur.“ Zu verschieden seien Titel und Macher, Leser und Zielgruppen, Märkte und Wettbewerb. Was seine Gültigkeit behält: Bei Print gehe es stets um die drei „N“s: Neues, Nähe, Nutzen. Und einen Rat hat er noch parat: „Es ist von Vorteil, wenn Art Direktoren journalistisch und Journalisten visuell denken.“ Dann kommt oft das heraus, was Ortner sein Leitmotiv nennt: Positive Irritation.

Der Inhaber von Ortner Printmedien – Concept, Consult, Relaunch – arbeitet als Ein-­Mann-­Betrieb. Ein Kunsthandwerker, der sich je nach Auftrag weitere Spezialisten dazu holt, meist reicht ein Art Director. Gedrucktes wird unter Druck bleiben, da will Helmut Ortner keine falschen Hoffnungen machen. Aber speziell Zeitschriften können in spitzen Segmenten durchaus mit einigen tausend verkauften Exemplaren wirtschaftlich bestehen, glaubt er. „Wichtig ist, dass Printmarken herausfinden, was ihre DNA ist, was sie einzigartig macht – und sich entsprechend positionieren.“

Ortner selbst hat sich auch positioniert. Aus sich heraus, ohne Kalkül. Dabei ist er kaum zu fassen, passt so recht in keine Schublade. Wenn schon, dann in mehrere – und der Schrank, der sie beherbergt, ist kein kleiner. In Oberbayern geboren, wuchs Ortner in Burghausen an der Salzach auf und zog später mit der Familie nach Frankfurt. Der heranwachsende Helmut genoss seine Kindheit und Jugend in einem liberalen Elternhaus. Nach der Schule begann er eine Lehre zum Schriftsetzer. Im doppelten Sinne eine prägende Zeit, in der er für sein berufliches Leben am meisten gelernt habe.

Akademisch schlug Ortner zwei Richtungen ein. Zuerst studierte er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, dann widmete er sich der Sozialpädagogik und Kriminologie an der Hochschule Darmstadt ein. Ortner arbeitete im Gefängnis und als ehrenamtlicher Bewährungshelfer; mit Mitte 20 startete er seine journalistische Laufbahn, veröffentlichte Artikel in Zeitungen und Magazinen, schrieb erste Bücher über „Gefängnis und Familie“, „Sozialarbeit ohne Mauern“, „Klauen“.

Das Buchschreiben ist ihm zur Passion geworden, zunehmend auch zu einem Anliegen. „Dieser Mann muss rehabilitiert werden“, sagt er zum Beispiel über Georg Elser, der nach einem gescheiterten Attentat gegen Hitler hingerichtet und nach 1945 sogar von Widerständlern diffamiert wurde. 1989 veröffentlichte Ortner im Moewig Verlag „Der einsame Attentäter. Georg Elser – der Mann, der Hitler töten wollte“. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 25 Jahre nach der Erstausgabe, gibt es auch eine argentinische Ausgabe.

Rund zwei Dutzend Bücher hat er neben seiner Arbeit als Printerneuerer und Magazinentwickler publiziert. Zum Beispiel über Roland Freisler, den „Mörder im Dienste Hitlers“, über „Fremde Feinde“, einen Justizmord. „Politik ohne Gott“ und „Das Buch vom Töten“ stammen ebenso aus seiner Feder wie der Kolumnenband „Widerstand ist zwecklos. Aber sinnvoll“. Darin schreibt Ortner: „Wir leben in Zeiten, in denen Amalgamfüllungen verboten werden, weil sie jemanden schädigen könnten. Aber Landminen dürfen weiter produziert werden.“

Er regt sich auf und ergreift Partei. Klagt an und setzt sich ein. Das macht aus dem Printprofi Ortner eine Persönlichkeit, die aus der Reihe tanzt. Vermutlich nehmen seine Auftraggeber das nicht nur in Kauf, sondern schätzen genau das an ihm.

 

15 Fragen an den Medienjunkie Helmut Ortner

Welches Buch lesen Sie gerade? Abwechselnd: „21.0. – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ von Andreas Rödder und „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig.

Mit welchen Medien beginnen Sie den Tag? Spiegel-­Online, Süddeutsche Zeitung, Adler­App (Eintracht Frankfurt).

Auf welchen Internetseiten verweilen Sie am längsten? Die Frontpages aller Tageszeitungen: www.newseum.org/todaysfrontpages und die besten Magazin-­Cover: www.coverjunkie.com. Als Radsportfan: www.bahamontes.be.

Die (berufliche) Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind? Immer auf Festanstellung verzichtet zu haben.

Die (berufliche) Entscheidung, die Ihnen am meisten Ärger brachte? Ein kirchenkritisches Journal­-Cover „Das Kreuz mit der Kirche“ (Unter uns: Es war viel zu freundlich…).

Die wichtigste Fähigkeit eines Medienentwicklers? Kreative Revolte. Positive Irritation.

Ihr bislang interessantester Gesprächspartner? Der Platz hier reicht nicht aus…. Erst letzte Woche, der Currywurst­-Verkäufer um die Ecke.

Von wem haben Sie beruflich am meisten gelernt? Von meinem Meister als Schriftsetzer-­Lehrling in der Druckerei Henrich.

Was treibt Sie an? Neugier – und die Angst vor Übergewicht.

Ihr Lieblingsberuf außer dem jetzigen? Radio­Reporter beim Giro de Italia.

Ihr Lebensmotto? Weitermachen! (Herbert Marcuse).

Ihr größtes Laster? Geduld.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten? Nichtstun. Oder Radfahren. Oder…Oder…

In welcher Stadt fühl(t)en Sie sich am wohlsten? Frankfurt.

Welchen Wunsch wollen Sie sich unbedingt noch erfüllen? Nochmal Montaignes Essais lesen, völlig entschleunigt, irgendwo am Meer.

 

Erschienen in impresso 2/2016